Attentat aus Angst vor Verhaftung?

Attentat aus Angst vor Verhaftung?

Nach dem Amoklauf in Lüttich ist die Zahl der Toten auf fünf gestiegen. Der 33-jährige Täter hat vor seinem Amoklauf noch die Putzfrau einer Nachbarin getötet. Über seine Motive herrscht weiter Rätselraten. Weil eine Anzeige gegen ihn vorlag, fürchtete er angeblich, inhaftiert zu werden.

Lüttich An der Bushaltestelle am Place Saint-Lambert im Zentrum Lüttichs legen Menschen Blumen nieder, Rosen vor allem. "Lasst uns Lüttich als Stadt des Friedens leben" steht auf einem Zettel, der trösten soll in der Trauer um die Opfer des Attentäters Nordine Amrani, der an dieser Stelle am Dienstag Mittag Granaten zündete und mit einem Sturmgewehr um sich schoss. Seither ist die belgische Grenzstadt nicht mehr dieselbe. Die Zahl der Toten erhöhte sich in der Nacht zu gestern auf fünf, weil ein 17 Monate altes Kind seinen Verletzungen erlag. Außerdem wurde in einem Schuppen des Täters die Leiche einer 45-Jährigen gefunden. Amrani habe die Putzfrau vor dem Massaker unter dem Vorwand in den Anbau gelockt, ihr Arbeit geben zu wollen, und sie dann getötet, berichtete "Sudpresse" unter Berufung auf die Staatsanwaltschaft. Mehr als 120 Menschen wurden bei dem Anschlag teils schwer verletzt.

Über die Motive des Täters wird nach wie vor gerätselt. Weil gegen Amrani eine Anzeige wegen eines Sittlichkeitsdeliktes vorlag, sollte er zum Verhör bei der Polizei erscheinen. Der 33-Jährige wurde rund 20 Mal wegen Waffen- und Drogenbesitzes, Hehlerei sowie Sexualverbrechen verurteilt. 2008 verdonnerten ihn die Behörden zu 58 Monaten Haft. Auf einen anonymen Tipp hin hatte die Polizei bei ihm Dutzende schussbereite Waffen und 9500 Waffenteile gefunden.

Im Oktober 2010 wurde Amrani auf Bewährung aus der Haft entlassen. "Er hatte eine feste Freundin, schien wieder eine Zukunft zu haben", sagte Cakti Erding, ein Bekannter des Täters, in der Zeitung "De Morgen". Doch im November 2011 ging bei der Polizei die neue Anzeige ein. "Er hatte Furcht, wieder inhaftiert zu werden", sagte sein Anwalt dem Blatt "La Libre Belgique". Aus diesem Grund habe Amrani ihn mehrfach angerufen. Auch die belgische Innenministerin Joëlle Milquet schloss sich dieser Vermutung im Rundfunk an. Andere Quellen sprechen von einem ausgeprägten Hass Amranis auf die Justiz.

Größere Gewissheit herrscht über den Ablauf des Anschlags. Demnach ist Amrani mit dem Wagen zum zentral gelegenen Place Saint-Lambert gefahren, ausgerüstet mit einem Revolver, einem Sturmgewehr und mehreren Handgranaten, die er in einem Rucksack aufbewahrte. Von einem Vorplatz aus warf er drei Granaten in den Unterstand einer Bushaltestelle, an der Jugendliche nach der Schule auf den Bus warteten. Nach der Explosion feuerte Amrani mit einem Gewehr in die Menge, bis sein Magazin leer war. Kurz darauf nahm er sich mit dem Revolver das Leben. "Was ihn tötete, war ein Schuss in die Stirn", sagte Staatsanwältin Danielle Reynders. In Amaris Rucksack fanden die Ermittler noch zahlreiche Granaten und Magazine für seine Schusswaffe.

Laut "Sudpresse" hatte Amrani am Vorabend seiner Freundin Geld überwiesen, keine große Summe, aber alles, was er hatte. Außerdem soll er ihr eine Botschaft hinterlassen haben: "Ich liebe dich, mein Schatz. Viel Glück!" Am nächsten Morgen begegnete er im Treppenhaus der 45-jährigen Putzfrau seiner Nachbarin und tötete sie im Schuppen hinter dem Haus. Eine Obduktion soll klären, ob er die 45-Jährige auch vergewaltigte. In der Innenstadt starben zwei Jugendliche, 15 und 17 Jahre alt, sowie das Kleinkind. Die zunächst als tot erklärte 75-Jährige lebe noch, sagte Reynders, befinde sich aber in kritischem Zustand. Ebenfalls nicht außer Lebensgefahr ist ein 20-Jähriger, der operiert werden musste.

Innenministerin Joëlle Milquet betonte gestern, in Belgien seien zu viele Waffen im Umlauf. Das Königreich gilt als Zentrum des Waffenhandels. Der Hafen von Antwerpen ist ein bekannter Umschlagplatz für organisierte Banden aus Nordafrika, dem früheren Ostblock und dem Balkan. Trotz eines verschärften Waffenrechts boomt der Schwarzmarkt, wo bis zu echten Kriegswaffen alles zu haben ist. Der Preis für eine Kalaschnikow liegt bei 1700 Euro. Für Kenner der Szene wie Amrani dürfte der Kauf also ein Kinderspiel gewesen sein. Das soll sich nun ändern. Die belgische Regierung will ihren Kampf gegen illegale Waffen verstärken. Eine Arbeitsgruppe soll entsprechende Rechts-Vorschläge erarbeiten. Erst aber wird getrauert. Gestern legten die Menschen in Lüttich eine Schweigeminute ein. Für Sonntag ist ein Gedenkmarsch durch die Lütticher Innenstadt geplant.

Internet Ein Land unter Schock. Video und Bilder aus Belgien unter www.rp-online.de/panorama

(RP)
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