ARD startet neu sortierte Talk-Woche

ARD startet neu sortierte Talk-Woche

Künftig wird im Ersten an fünf Tagen der Woche politisch diskutiert. Anne Will muss zum Beispiel für Günther Jauch vom Sonntags-Sendeplatz auf den Mittwoch ausweichen, auch Beckmann und Plasberg wechseln den Sendetag. Eine zentrale Gäste-Datenbank soll Doppelungen vermeiden.

Hamburg Das Thema von Anne Wills erster Sendung nach der Sommerpause hat nichts mit ihr selbst zu tun: Unter dem Motto "Wut im Bauch" wird über Jugendkriminalität diskutiert. Am Mittwochabend. Anne Wills Sonntagsplatz gehört ab sofort Neuzugang Günther Jauch, der dieses Recht aber erst ab 11. September einfordert. Los geht's mit der überarbeiteten, besser gesagt umsortierten ARD-Talkshow-Woche allerdings schon heute, mit Sandra Maischberger, die als einzige ihren Sendeplatz behält. Um es zu vereinfachen: Künftig wird im Ersten an fünf aufeinanderfolgenden Tagen mehr oder weniger politisch palavert. "Echte Vielfalt" nennt das Programmdirektor Volker Herres, "absurd" Bundestagspräsident Norbert Lammert. Anne Will liegt mit ihrem Kommentar irgendwo dazwischen – der neue Platz sei ein "kleines Risiko", aber auch eine "riesige Chance".

Angestoßen wurde das Talkshow-Karussell durch die Verpflichtung von Günther Jauch. Für den 55-Jährigen kam von Anfang an nur das Premium-Produkt in Frage: der Sonntagstalk. Das angestammte ARD-Personal rotierte; auf Geheiß der Führungsebene natürlich. Frank Plasberg vom Mittwoch auf den Montag, Reinhold Beckmann vom Montag auf den Donnerstag und Anne Will vom Sonntag auf den Mittwoch. Dort talkt sie jetzt nach modifiziertem Konzept – auf ein längeres Einzelgespräch folgen "Gegen- und Mitspieler", die das Thema, so der Grundgedanke, vertiefen. Denn am Sonntag, sagt sie selbstkritisch, sei das Motto "politisch denken, persönlich fragen" nicht immer eingelöst worden.

Bernd Gäbler, ehemaliger Leiter des Adolf-Grimme-Instituts in Marl, hegt grundsätzlichere Zweifel. In seiner Studie " . . . und unseren täglichen Talk gib uns heute" bescheinigt er den Talkshows geringen Informationswert und selten sachkompetente Gesprächspartner. Gäste müssten fernsehgerecht funktionieren, schlagfertig sein und meinungsstark. Der gesellschaftliche Wandel werde im TV-Diskurs weitgehend ausgespart, tatsächlich würden Themen verhandelt, die ohnehin in aller Munde seien. Dazu sind es auch immer dieselben Münder, die diese Themen servieren – künftig an fünf Abenden in der Woche. Nur der Moderator ist ein anderer.

Um dem vorzubeugen, läuft die Gäste-Koordination bei der ARD über eine eigens eingerichtete Datenbank. So soll die Chefredaktion früh Themen-Kollisionen verhindern und Talk-Touristen umbuchen. Beckmann befürchtete bereits, dass sich die Datenbank als "bürokratisches Planungsmonster" entpuppe. Programmdirektor Herres äußerte vorbeugend, dass es immer wieder Themen und Gäste geben werde, die mehrfach vorkommen. Dafür würden sich die Shows konzeptionell unterscheiden.

Tatsächlich gibt es Gäste, die – gefühlt – nur in Talkshows vorkommen. Und diese schöne Tradition bleibt im neuen Sendeschema erhalten. So diskutieren heute beispielsweise Publizist Hellmuth Karasek, Politikerin Jutta Ditfurth und Autorin Charlotte Roche mit Sandra Maischberger über die Sexualmoral 2011 (immerhin). Morgen darf unter anderem Veronica Ferres bei Anne Will etwas zum Thema Jugendkriminalität sagen, weil sie bald in einem ARD-Film zum Thema zu sehen ist. Was wiederum eine Gelegenheit für Reinhold Beckmann wäre, die Schauspielerin intensiv zu befragen. Oder für Frank Plasberg, um den Stoff in "Hart aber fair" aufzugreifen. Mal sehen, wie die Datenbank entscheidet.

Talkshow-Kritiker Gäbler empfiehlt, sowohl die ritualisierten Sendeabläufe aufzubrechen als auch das diskutierende Personal abwechslungsreicher und bürgernäher zu gestalten. Auch die Themen müssten nicht nur altbekannte Debatten spiegeln, sondern neue, relevante setzen. Die Strukturen seien viel zu formatiert, um die verhandelten Probleme wirklich zu erhellen. Genau das aber verspricht sich Herres von der reformierten Talk-Woche: eine Stärkung der Information. Marktanteile seien nicht entscheidend. Vorläufig. NDR-Intendant Lutz Marmor sieht Anne Will unter keinem sofortigen Erfolgszwang. Das klingt forscher.

Beim ZDF wartet man daher ab. Dort diskutiert nur Maybrit Illner politisch (donnerstags), Markus Lanz gilt als Allerweltsplauderer. In diese Kategorie fällt übrigens auch ein anderer Zukauf der ARD: Ab Januar talkt Thomas Gottschalk an vier Tagen im Vorabendprogramm. Tagesaktuell. Die Datenbank der ARD benötigt viel Speicherplatz.

(RP)
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