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Berlin: Altersarmut: Senioren werden kriminell

Berlin : Altersarmut: Senioren werden kriminell

Die Gesellschaft altert – und mit ihr die Straftäter. Im vergangenen Jahr waren mehr als sieben Prozent aller erfassten Tatverdächtigen 60 Jahre und älter. Das stellt auch Polizei und Justiz vor Probleme.

Die Gesellschaft altert — und mit ihr die Straftäter. Im vergangenen Jahr waren mehr als sieben Prozent aller erfassten Tatverdächtigen 60 Jahre und älter. Das stellt auch Polizei und Justiz vor Probleme.

Man nannte sie die "Opa-Bande". Der jüngste im Bankräuber-Trio war 64 Jahre alt, der älteste 74. Alle drei wurden für neun Jahre ins Gefängnis geschickt, weil sie keineswegs "liebe Großväter" waren, sondern Schwerverbrecher, die in 16 Jahren 14 Geldinstitute ausgeräumt hatten. So jedenfalls begründete der Richter in Hagen 2006 die Strafe für die Senioren.

Vielleicht hat sich da schon der — auch demografisch bedingte — Trend angekündigt: Ältere sind nicht immer nur Opfer von Kriminalität, sie sind zunehmend auch Täter. Oliver Malchow, Bundesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP), rechnete gestern auf einer Fachtagung über Seniorenkriminalität in Berlin vor: 2012 wurden laut Statistik des Bundeskriminalamtes (BKA) 152 000 tatverdächtige Frauen und Männer über 60 Jahren registriert. Das sind mehr als sieben Prozent aller erfassten Tatverdächtigen. "Aufgrund einer alternden Gesellschaft werden wir auch zukünftig vermehrt ältere Straftäter haben", sagte Malchow. Sozialwissenschaftler von der Kriminologischen Forschungsstelle in Hannover gehen sogar davon aus, dass 2030 die Zahl der Gesetzesbrecher über 60 Jahren die Zahl der straffälligen Heranwachsenden erstmals übertreffen werde.

Auch die Gewaltkriminalität von senioren gegen Senioren in der häuslichen Pflege könnte weiterhin steigen: "Das bleibt für die Polizei ein schwer zugänglicher Bereich", sagte Thomas Görgen, Professor an der Deutschen Hochschule der Polizei. Auch Altersarmut spiele eine Rolle. Älteren Menschen fiele es oft schwer, finanzielle Hilfe von Kindern oder Enkeln anzunehmen, sagte Horst Weipert von der Sozialakademie Potsdam. Die GdP forderte deshalb mehr Fortbildungen für Polizisten. Malchow: "Wie geht man zum Beispiel mit einem dementen, gebrechlichen Mann um, der noch die Kraft hatte, seinen Zimmernachbarn zu töten."

Der Kriminologe Frieder Dünkel warnte jedoch vor einem Bedrohungsszenario. Insbesondere auf Täterseite "haben wir es im Allgemeinen nicht mit besonders schwerwiegender Kriminalität zu tun", sagte der Greifswalder Professor. Demnach begehen Straftäter ab einem Alter von 60 Jahren vorwiegend Bagatelldelikte — etwa Ladendiebstähle, Beleidigungen oder fahrlässige Delikte im Straßenverkehr.

Die Experten wiesen auch darauf hin, dass es in einer älteren Gesellschaft auch mehr Opfer im Seniorenalter geben werde. Bundesweit wurden laut Kriminalstatistik im vergangenen Jahr knapp 55 000 Menschen ab 60 Jahren Opfer von Straftaten — knapp 2000 mehr als in 2011.

(RP)