Staatsbegräbnis für Königin Elizabeth II. „Selten ist ein Versprechen so gut gehalten worden“

London · Ein Königreich steht still. Schulen und Supermärkte sind geschlossen, Kinos machten ebenso ihre Türen dicht wie Büros, Geschäfte, Arztpraxen oder Fabriken. Denn am elften Tag nach ihrem Tod wurde Elizabeth II. beigesetzt. Dekan David Hoyle findet bewegende Worte.

Beerdigung von Queen Elizabeth II.​: Der Trauermarsch in Bildern
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So läuft der Trauermarsch von der Westminster Abbey zum Wellington Arch

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Foto: AFP/LOUISA GOULIAMAKI

Selbst der Himmel über London blieb still. Der Flughafen Heathrow hatte über 200 Flüge umgeleitet oder gestrichen, damit kein Lärm die Prozession stören konnte, als der Sarg der Queen durch die Straßen Londons geleitet wurde.

Die britische Regierung hatte den Montag zum „Bank Holiday“, zum arbeitsfreien Feiertag erklärt, damit das Volk das Staatsbegräbnis miterleben konnte. Die BBC und andere große Sender sorgten für die Übertragung des Staatsbegräbnisses, und weltweit, so schätzte man, verfolgten am Fernseher das Ereignis über vier Milliarden Menschen, mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung. Aber das kann nicht verwundern, wurde doch mit der Queen die wohl bekannteste Person auf dem Planeten zu Grabe getragen.

Queen Beerdigung: So verabschieden sich die Urenkel
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So trauern die Urenkel der Queen um ihre „Granny“

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Foto: AP/Phil Noble

Die Gästeliste für die Westminster Abtei, wo Elizabeth geheiratet hatte, wo sie gekrönt wurde und wo am Montag der zentrale Trauergottesdienst für sie stattfand, hatte den zuständigen Diplomaten des britischen Außenministerium schlaflose Nächte beschert. In kurzer Zeit mussten Einladungen an Würdenträger in der ganzen Welt koordiniert werden, was ein Beamter mit der „Organisation von einhundert Staatsbesuchen gleichzeitig“ verglich. Das größte Problem bereiteten die räumlichen und zeitlichen Beschränkungen. Wegen des begrenzten Platzes in der Abtei, konnten pro Land nur ein Staatsoberhaupt plus einem Partner oder Partnerin eingeladen werden. Zudem konnte man den hohen Gästen nicht erlauben, einzeln in Limousinen vorzufahren, denn das hätte viel zu lange gedauert. Stattdessen brachten luxuriöse Reisebusse den Kaiser von Japan und all die anderen Aristokraten und Staatsoberhäupter zur Abtei. Eine Ausnahme allerdings wurde für den US-Präsidenten Joe Biden gemacht, der darauf bestanden hatte, in seinem gepanzerten Cadillac vorzufahren.

Um kurz vor zehn Uhr morgens begann Elizabeths allerletzte Reise. Ihr Sarg, der in der Westminster Hall vier Tage lang aufgebahrt gewesen war, damit sich dort Hunderttausende von ihr verabschieden konnten, wurde in einer ersten kurzen Prozession zur nahe gelegenen Westminster Abtei gebracht. Dort hatten sich rund 2000 Gäste versammelt. Unter ihnen fanden sich neben den hohen Würdenträgern und Staatschefs auch normale Bürger und Bürgerinnen. Wie zum Beispiel Nancy O‘Neill aus Bradford, die seit 41 Jahren für den Nationalen Gesundheitsdienst (NHS) arbeitet. Sie wurde eingeladen, weil sie während der Corona-Pandemie ein Covid-Test-Zentrum organisiert hatte. „Es ist so surreal in der Abtei zu sein“, sagte sie. „Da werden Leute wie Joe Biden mich anschauen und denken: ‚Was macht diese kleine Frau hier‘.“ Auch Pranav Bhanov ist aufgrund seines Engagements während der Pandemie mit dabei. Der 34-jährige Anwalt hatte mehr als 1200 Essen an Bedürftige ausgeliefert. „Für mich ist die Queen wie eine zweite Großmutter“, sagte er, „ich bin so dankbar.“ Und Ella Marks wird eine der ganz wenigen Anwesenden sein, die schon die Krönung von König George VI. 1937 mitgemacht haben. Die 88-Jährige aus London erlebte das Spektakel als Dreijährige auf den Schultern ihres Vaters. Sie wurde eingeladen, weil sie seit mehr als zwei Jahrzehnten ehrenamtlich Hörbücher für Blinde aufnimmt.

„Erinnerung und Hoffnung sind heilige Pflichten“, eröffnete der Dekan David Hoyle den Trauergottesdienst und sagte: „Wir versammeln uns hier, um unseren Verlust zu betrauern und Elizabeths langes Leben von selbstlosem Dienst zu gedenken.“ Justin Welby, als Erzbischof von Canterbury das Oberhaupt der anglikanischen Staatskirche, erinnerte die Trauergemeinde an den Schwur, den die 21-jährige Elizabeth abgelegt hatte: „Ich erkläre vor euch“, versprach sie damals ihren Untertanen, „dass mein ganzes Leben, sei es kurz oder lang, dem Dienst an euch gewidmet sein wird.“ Es war das Versprechen von Selbstlosigkeit, Pflichtbewusstsein und Disziplin. Es bedeutete den öffentlichen Verzicht auf Selbstverwirklichung. Der Anspruch auf freie Entfaltung ihrer Persönlichkeit wurde ersetzt durch das fast preußisch anmutende Ideal, die erste Dienerin ihres Königreichs sein zu wollen. „Selten ist ein Versprechen“, sagte Welby, „so gut gehalten worden.“ Der Gottesdienst stand ganz im Zeichen des Dankes dafür: „Dienst im Leben, Hoffnung im Tod“, wie es Welby ausdrückte.

Queen: Das Staatsbegräbnis in Zahlen​
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Das Staatsbegräbnis der Queen in Zahlen

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Foto: dpa/Aaron Chown

Nach dem Gottesdienst wurde der Sarg auf eine olivgrüne Lafette, einen 123 Jahre alten Kanonenwagen, gesetzt, und die große Prozession begann. Auf dem Sarg lag der Royal Standard, die königliche Flagge, und darauf ruhten die Insignien ihrer Macht: Reichsapfel, Zepter und die Imperiale Staatskrone mit ihren 2868 Diamanten. Hinter dem Sarg gingen Charles III. und andere Mitglieder des Königshauses. Seit dem Begräbnis von Queen Victoria im Jahr 1901 ist es der Brauch, dass der auf einer Lafette ruhende Sarg nicht von Rappen, sondern von Matrosen der Royal Navy gezogen wird. Denn 1901 scheuten die Pferde, der Sarg Victorias drohte, zu Boden zu stürzen, und Prinz Louis von Battenberg schritt ein. Er empfahl König Edward VII. kurzerhand das Militär einzusetzen. Seitdem schreiten 98 Matrosen voraus und ziehen die tonnenschwere Lafette, und 40 Matrosen hinter ihr dienen als Bremser.

Diese prominenten Gäste trauern bei der Beisetzung der Queen
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Diese prominenten Gäste trauern um die Königin

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Foto: AFP/MARCO BERTORELLO

Es war ein farbenprächtiges und zugleich tristes Spektakel. Die Militärkapellen spielten Trauermärsche von Beethoven, Mendelssohn und Chopin im strikten Tempo von 75 Schlägen pro Minute. Das gab der schwere Schlag der Basstrommel vor: Es ist das Marschtempo der britischen Streitkräfte, reserviert für Begräbnisse und Trauerfeierlichkeiten. Salutschüsse und das Geläut von Big Ben erklangen im Minutentakt. Entlang der Strecke reihten sich die Mitglieder der Leibregimenter der Queen auf. Über viele Hundert Meter streckte sich der Trauerzug, immerhin marschierten Tausende Soldaten aller Waffengattungen. Von der Westminster Abtei und durch das Regierungsviertel Whitehall zog sich die Route, und weiter ging es dann auf den Prachtboulevard Mall. Am Buckingham Palast vorbei ging die Prozession und endete schließlich an der Wellington Arch. An den Seiten standen überall viele Reihen tief die Zuschauer und wussten, dass sie einem Ereignis beiwohnten, das es seit Menschengedenken nicht gegeben hat.

An der Wellington Arch war die Prozession zu Ende und der Sarg wurde in einen Leichenwagen gehoben, der ihn nach Windsor brachte. Dort, auf dem Schloss, das die Queen immer ihre Heimat genannt hatte, fand ein weiterer Gedenkgottesdienst statt, bevor die Fernsehkameras weggeschickt wurden. Denn der letzte Akt geschah unter Ausschluss der Öffentlichkeit nur im engsten Familienkreis: Am Abend fand ein privater Gottesdienst in der „King George VI. Memorial Chapel“ statt. Elizabeth II. wurde an der Seite ihres verstorbenen Gemahls Prinz Philip zur letzten Ruhe gebettet.

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