Leverkusen: Achtung! Es ist ausdrücklich verboten, diesen Artikel zu lesen

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Der Journalist Frank Überall spürt für ein Buch Sinn und Unsinn von Verbotsschildern nach.

Das Motiv hätte sich ein Kabarettist nicht besser ausdenken können: Auf dem Boden vor der Hauswand türmt sich das Sperrgut: Kartons, Schränke, ein kleines Sofa und jede Menge Plastiktüten - all das erinnert eher an eine Müllhalde als an den Vorplatz eines Mietshauses. Direkt über dem Chaos ist eine kleine, rote Warntafel angebracht, auf der zu lesen steht: "Das Abladen von Sperrmüll ist strengstens verboten! Achtung Videoüberwachung. Jede Zuwiderhandlung wird angezeigt."

Es ist beileibe nicht das einzige skurrile Motiv, das der gebürtige Leverkusener Frank Überall und sein Mitautor Wolfgang Jorzik rund um Verbote und deren Beschilderung in Deutschland zusammengetragen haben - aber zweifellos eines der aussagekräftigsten. Die Botschaft: "Ohne Sanktionen machen Verbote keinen Sinn."

600 Fotos umfasst die Sammlung der beiden Journalisten, die vor Jahren als Kunstprojekt begann und immer weitere Kreise zog. In ihrem Buch "Es ist untersagt - Wie Verbote verwirren und warum wir sie trotzdem brauchen" haben sie jetzt die interessantesten Schnappschüsse veröffentlicht und eingeordnet.

In der Wahner Heide bei Rösrath findet sich beispielsweise ein "Naturschutzgebiet"-Schild, das Wanderer über die einzigartige Pflanzen- und Tiervielfalt informiert. Unmittelbar daneben warnt ein weiteres Schild: "Lebensgefahr! Das gesamte Gelände ist mit Kampfmitteln belastet." Die räumliche Nähe der Hinweistafeln sorgt für unfreiwillige Komik.

Auf der Wiese vor dem Kamelgehege im Zoo warnt ein kleines Schild "Bitte den Rasen nicht betreten", obwohl sich zwischen Rasen und Zoobesuchern ja noch eine Absperrung befindet.

Sogar an den mobilen Gangway-Treppen, über die auf deutschen Flughäfen Passagiere in die Maschinen steigen, warnen Schilder: "Mitfahren verboten".

"Überall, wo sich etwas verbieten lässt, haben wir Deutschen auch schnell das entsprechende Verbotsschild zur Hand", sagt Frank Überall. Das unterscheide uns von unseren Nachbarn, insbesondere jenen in Südeuropa, die bekanntlich nicht nur gerne mal rote Ampeln im Verkehr ignorieren.

Dem Verbots-Schilderwald nicht einfach zu "gehorchen", sondern sich gedanklich damit auseinanderzusetzen, ist eine Kernbotschaft dieses ebenso unterhaltsamen wie lehrreichen Buches, das die Thematik auch in Interviews mit Prominenten von unterschiedlichen Seiten anpackt.

Die Politik etwa spielt eine zentrale Rolle. "Ihre Verbote-Gesetzgebung ist ein ständiger Aushandlungsprozess", sagt Überall. Immerhin sei es noch nicht lange her, dass Homosexualität strafrechtlich verfolgt wurde, während Schmiergelder als "nützliche Aufwendungen" von der Steuer absetzbar waren. "Wann immer ein Problem identifiziert wird, dauert es meist nicht lang, bis ein Politiker vor laufender Kamera das erste Verbot fordert", betont der Professor für Kommunikation und Politikwissenschaft, der in Köln und Berlin lehrt. Wie sehr dieses Verbote-Verhalten selbst die politischen Entscheider nerven kann, schildert der ehemalige Bundesinnenminister Gerhart Baum (FDP) in dem Buch. Polizeigewerkschafter Sebastian Fiedler beschreibt, wie schmal der Grat zwischen notwendiger Ordnung und überflüssigen Eingriffen in die Freiheit manchmal ist. Psychologe Stephan Grünewald (Rheingold-Institut) wiederum spürt dem unwiderstehlichen Drang in uns allen nach, Verbote zu übertreten. Außerdem hat Überall noch mit Kabarettist Jürgen Becker, dem Theologen Bertold Höcker und Comedian-Mediziner Eckart von Hirschhausen gesprochen.

So unterhaltsam das "Verbote"-Buch auch ist - es hat einen traurigen Hintergrund. 2015 erlag Wolfgang Jorzik einem Krebsleiden. Seitdem verfolgte Frank Überall das Projekt allein weiter. "Die Arbeit an dem Buch hat mich meinem Freund noch einmal näher gebracht", sagt er.

Unzählige Male habe er beim Schreiben auf sein Telefon geschaut, in dem Jorziks Kurzwahl noch immer gespeichert ist, und sich gesagt: "Wie gern würde ich ihn jetzt einfach mal anrufen." Gewählt hat er die Nummer dann doch nicht - obwohl es nicht verboten gewesen wäre.

(RP)