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Skycab: Mönchengladbach und Aachen entwickeln Flugtaxis

Mobilität der Zukunft : Forscher aus NRW entwickeln Flugtaxis

Ein Konsortium aus Aachen und Mönchengladbach entwickelt im Projekt „Skycab“ ein Flugtaxi für vier Personen und prüft, wie es in den Luftverkehr integriert werden könnte. Das Bundesverkehrsministerium will für sein Fördergeld auch wissen: Welche Rolle können die kleinen Flugdrohnen im Mobilitätsmix der Zukunft spielen?

Fliegende Autos sind nichts Neues mehr. Kennt man aus Filmen wie „Zurück in die Zukunft“ oder „Blade Runner“. Vielleicht auch deshalb hält man die Fortbewegung via Kleinfahrzeug oder Kleinflugzeug durch die Luft für Science-Fiction und nimmt das nicht so ernst. Es gibt aber nicht wenige, die das doch tun. Und die sitzen nicht nur im Silicon Valley wie Google-Chef Larry Page mit seinem Flugtaxi „Kitty Hawk“. Sondern etwa in Aachen und Mönchengladbach.

David Osten vom Flughafen Mönchengladbach beschäftigt sich als Fluglehrer und Ingenieur für Luft- und Raumfahrtechnik im Moment mit nichts anderem als der Frage: Können Flugtaxis eine kluge Ergänzung sein, um im Mobilitätsmix der Zukunft andere Verkehrsträger zu entlasten? Diese Frage will etwa Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) beantwortet haben und hat dafür ein Förderprogramm für Lufttaxis und Drohnen aufgesetzt. Über vier Jahre will das Ministerium entsprechende Projekte mit insgesamt 15 Millionen Euro unterstützen.

2,6 Millionen Euro davon sind in Aachen und Mönchengladbach gelandet. Die FH Aachen soll mit einer Reihe Verbundpartnern, darunter der Flughafen Mönchengladbach, ein geeignetes Flugtaxi, das „Skycab“, bis zum Technologiereifegrad des Vorentwurfs entwickeln und untersuchen, wie ein kommerzielles Flugtaxi in das Mobilitätsverhalten der Menschen in der Region und in ihren künftigen Bedarf passt. „Drohnen und Flugtaxis haben ein enormes Zukunftspotenzial“, betont Minister Scheuer. „Wir wollen die Technologie deshalb aus dem Labor in die Luft bringen.“ Das Skycab-Team erarbeitet ein Geschäftsmodell, untersucht regionale Reiserouten und sucht nach technischen Lösungen.

David Osten ist überzeugt, dass das Lufttaxi ein wesentlicher Baustein sein kann. Als Zubringer auf dem Weg zum nächsten Flughafen, als schnelle Verbindung zwischen zwei Städten oder auch als On-Demand Taxi innerhalb einer Stadt könnte je nach Auslastung anderer Verkehrsmittel eine fliegende Gondel durchaus einen Nutzen in der Mobilität bringen. „Zu Lastspitzenzeiten kann ein Lufttaxi Verkehrsachsen entlasten“, sagt David Osten, betont aber auch: „Es kann aber auch herauskommen, dass Distanzen lieber komplett gefahren werden sollten. Wir untersuchen, auf welchen Strecken unter welchen Voraussetzungen der Einsatz des Lufttaxis Sinn ergibt.“

Die Idee ist nicht neu, auch Porsche, Boeing und Airbus haben ähnliche Pläne verfolgt. Airbus hat sein Flugtaxi im vergangenen Jahr öffentlichkeitswirksam einmal kurz abheben und ein paar Meter hin und her fliegen lassen, Minister Scheuer drückte damals auf den Startknopf. Danach kündigte Airbus Tests mit autonomen fliegenden Drohnen an. Das badische Unternehmen Volocopter entwickelt mit großem Aufwand (auch beim Personal) ein klassisches City-Lufttaxi, das Münchener Start-up Lillium hingegen setzt auf größere Reichweiten von bis zu 300 Kilometer, um eine Alternative zur Autobahn oder zum ICE zu bieten. „Die sind schon deutlich weiter“, gibt Ulrich Schückhaus zu, Wirtschaftsförderer in Mönchengladbach und Geschäftsführer der Flughafengesellschaft. Und so gibt es weltweit zahlreiche Modelle und Konzepte für Flugtaxis. Wirklich im Einsatz ist noch keines.

Das Skycab der Aachener und Gladbacher Partner soll aber wieder anders funktionieren. Es ist als eine Mischung aus Hubschrauber und Kleinflugzeug angelegt mit acht statt vier Rotoren. Das Gefährt hebt dadurch senkrecht in die Luft ab, gleitet dann aber wie ein Segelflieger dank seiner Tragflächen durch die Luft. Als Flugradius sind 100 Kilometer vorgesehen, das reicht für die Strecke Düsseldorf-Köln hin und zurück ohne Zwischenladung. Unter dem Katamaran-ähnlichen Fluggestell ist die Passagiergondel geplant, in der neben dem Piloten noch drei Fluggäste Platz finden. Am Ende des auf drei Jahre angelegten Projekts soll ein Demonstrator des Flugobjekts gebaut werden, der zwar nicht fliegen, aber Konstruktionsfehler offenlegen kann.

Die andere spannende Frage, wie ein Skycab in den Luftverkehr integriert werden kann, wird am Mönchengladbacher Flughafen ergründet, einem Regionalairport, der den letzten Linienflug schon vor zig Jahren hatte und den die Stadt endlich aus den roten Zahlen bringen möchte. Der Verkehrslandeplatz, wie es korrekt heißt, ist die Teststrecke für das Konsortium. „Wir haben hier die gesamte technische Infrastruktur, um das Skycab als Verkehrsmittel zu integrieren“, sagt Osten.

Dabei geht es in erster Linie um die Flugsicherung. Das Flugtaxi, so die Idee, fliegt in einer relativ geringen Höhe von nur etwa 300 Metern. Da ist das herkömmliche Flugradar aber weitgehend machtlos. Wie aber soll man nun verhindern, dass zwei Skycabs sich in der Luft begegnen und es zu einem fatalen Zusammenstoß kommt? Möglicherweise kann da das 5G-Mobilfunknetz helfen, berichtet David Osten. Skycabs als untereinander vernetzte Flugzeuge, die sich über diese Bandbreiten auch in geringer Flughöhe orten – oder braucht es womöglich eine völlig neue technische Lösung?

Als Zielgruppe haben die Partner in dem Konsortium in erster Linie Geschäftsreisende und Touristen definiert. Angeflogen werden sollen einige größere Städte in NRW, darunter Aachen, Mönchengladbach, Düsseldorf, Köln, Bonn, Essen und Dortmund. Zwischen diesen Städten sei das Potenzial für Kunden am größten, berichtet Maximilian Frische von FEV Consulting, einem Entwickler für Fahrzeugtechnik aus Aachen, der ebenfalls am Konsortium beteiligt ist. Andere Forscher sehen aber vor allem in der Luftfracht, etwa in der Lieferkette zwischen zwei Logistikzentren, große Potenziale. Die Passagierzelle könnte gegen eine Frachtzelle oder aber auch für den Einsatz für medizinische Notfallversorgung getauscht werden. Die ADAC-Luftrettung etwa hat erst im Dezember zwei Fluggeräte von Volocopter reserviert.

Wie sicher aber könnte das Fliegen per Lufttaxi sein? Klar festgelegt ist beim Skycab etwa, dass ein Sturz aus 15 Metern Höhe ohne Probleme überstanden werden soll, sagt Ulrich Schückhaus. Die Forscher der FH haben sich dafür eine aufblasbare Wabenstruktur überlegt, die sich unter der Kabine entfaltet und gut die Hälfte der Aufprallenergie absorbieren soll. Weitere 30 Prozent der Energie sollen durch die Kabine selbst und die übrigen 20 Prozent durch den Sitz aufgefangen werden.

Für Mönchengladbach ist das Skycab-Projekt auch deshalb so interessant, weil es den Flughafen mit seinen mehr als 40.000 Starts und Landungen im Jahr auch als Standort und Reallabor für alternative Mobilitätsformen der Zukunft etablieren könnte. Starten und landen können solche Flugtaxis später auch in der City direkt am Hauptbahnhof. Die Erkenntnisse, die Skycab zur Integration von Flugtaxis in den Luftraum und in den Mobilitätsmix liefert, sind jedenfalls grundsätzlicher Art und nicht auf das Konsortium beschränkt. „Das sind mit Sicherheit Erkenntnisse, die auch für andere Nutzer interessant sind“, sagt Schückhaus. Einen solchen Beitrag zur Luftfahrt hatte man vor wenigen Jahren für den Gladbacher Airport an der Niersbrücke nicht mehr erwartet. Schon gar nicht mit fliegenden Taxis.