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Neuer Standort für Textil-Produktion

Wirtschaftsgeschichte in NRW : Gladbach webt an zweiter Textil-Revolution

Eine neue Textilfabrik in Mönchengladbach soll Tausende hochwertiger Arbeitsplätze aus Niedriglohnländern zurückholen. Kann das funktionieren?

Wer wissen will, wie die Zukunft der Textilindustrie aussehen kann, sollte ins Museum gehen. Genauer: ins Textiltechnikum in Mönchengladbach. In einer Halle im sogenannten Monforts-Quartier, in dem besagtes traditionsreiches Unternehmen über Jahrzehnte an der textilen Vergangenheit der Stadt webte und strickte, lässt sich das genau anschauen: Maschinen, Webstühle, Stoffe, Tausende Farben. Alles historisch, alles aus der Zeit, in der Mönchengladbach das rheinische Manchester war. Die Ausstellung ist vom städtischen Museum Schloss Rheydt schick aufbereitet, in der Sonntagsausflügler und Senioren in eine Vergangenheit eintauchen, die auch eine berufliche gewesen sein mag. Eine funktionierende Fabrik.

Und genau das soll in Mönchengladbach wieder entstehen. Eine funktionierende Fabrik, in der die Textilien der Zukunft hergestellt werden und in der auch wieder Menschen arbeiten werden. Die Produktion soll zurückkehren aus Niedriglohnländern in Fernost ins Hochlohnland mit dem Label „Made in Germany“ – kann das funktionieren?

Textilfabrik 7.0 heißt dieses Großprojekt, das genau das herausfinden soll. Und mit dem Mönchengladbach die internationale Spitzenrolle in der Textilbranche übernehmen und dabei auch wieder führend auch in der Herstellung von Textilien werden will. Die Codierung 7.0 geht dabei von der vernetzten, intelligenten Industrie 4.0 aus und fügt dem „drei Megatrends hinzu“, wie David Bongartz von der Wirtschaftsförderung Mönchengladbach (WFMG) sagt: Künstliche Intelligenz und Robotik, erneuerbare Energien, Biotechnologie.

Ein breites Branchenbündnis plant Konzeption und Bau dieser völlig neuartigen Textilfabrik, die aufzeigen soll, wie die Industrieproduktion im Jahr 2035 aussehen kann. Neben dieser Fabrik soll dann ergänzend ein neuer Textilpark mit einer Größe von 20 Hektar mit 2500 Arbeitsplätzen entstehen. Das sind die Kernpunkte des Modellprojektes, für das namhafte Partner eine Grundsatzvereinbarung unterzeichnet haben. Dazu gehören die Hochschule Niederrhein, die RWTH Aachen, die Mönchengladbacher Wirtschaftsförderung WFMG und die beiden Verbände der Nordwestdeutschen sowie der Rheinischen Textil- und Bekleidungsindustrie, die in der Stadt ihre hochmoderne Textilakademie betreiben. Rolf Königs, der aus dem Textilhersteller Achter und Ebels einen der weltweit führenden Automobilzulieferer mit Namen Aunde gemacht hat, sagt schon länger eine zweite textil-industrielle Revolution voraus.

Auch heute, etwa 200 Jahre nach der ersten Revolution, gehört die Textil-Branche noch zu den Leitbranchen der Stadt. Das Verhältnis des Anteils der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in der Branche ist in Mönchengladbach mehr als dreimal so hoch wie in NRW. Textilmaschinenbau ist stark vertreten, Modelabels wie van Laack, Fynch-Hatton und Gardeur haben ihren Sitz in der Stadt, aber produziert wird schon lange woanders. Die Verlagerung von einfachen Fabrik-Jobs in Niedriglohnländer hat auch dazu geführt, dass die Stadt noch heute einen großen Anteil Sozialleistungsempfänger wie sonst nur Ruhrgebietsstädte hat. Gibt es für sie eine neue Perspektive in der Fertigung?

Die Partner arbeiten bereits seit bald zwei Jahren an dem Projekt und wollen damit Mönchengladbach in eine neue textile Zukunft bringen. Dazu erhoffen sie sich Fördermittel aus dem milliardenschweren Strukturförderungsprogramm für den Kohleausstieg der Bundesregierung. Für die ersten Jahre seien dafür nach bisherigen Erkenntnissen Fördermittel von rund 130 Millionen Euro notwendig. In der Wachstumsphase ab 2025 soll die Textilfabrik 7.0 sich dann aber wirtschaftlich selbst tragen. „Wir hoffen auf die Förderung, aber später muss die Fabrik selbst Geld verdienen“, sagt Detlef Braun, Leiter der Textilakademie, die wesentlich an dem Projekt beteiligt ist. Die Vorstudie ist fertig, derzeit wird der Businessplan geschärft.

Konkret planen die Partner die Gründung eines Unternehmens, das als Dach diese neuartige Fabrik mit Fördermitteln vom Bund aufbaut. Begleitet von den Forschern der beiden beteiligten Hochschulen (Institut für Textil und Bekleidungsindustrie der Hochschule Niederrhein und Institut für Textiltechnik der RWTH) soll die Textilfabrik 7.0 komplett emissionsfrei arbeiten, sie soll Künstliche Intelligenz und Robotik abbilden und einbinden. Fertigung von High-Tech-Stoffen für weit mehr als nur Kleidung mit hohem Digitalisierungsgrad, aber „null Emissionen“, wie Bongartz sagt. Auf diese Weise, so sind die Projektpartner überzeugt, könnte es gelingen, die Textilproduktion aus Niedriglohnländern zurück nach Deutschland zu holen und hochwertige Arbeitsplätze am Standort zu schaffen. Großes Interesse zeigt jedenfalls bereits „Canda“, eine Modemarke der Kette „C&A“. Dem Vernehmen nach plant die Kette bereits, einen Teil der Produktion nach Mönchengladbach zu verlegen.

„Wir wollen ein Silicon Valley für Textilien werden, das ganz industrienah arbeitet“, sagt Braun. Und Britta Hilgenberg von der Hochschule Niederrhein fügt hinzu: „Wir stellen uns den Industriearbeitsplatz der Zukunft vor.“ Aus einem Maschinenanlagenführer wird dann etwa ein Maschinenanlagencontroller. „Deutschland ist nach wie vor ein sehr wichtiges Land für Textil und Bekleidung“, betont Aunde-Chef Königs, der zugleich auch Vorsitzender des Verbands der Rheinischen Textil- und Bekleidungsindustrie ist.

Die Modellfabrik soll dabei auch ganz konkret Dienstleistungen für Hersteller übernehmen. Ein Unternehmen könnte dann etwa testen, ob eine bestimmte Hose in Kleinserie in Deutschland überhaupt wettbewerbsfähig produziert werden kann. Kundenspezifische Produktentwicklung, Machbarkeitsstudien im Kundenauftrag, Vermietung von Laborflächen und Werkstätten mit geschultem Personal sind weitere Möglichkeiten. Um diese Modellfabrik herum erhoffen sich die Beteiligten zügig weitere Ansiedlungen von Unternehmen, die deren Nähe suchen und nach deren Vorbild arbeiten. „Wir glauben, dass unter diesen Rahmenbedingungen zukunftsfeste und wertige Arbeitsplätze entstehen“, sagt David Bongartz, Prokurist der WFMG.

Der Kern der Textilfabrik könnte in Hochschulnähe sein, wo mit dem international führenden Fachbereich Textil- und Bekleidungstechnik der Hochschule Niederrhein und der benachbarten Textilakademie als Berufsschule ein Campus für die Forschung und Produktion von High-Tech-Stoffen wächst. Für ein 20 Hektar großes Gewerbegebiet, das komplett emissionsfrei arbeiten soll, kämen etwa das frühere Hauptquartier des britischen Militärs in Rheindahlen oder ein weiteres Gewerbegebiet zwischen Mönchengladbach und Jüchen infrage.

Für die Initialphase bis 2023, in der Infrastruktur, Energieversorgung und Module der Textilfabrik 7.0 geplant werden sollen, hat sich das Bündnis das Monforts Quartier als Standort überlegt. Der Neubau soll dann ab 2023 umgesetzt werden und in den Folgejahren rund um die Fabrik der neue Textilpark wachsen. Rolf Königs ist überzeugt: „Die Textil- und Bekleidungsindustrie hat eine Renaissance vor sich.“