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Klimaforscher Manfred Fischedick vom Wuppertaler Institut im Interview

Wandel in NRW : „Beim Klimaschutz zählt jeder Einzelne"

Klimaschutz und Pandemie lassen sich nur gemeinschaftlich lösen, sagt Manfred Fischedick, Leiter des Wuppertal Instituts. Der Unterschied ist der Zeitrahmen. NRW sei aber gut aufgestellt, um die Herausforderungen der Klimakrise zu bewältigen.

Welche Effekte für den Klimaschutz lassen sich aus der Pandemie mitnehmen?

Manfred Fischedick Man hat aus der Corona-Krise gelernt, dass sich Routinen schnell verändern können, wenn es sein muss. Das macht Mut. Zudem hat man erfahren, was Gemeinschaft erreichen kann. Dass jeder Einzelne zählt. Das gilt für den Klimaschutz genauso. Und dass Wissenschaft helfen kann, einen Orientierungsrahmen zu geben, Handlungsoptionen aufzuzeigen. Der Unterschied zur Klimakrise ist der Zeitrahmen. Die Pandemie können wir hoffentlich nach einer erfolgreichen Impfkampagne in diesem Jahr noch zu den Akten legen, beim Klimaschutz reden wir von zwei oder drei Dekaden, in denen wir aktiv und konsequent handeln müssen. Aber wir haben jetzt gelernt, was man Menschen zumuten kann. Möglicherweise sogar mehr, als der eine oder andere Politiker sich bisher gedacht hatte.

Was bereitet Ihnen mehr Sorgen, wenn Sie in die Zukunft blicken: Die Gefahr weiterer Pandemien oder die Erderwärmung?

Fischedick Wir müssen uns gegen beide Risiken besser schützen. Sie sind aber nicht direkt miteinander vergleichbar. Klimawandel ist ein langfristiges Risiko, und ein sich selbst verstärkendes dazu. Es gibt Kipp-Momente, Rückkoppelungseffekte, wenn man bestimmte Temperaturgrenzen überschreitet. Das ist noch einmal eine andere Dimension von Gefahr, wenn sich das potenziert. Deshalb muss man das Steuer früh herumreißen. Jetzt haben wir noch die Chance dazu.

Die Etappenziele in eine grünere, gesundere Welt sind formuliert: CO2-Neutralität bis 2035, Energie-Umbau bis 2050. Kann NRW das schaffen?

Fischedick CO2-Neutralität 2035 ist ein Ziel, dass vor allem Städte für sich formulieren. Wuppertal, Köln, Bonn, Münster, um einige zu nennen. Das ist nur zu schaffen, wenn die Städte von Bund, Land und EU unterstützt werden. Die Rädchen müssen ineinandergreifen. Aber solche Vorreiter-Städte sind wichtig. Wenn wir den Klimaschutz ernst nehmen, müssten wir in möglichst vielen Bereichen schon 2035 nahe an die Null-Linie kommen, um noch eine Chance zu haben, das 1,5-Grad-Celsius-Ziel zu erreichen. Das ist technisch sicher machbar, in der Umsetzung aber ein sehr harter Brocken.

Welche Bereiche in NRW drängen in Sachen Klimaschutz besonders?

Fischedick Die große Herausforderung in NRW ist der Umbau der Energiewirtschaft. Ich gehe davon aus, dass das letzte Kohlekraftwerk nicht erst 2038 außer Betrieb geht, sondern aufgrund der Marktkräfte schon viel früher. Das muss in irgendeiner Form kompensiert werden. Allerdings wachsen die Windpotenziale in NRW nicht in den Himmel, und die Landesregierung hat sich dafür entschieden, eher restriktiv vorzugehen. Also muss man im Bereich der Photovoltaik mehr machen und die Dächer des Landes offensiv mit Solarzellen ausrüsten. Als Industrieland ist der Übergang auf eine klimaverträgliche Industrie der zweite große Bereich. Hier sehe ich NRW sehr gut aufgestellt. In anderen Bereichen steht NRW vereinfacht ausgedrückt genauso schlecht oder gut da wie der Bund. Das sind der Gebäude- und der Verkehrssektor. In Letzterem stehen die Zeichen überall auf dunkelrot. Das ist der einzige Sektor, in dem die Emissionen in den vergangenen 30 Jahren nicht gesenkt wurden.

Welcher Umbau ist aus Ihrer Sicht am vielversprechendsten?

Fischedick Fragt man nach möglichen „quick win‘s“ mit großer Wirkung, wird sicher der beschleunigte Ausstieg aus der Kohle genannt werden. Dies muss aber flankiert werden mit dem Ausbau erneuerbarer Energien. Dafür müssen Fragen nach gesellschaftlicher Akzeptanz und dem Ausbau der Strominfrastruktur gelöst werden. Auch in der Industrie sind große Beiträge möglich, hier geht es aber um Prozessumstellungen, das läuft nicht über Nacht. Da reden wir über ein bis zwei Dekaden. Im Verkehrsbereich ginge es deutlich schneller. Man sieht aktuell ja in Europa, was möglich ist, wenn man bestimmte Städte betrachtet, die ihre Citys in relativ kurzer Zeit deutlich attraktiver für Fuß- und Radverkehr gemacht haben.

Gerade bei der Verkehrswende geht es sehr langsam voran, der ÖPNV wird kaum ausgebaut, die Städte halten am Auto fest, statt etwa die Rad-Infrastruktur auszubauen. Mangelt es eher am Geld oder an Mut und Konsequenz, neue Wege zu gehen?

Fischedick Ich glaube nicht, dass es am Geld liegt. Ein Umbau der städtischen Infrastruktur hin zu mehr Attraktivität für Fuß- und Radverkehr ist mit Unterstützung von Land und Bund durchaus zu stemmen. Es ist eher der fehlende Mut und das Festhalten an alten Bildern, die bisher den Umbau verhindern. Um es einmal etwas konfrontativ zu formulieren: Das reflexartige Jammern, dass städtische Strukturen vor die Hunde gehen, wenn man nicht mehr zulässt, dass Autos in die Innenstädte fahren, hilft nicht. Das halte ich zudem für längst widerlegt, weil die Menschen gerade wieder in die Städte reingehen, wenn sie dort attraktivere Rahmenbedingungen vorfinden.

Bei der Mobilität, so scheint es, ist momentan alles auf die Elektromobilität ausgerichtet: Reicht das alleine aus?

Fischedick Die deutsche Automobilindustrie hat zwar ihre Lektion gelernt, indem sie sich vom Verbrenner abwendet. Dass sie jetzt aber von der einen 100-Prozent-Strategie auf die nächste wechselt, ist doch überraschend und durchaus riskant. Um das mal zu differenzieren: Ich denke, im urbanen Raum ist die Elektromobilität das Maß aller Dinge und wird sich auch durchsetzen, genauso im Mittelstreckenverkehr. Beim Langstreckenverkehr kann ich mir dagegen gut vorstellen, dass wir eine Carsharing-Lösung bekommen, so dass man sich beispielsweise für die Urlaubsreise ein Auto mit Brennstoffzellenantrieb mietet, das man sonst nicht braucht. Die Elektromobilität wird sich aber nur dann durchsetzen, wenn wir in bestimmten Bereichen noch massive Verbesserungen umsetzen können. Wir brauchen genügend grünen Strom, bessere Herstellungsverfahren der Batterien, einen geringeren Einsatz von kritischen Ressourcen und einen Aufbau von Recyclingstrukturen.

Klimaschutz und Energie-Umbau verlangen jedem Einzelnen etwas ab, teilweise sind das schmerzhafte Einschnitte. Wird genug getan, um die Notwendigkeit einer Energiewende zu vermitteln?

Fischedick Wir brauchen dringend einen breiten gesellschaftlichen Diskurs über die Frage, was Energiewende eigentlich bedeutet, gerade für jeden Einzelnen. Man hätte schon viel früher über den Nutzen diskutieren müssen, genauso wie darüber, wie das System aussehen soll, das wir gemeinsam anstreben. Wir haben aber mehr darüber diskutiert, was wir nicht wollen: keine Kernenergie, keine Kohle, keine Hochspannungstrassen. Wichtig ist es auch, die Menschen besser mitzunehmen in die Umsetzung der Energiewende, also ihnen etwa die Möglichkeit zu geben, zu investieren, beispielsweise in Windparks. Das schafft eine ganz andere Verbindung zu den Anlagen.

Der Einzelne fühlt sich anhand globaler Herausforderungen beim Klimaschutz oft machtlos. Kann jeder im Kleinen etwas tun, was sich am Ende positiv aufs Klima auswirkt?

Fischedick Absolut. Es kann ja nur gemeinsam gehen. Das ist auch eine Lehre aus der Pandemie: everybody matters, jeder zählt, und sei der Beitrag noch so klein. Als Einzelne können wir im Bereich der Ernährung sofort etwas tun, bei der Mobilität, wir können Ökostrom beziehen, wir können als Gemeinschaft Druck auf Produzenten aufbauen, dass sie Klimaschutz-Vorgaben einhalten. Ohnmächtig ist man nicht.

Wie optimistisch sind Sie, dass NRW und die Welt es schaffen, das Klima bis 2050 ausreichend zu schützen?

Fischedick Die Bausteine sind alle im Wesentlichen da, es kommt darauf an, sie richtig zusammenzufügen. Vor fünf Jahren gab es gerade in der Industrie noch große Widerstände. Die Unternehmen haben die Herausforderung Klimaschutz mittlerweile aber aufgenommen und erkannt, dass sie auf Dauer nur überlebensfähig sind, wenn sie grüne Produkte erzeugen. Heute wird weltweit in erneuerbare Energie investiert statt neue Kohlekraftwerke zu bauen. China hat vergangenes Jahr erstmals ein Treibhausgas-Neutralitätsziel für 2060 formuliert, wird aber sicher in der Lage sein, das zehn Jahre früher hinzubekommen. Japan und Südkorea wollen bis 2050 so weit sein, Kanada, die EU und die USA ebenso. Dadurch entsteht eine globale Dynamik. In NRW haben wir sogar das Zeug dazu, ein bisschen ein Vorreiter zu sein. Wenn aus NRW heraus gezeigt werden kann, dass man erfolgreiches Industrieland bleiben kann und gleichzeitig klimaverträglich, dann hat das eine wichtige Signalwirkung auch auf internationaler Ebene.