1. Panorama
  2. 75 Jahre RP
  3. Technologie

Die Bedeutung sozialer Medien für den Journalismus

75 Jahre Rheinische Post : Wie Social Media den Journalismus prägt

Twitter, Facebook, TikTok – Redaktionen beziehen wichtige Impulse aus den sozialen Netzwerken – und sie nutzen sie als Kanal für ihr eigenes journalistisches Angebot. Zentral bleibt die Aufgabe, den Wahrheitsgehalt zu bewerten.

Die Nachricht enthält nur 107 Zeichen: „Deutschland hält zweimal zwei Minuten den Atem an – alle schauen Ringen: Mirco Englich, schade, er verliert“, schrieb eine Redakteurin am 14. August 2008 um 12:36 Uhr beim Kurznachrichtendienst Twitter. Wen das interessiert haben könnte, ist heute nicht mehr auszumachen. Doch auch das wäre für Franziska Bluhm ein wichtiger Hinweis gewesen. Denn genau darum ging es ja am Anfang. „Wir wollten mitmischen und ausprobieren“, sagt sie heute rückblickend. Der Ringer Mirko Englich gewann damals mit 29 Jahren bei den Olympischen Spielen in Peking die Silbermedaille für Deutschland. Er verpasste Gold — und der erste Tweet leider nicht den ersten Fehler: Der Vorname war falsch geschrieben. Heute ist Englich 42 Jahre alt, das englische Wort für Zwitschern, „Twitter“, hat es bis in das Wörterbuch Duden geschafft und dem ersten Tweet der Rheinischen Post sind mehr als 65.000 weitere gefolgt.

Franziska Bluhm war vor 13 Jahren die erste Redakteurin, die sich um das Thema Social Media bei der Rheinischen Post gekümmert hat. „Wir hatten anfangs keine ausgearbeiteten Konzepte, sondern haben einfach losgelegt“, sagt sie: „Die Rheinische Post war schon sehr früh online – und für uns ging es daher erstmal darum, beim Thema Social Media dabei zu sein.“

Damals waren soziale Netzwerke neu, heute sind Twitter, Facebook, Instagram oder Youtube fester Bestandteil im Alltag von Millionen Menschen – und ihre Angebote sind auch aus den Redaktionen nicht mehr wegzudenken. Sie haben den Journalismus verändert. Sie haben die Kommunikation verändert. Sie haben die gesamte Welt verändert.

Soziale Netzwerke wie Twitter und Facebook wurden neben anderen klassischen Kommunikationskanälen von jungen Ägyptern genutzt, um den Arabischen Frühling zu organisieren und Bilder der Proteste auf dem Tahrir-Platz 2011 in alle Welt zu verbreiten.

2019 sahen Millionen Menschen live bei Facebook, wie ein Terrorist im neuseeländischen Christchurch zwei Moscheen angriff und rund 50 Menschen tötete. Anhänger verbreiteten seine schockierenden Aufnahmen über andere Kanäle wie Whatsapp, Youtube, Reddit oder Twitter weiter.

US-Präsident Donald Trump nutzte das Soziale Netzwerk Twitter während seiner Amtszeit als wichtigsten Kommunikationskanal. Via Twitter beleidigte er politische Gegner, drohten Konzernen mit Strafzöllen und verbreitete immer wieder die Lüge, bei der US-Wahl sei es zu Manipulationen gekommen. Mehr als 82 Millionen Nutzer folgten dem Republikaner – bis Twitter sein Konto nach dem Sturm auf das US-Kapitol dauerhaft sperrte.

Als der Chef des Elektroauto-Herstellers Tesla Elon Musk am 7. Januar 2021 „Use Signal“ twitterte, sahen viele seiner rund 45 Millionen Follower darin nicht nur einen Aufruf, den datensparsamen Messenger-Dienst zu nutzen, sondern investierten auch an der Börse in ein entsprechendes Unternehmen – auch wenn dieses nur den gleichen Namen wie der Messenger trug, sonst aber nichts mit ihm zu tun hatte. Der Börsenkurs stieg dennoch rasant an.

Der Youtuber Rezo veröffentlichte am 18. Mai 2019 ein Video mit dem Titel „Die Zerstörung der CDU“. Mehr als 18 Millionen Mal wurde der knapp 55 Minuten lange Film inzwischen aufgerufen. 2019 löste er eine Debatte aus, die aus den sozialen Netzwerken in die klassischen Medien schwappte. Plötzlich beschäftigten sich Fernsehsendungen und Zeitungskommentare mit der Frage, wie viel Wahrheit in den Vorwürfen des jungen Mannes steckt.

In sozialen Netzwerken sind Nutzer Konsumenten und Produzenten zugleich. Es gibt keinen Gatekeeper mehr, keinen redaktionell ausgebildeten Torwächter, der eine Vorauswahl anhand journalistischer Kriterien vornimmt, alles geht ungefiltert online – im Fall von Christchurch sogar ein Massenmord. Soziale Netzwerke haben für neue Probleme gesorgt, aber auch für neue Möglichkeiten. Welche Regeln man ihnen gibt, muss demokratisch ausgehandelt werden. Klar ist jedoch: Sie werden nicht mehr verschwinden. Und für Medien ist es daher ganz zentral, sich mit sozialen Netzwerken zu beschäftigen.

Denn sie bieten auch viele Vorteile, indem sie etwa dazu beitragen, wichtige Debatten anzustoßen. So wie Ende Januar, als in der WDR-Sendung „Die letzte Instanz“ fünf weiße Prominente vermeintlich launig über Rassismus diskutierten. Vor 20 Jahren hätten Kritiker sich mit einer Beschwerde an den Sender gewandt, heute überschütteten sie den Sender im Internet mit Kritik. Ein sogenannter Shitstorm entstand, an dessen Ende sich der WDR für das missglückte Format entschuldigte.

Soziale Netzwerke können ein Korrektiv sein, weil Nutzer dort die Arbeit in Redaktionen thematisieren können. Sie können Journalisten auf Fehler hinweisen und so dazu beitragen, dass ihre Arbeit besser wird. Das gilt für den WDR, aber natürlich auch für die Rheinische Post.

Soziale Netzwerke sind für die Redaktion eine wichtige Möglichkeit zum Austausch mit den Nutzern, aber auch zur Verbreitung des eigenen journalistischen Angebots. Im analogen Zeitalter griff man im Café zur Tageszeitung, die im hölzernen Zeitungsstock auslag. Heute bekommen Nutzer die Nachrichten aus ihrer Region, über ihren Fußballverein, die Politik oder Wirtschaft direkt in den Newsfeed bei Facebook, Twitter oder Instagram auf ihr Smartphone, aufs Tablet oder den PC daheim.

Die Rheinische Post ist seit 2009 bei Facebook aktiv, 2015 kam ein Profil bei Instagram hinzu und 2019 die Start-up-Seite „RP-Gründerzeit“ bei Linkedin. Seit Februar 2021 gibt es sogar einen eigenen Kanal bei Tiktok.

Heute gibt es mehr als 30 Facebook-Seiten, denen mehr als eine halbe Million Nutzer folgen – vom Fohlenfutter, mit allen Nachrichten über Borussia Mönchengladbach, bis hin zur lokalen Facebook-Seite der Redaktion aus Remscheid. Hinzu kommen sieben Kanäle bei Instagram mit mehr als 80.000 Abonnenten sowie drei bei Twitter mit mehr als 220.000 Abonnenten. Durch soziale Netzwerke erreichen die Artikel der RP-Journalisten und -Journalistinnen so viele Menschen wie nie zuvor. Und die Reaktionen der Nutzer können der Redaktion einen Hinweis darauf geben, welche Geschichten besonders interessieren.

Gleichzeitig sind soziale Netzwerke heute auch ein elementarer Bestandteil bei Recherchen. Immer wieder wird die Redaktion von Lesern über soziale Netzwerke angeschrieben und auf Themen aufmerksam gemacht. Manche schildern ihre eigene Betroffenheit, andere leiten Informationen weiter, die sie selbst bekommen haben. „Ich erinnere mich noch, dass ich 2009 Spätdienst hatte, als in New York ein Airbus auf dem Hudson-River notlanden musste“, sagt Franziska Bluhm, die heute als Digital-Beraterin arbeitet. Damals waren die Print- und Online-Redaktion noch stärker voneinander getrennt, doch Bluhm informierte den für die gedruckte Zeitung zuständigen Spätdienst über die Ereignisse in den USA. „Das war das erste Mal, dass ein Bild aus sozialen Netzwerken auf der Titelseite der Rheinischen Post gedruckt wurde“, erinnert sie sich: „Damals haben viele begriffen, welche Kraft Social Media haben kann.“

Heute könnte eine Person allein all diese Seiten nicht mehr bespielen, könnte nicht mehr all die Beiträge schreiben und Anfragen bearbeiten. Aus der einen Stelle im Jahr 2008 ist inzwischen ein fünfköpfiges Team unter Leitung von Hannah Monderkamp geworden. Es kümmert sich um die sozialen Netzwerke, behält die Kommentare auf RP Online im Blick und betreut das Listening-Center, mit dem die Redaktion inzwischen das Netz automatisch nach Themen durchsucht, über die Menschen in der Region sprechen und somit relevant sind. Die Technik wird seit 2016 eingesetzt – und bis heute entsteht so manche Geschichte aus den mit dem Listening-Center erstellten Reports, die Redakteure zu ihren Themengebieten täglich zugeschickt bekommen.

Und neben Artikeln der Redaktion, die verlinkt und verbreitet werden, produziert die Redaktion auch immer wieder Inhalte speziell für die sozialen Netzwerke: Im Sommer 2020 fuhren zwei Journalistinnen der Redaktion acht Wochen lang durch das Verbreitungsgebiet der Rheinischen Post und berichteten auf Instagram in den „Rheinstories“ von ihren Erlebnissen. Bei der „#RheinischenWahlfahrt“ fuhr ein Tourmobil der Redaktion durch sieben Städte und diskutierte mit den Bürgern vor Ort und live auf Facebook im Vorfeld der Landtagswahl Themen.

Für die Redaktion kommt es darauf an, immer wieder neue Dinge auszuprobieren und zu testen. Denn es entstehen immer wieder neue soziale Netzwerke, bei denen nicht klar ist, ob sie irgendwann das nächste Twitter oder Facebook sein könnten.