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Telemedizin ist auf dem Vormarsch

Telemedizin in NRW : Der Hausbesuch wird digital

Durch die Pandemie hat die Telemedizin einen enormen Schub erhalten. In vielen Bereichen kann die Fernbehandlung einen Vorteil für Patienten bringen. NRW ist dabei gut aufgestellt und fördert die Vernetzung ärztlicher Expertise.

Um seinen Patienten einen Hausbesuch abzustatten, reicht es vielen Ärzten künftig, ihren Computer einzuschalten. Denn die Visite der Zukunft könnte zunehmend digital erfolgen, erleben Telemedizin und Telematik durch die Pandemie doch gerade einen enormen Schub. Denn die Diagnose via Bildschirm hilft unter anderem dabei, Infektionen zu vermeiden. So bieten immer mehr digitale Gesundheitsunternehmen in Deutschland ihre Dienste an, die von der Videosprechstunde über den Austausch medizinischer Daten bis zur telekonsiliarischen Begutachtung reichen. Telemedizin ist ein Wachstumsmarkt, allein im Bereich der Videosprechstunde gibt es bundesweit schon mehr als 40 zertifizierte Anbieter. Tendenz steigend. „Die Digitalisierung zeigt, was sie kann“, sagt Rainer Beckers, Geschäftsführer des Zentrums für Telematik und Telemedizin in Bochum (ZTG), „und das sie für das System wichtig ist.“

Das ZTG ist 1999 gegründet worden, um die Akzeptanz der Telemedizin in NRW zu steigern, aber auch, um allen potenziellen Akteuren konkrete Hilfestellung zu geben - niedergelassenen Ärzten, Krankenhäusern, Kommunen, der Industrie. Dafür gibt es Fördergelder von der Landesregierung. Jahrelang ging es vor allem darum, die Rahmenbedingungen zu diskutieren und mitzugestalten. Mit der Lockerung des Fernbehandlungsverbots im Jahr 2018 wurde der Weg frei für einen breiteren Einsatz von telemedizinischen Diensten. Der 121. Ärztetag votierte damals dafür, dass eine Beratung und Behandlung von Patienten auf digitalem Weg ohne persönlichen Erstkontakt erlaubt sei, wenn dies, so die Formulierung in der ärztlichen Muster-Berufsordnung, „ärztlich vertretbar ist und die erforderliche ärztliche Sorgfalt (…) gewahrt wird“. Seither würden alle Beteiligten davon ausgehen, dass Telemedizin machbar und umsetzbar sei, sagt Beckers. „Es geht nicht mehr um das Ob, sondern um das Wie.“

Und um das Wo. Gibt es doch Bereiche, in denen die Telemedizin besonders effektiv sein kann. Grundsätzlich entwickelte sich die digitale Fernbehandlung vor allem dort sehr früh, wo die Distanz zwischen Patient und Arzt einen kritischen Faktor darstellte, etwa in Skandinavien, in Kanada oder Australien. Zwar gibt es diese Problematik in Teilen Deutschlands ebenfalls, sie ist aber nicht vorrangig. „Hierzulande geht es eher darum, die Versorgungssituation des Patienten zu verbessern“, sagt Beckers. Heißt: Statt etwa als Diabetiker mühsam täglich Daten zu sammeln und diese dann dem Arzt persönlich einmal im Monat zu präsentieren, ist durch Telemonitoring eine permanente Überwachung des Patienten möglich, Daten können umfangreicher und schneller übermittelt werden, der behandelnde Mediziner ist stets auf dem aktuellen Stand. „Weltweite Studien zeigen, dass das ein riesiger Vorteil für den Patienten ist“, sagt Beckers.

Neben der Therapie für chronisch Kranke, bei denen es häufig darum geht, viele Daten zu sammeln, ist der Einsatz von Telemedizin dort sinnvoll, wo beispielsweise die Mobilität der Patienten stark eingeschränkt ist. Und dann, wenn es aufs Tempo ankommt, wenn es um Leben und Tod geht, zum Beispiel bei Notfällen. In Aachen gibt es bereits Tele-Notärzte, künftig sollen in ganz NRW Tele-Notarzt-Zentren entstehen. „Immer dann, wenn sie schnell viel Expertise brauchen, ist die Telemedizin prädestiniert“, erklärt Beckers. Das gelte zum Beispiel auch für die Behandlung von Covid-19-Kranken auf der Intensivstation, die beatmet werden müssten. In solchen Fällen können sich Spezialisten aus verschiedenen Kliniken telekonsiliarisch zusammenschalten, also Befunde austauschen und ihre Einschätzung zu einem kritischen Patienten abgeben, um die bestmögliche Therapie zu finden. Dieses sogenannte virtuelle Krankenhaus, bei dem NRW zu den Vorreitern gehört, soll um verschiedene medizinische Indikationen erweitert werden. Künftig sollen Mediziner leichter Kollegen digital zu Rate ziehen können, und der Intensivmedizin im virtuellen Krankenhaus sollen die Infektiologie, Herzinsuffizienz, Onkologie und die Seltenen Erkrankungen folgen.

Viele Ärzte stehen der Telemedizin trotzdem kritisch gegenüber, sagen etwa, dass der persönliche Kontakt zum Patienten nicht zu ersetzen sei, quasi den Goldstandard darstelle. Beckers sieht die Telemedizin eher als Ergänzung zum herkömmlichen Prozedere. „Sie ersetzt nicht den Arzt, sondern führt Arzt und Patient zusammen“, sagt er. Denn erstens müsse begründet werden, wenn eine Fernbehandlung stattfinde, zweitens müssten Patient und Arzt entscheiden, was zum Beispiel in einer Videosprechstunde machbar sei und was nicht. Dass ein Mediziner den Patienten, mit dem er ein Diagnosegespräch führe, möglicherweise zum ersten Mal sehe, müsse kein Nachteil sein. „Auch wenn der Hausarzt Sie 20 Jahre lang kennt, ist das schließlich umgekehrt auch keine Garantie dafür, dass er die richtige Diagnose stellt“, sagt Beckers. Wichtig bei den Telemedizin-Angeboten sei die Qualitätssicherung, die aber sei in Deutschland hochentwickelt.

Gerade jetzt, wo Covid-19 die medizinischen Strukturen oft überlaste, könnten Telemedizin und Telematik helfen, wenn man sie intelligent einsetze, sagt Beckers. Bei der Telematik geht es dabei eher darum, administrative Prozesse und die Dokumentation technisch zu unterstützen, also einen sicheren Datentransfer zu gewährleisten und damit das Befunden zu erleichtern. Wegen der sensiblen Patientendaten sei der Sicherheitsstandard hoch, so würden auch die Videodienst-Anbieter durch die Kassenärztliche Bundesvereinigung dahingehend geprüft und zertifiziert. Zudem setzen auch die digitalen Gesundheitsunternehmen bei den von ihnen eingesetzten Ärzten bestimmte Anforderungen voraus. Wer als Mediziner beispielsweise für das schwedische Unternehmen Kry, das in Deutschland breit für sein Videosprechstunden-Angebot wirbt, arbeiten will, muss eine Facharzt-Ausbildung, eine deutsche Approbation und Erfahrung vorweisen.

Dass der Anteil der Telemedizin weiter steigen werde, stehe außer Frage, sagt Beckers. NRW sei dabei sehr gut aufgestellt und werde im Ländervergleich eine führende Rolle spielen. „Gerade bei Tele-Konsilen gehe ich davon aus, dass sich Ärzte zunehmend austauschen werden“, sagt Beckers, „das würde ich mir auch für chronisch Kranke wünschen.“ Oft dauere es aber sehr lang, bis sich digitale Gesundheitsanwendungen in der Regelversorgung niederschlagen würden. Manche Entwicklungen würden aber an Fahrt aufnehmen. So geht der ZTG-Geschäftsführer davon aus, dass Handys in den kommenden zehn bis 20 Jahren zu einer Art Diagnostikzentrum und Labor für jedermann werden. „Vom Ultraschall bis zum EKG wird sich vieles ins häusliche Umfeld verlagern“, sagt Beckers. Vorstellbar sei künstliche Haut, die den Schweiß analysiere oder Künstliche Intelligenz, die anhand der Sprache und der Augen Depressionen erkennen könne.

Das bedeute aber nicht, dass der Anwender dann auf eine ärztliche Expertise verzichte. „Dies führt den Patienten zum Arzt, dieser wiederum wird aber entlastet, weil er mehr Daten bekommt“, erklärt Beckers. Selbst wenn künstliche Intelligenz eines Tages Parameter abgleiche und Diagnosen stelle, bleibe der Arzt als letzte Instanz immer erhalten. „Die Entscheidung, wie man mit einer Diagnose oder Daten umgeht, ist eine ethische, persönliche, verantwortungsvolle“, sagt Beckers. „Diesen Weg kann der Arzt nur gemeinsam mit dem Patienten gehen.“