1. Panorama
  2. 75 Jahre RP
  3. Menschen

Journalistische Darstellungsformen

75 Jahre Rheinische Post : Wie Nachrichten Menschen erreichen

Bei Nachrichten verhält es sich nicht viel anders als bei vielen Dingen, die Menschen im Alltag konsumieren: Es kommt immer auch etwas auf die Verpackung an.

Menschen brauchen Nachrichten. Wer informiert ist, die Fakten kennt, kann mitreden, Zusammenhänge verstehen, andere an seinem Wissen teilhaben lassen. Das Koordinatensystem unseres Lebens beruht auf alten Erfahrung und aktuellen Informationen. Menschen suchen nach Nachrichten, denn Tipps, Ratschläge, fundierte Prognosen sind häufig von hohem Nutzen im Alltag. Und Menschen lieben Nachrichten, denn Neuigkeiten können höchst unterhaltsam sein, spannend oder auch bewegend.

Journalisten schätzen Nachrichten aus allen diesen Gründen ebenfalls. Ihr täglicher Job besteht zunächst in der Überlegung, wie man relevanten Inhalt so verpackt, damit er auch den die Leser packt. Wie unterteilt man eine Geschichte so, dass sich verschiedene Aspekte zu einem ganzheitlichen Bild zusammenfügen? Und wie in jedem Beruf bedienen sich zu Redakteuren ausgebildete Journalisten verschiedener Werkszeuge, damit das Ergebnis stimmt. Das Medium mag sich unterscheiden doch egal ob Zeitung Rundfunk oder Fernsehen – der journalistische Handwerkskasten sieht überall gleich aus.

Die Meldung: Komplexe Sachverhalte auf kleinstem Raum zusammenzupressen und ihren Wesenskern doch klar herauszustellen, ist die Königsdisziplin im Nachrichtengeschäft. Vielfach wird die Aufgabe unterschätzt, weil man sich von der Chrononolgie lösen und sofort auf den Punkt kommen muss, dabei möglichst viele der berühmten W-Fragen beantworten sollte: Wer? Was? Wo? Wann? Warum? Kurze Nachrichten sind wichtig für Leser, die wenig Zeit haben und trotzdem gut informiert sein wollen. Häufig dienen Meldungen auch dazu, ein Thema knapp zu umreißen, um damit auf eine weitergehende Berichterstattung in einem anderen Teil der Zeitung oder zu einem späteren Zeitpunkt im Radio- oder TV-Programm hinzuweisen.

Der Bericht: Größere Nachrichtenstücke können ausführlicher darauf eingehen, was gerade passiert, das Plus an Platz hilft, die Dinge klarer einzuordnen und Zusammenhänge deutlicher darzustellen, der Ton bleibt sachlich-nüchtern. Wie auch die Meldung enthält sich der Bericht der persönlichen Wertung des jeweiligen Autors. Dafür kommen diverse handelnde Personen unter genauer Quellenangabe mit Lob und Kritik zu Wort. Zahlen und Fakten ermöglichen es dem Leser zusätzlich, sich ein Bild verschaffen.

Das Feature: Trockene Nachrichten sind nicht jedermanns Sache. Verständlicher wird jede noch so kompliziert erscheinende Angelegenheit, wenn ihre Auswirkungen auf Menschen konkret beschrieben werden. Das Feature geht deshalb in einer kurzen Szene auf einzelne Personen oder Gruppen ein, deren Befindlichkeit beispielhaft für eine allgemeine Lage sein könnte. Geht es etwa um die heftig diskutierte Erhöhung von Sozialhilfe, kann an einem Einzelfall nachvollziehbar die Herausforderung geschildert werden, mit den bestehenden Geldsätzen zurechtzukommen. Der Perspektivwechsel von der Totale zur Nahaufnahme erleichtert den Leseeinstieg in einen erklärenden Artikel, der sich alsbald wieder dem eigentlichen Thema auf der Basis von Daten und Fakten widmet.

Die Reportage: Auch die Reportage erzählt meist ein aktuelles Thema anhand von Menschen, doch im Gegensatz zum Feature verlässt es die beschriebenen Personen nicht wieder, sondern bleibt dicht bei ihnen. Reporter sind die Stars der Branche. Emotionen und Atmosphäre spielen eine tragende Rolle, die subjektive Wahrnehmungen der Details durchbricht immer wieder die Distanz einer objektiven Beobachtung. Der Autor erlebt die Situation zwar mit, die er beschreibt, überlässt das Urteil aber klugerweise dem Leser. Die Nähe zu den handelnden Personen verleiht den darüber hinaus vermittelten Informationen Authentizität. Zum Beispiel, wenn es darum geht, die Belastung einer Familie darzustellen, bei der beide Elternteile wegen Corona im Homeoffice sind und die zugleich die Kinder beim Unterricht zu Hause betreuen müssen.

Das Porträt: Diese Form der Darstellung ist mehr als eine Kurzbiografie, sie will zum Verständnis beitragen, warum Menschen so handeln, wie sie handeln, warum sie wurden, was sie sind, was zu ihrem Erfolg oder zu ihrem Scheitern beigetragen hat. Das Porträt weist als Gratwanderung zwischen Nähe und Distanz somit Ähnlichkeiten mit der Reportage auf, überlässt die Bewertung aber ebenso dem Leser. Für ein Porträt gibt es immer einen aktuellen Anlass, ein Jubiläum, eine neue Rolle - oder der Tod. Dann gerät das Porträt zum Nachruf. Häufig handelt es sich um bekannte Persönlichkeiten, dann ist die Herausforderung naturgemäß größer, einen neuen Dreh zu finden als bei absoluten Newcomern.

Das Interview: Bei Interviews kann ein gewisser Promi-Faktor ebenfalls nicht schaden, denn schließlich bleibt es etwas Besonderes, wenn sich Persönlichkeiten nicht nur in eigener Sache äußern, sondern zu Fragen, die durchaus kritisch sein können. Nicht jeder lässt eine solche Nähe zu, aber wenn er doch aus dem Nähkästchen plaudert, freut es den Befrager und sein Publikum. Selbst wenn die Antworten auf den ersten Blick nicht befriedigend erscheinen, so lässt dies tief blicken. Im besten Fall erfährt man Details, die zum tieferen Verständnis des Interviewten beitragen oder echte News zum Inhalt haben. Denn frische Nachrichten auf den Markt zu bringen, ist journalistisches Kerngeschäft. Bei Belanglosigkeiten hilft nur eins: kürzen.

Die Analyse: Wer die Nachricht hinter der Nachricht sucht, findet sich auf einem weiten Feld wieder. Hinter dürren Statements verbergen sich oft große Geschichten. Die Grünen wollen den Bau von Eigenheimen begrenzen? Wie viele werden denn noch erstellt? Wie groß ist der Flächenverbrauch überhaupt? Wie können Mehrparteienhäuser attraktiver werden? Da gibt es eine Menge zu berichten. Praktischerweise lässt sich das gleich als Frage-Antwort-Stück gestalten. Das Q&A-Format (Questions and Answers) hat den Vorteil, besonders übersichtlich zu sein, der Leser kann auch mitten im Text einsteigen. Es ist gewissermaßen die Sendung mit der Maus für Große.

Der Kommentar: Journalisten gewichten nicht nur Themen nach ihrer Bedeutung, sie bewerten sie auch. Meinungsstücke, die klar Stellung beziehen, sollten als solche stets besonders gekennzeichnet sein. Dass der Autor seinen Standpunkt überzeugend mit Argumenten belegt, und dabei lieber mit dem Florett als mit dem Säbel ans Werk geht, ist ebenso entscheidend wie ein eindeutiges Fazit. Eine Erörterung, die in ein gepflegtes Sowohl-Als-Auch mündet, lässt den Leser ratlos zurück und verstößt gegen das oberste Gebot im Journalismus: Du sollst nicht langweilen. Gerade nicht einer Meinung mit dem Kommentator zu sein, schärft übrigens ebenso die Überzeugung jener, die ihn lesen, wie volle Zustimmung. Spannend kann daher auch die Lektüre eines Pro und Kontra sein, wobei zwei entgegengesetzte Meinungen aufeinanderprallen.

Die Glosse: Bei dieser Form des Kommentars darf auch mal gelacht werden. DIe Glosse ist radikal, an Pointen und Überspitzungen ist von plumpen, beleidigenden oder diskriminierende Inhalten abgesehen so ziemlich alles erlaubt, was sich auf dem Boden des Grundgesetzes bewegt. Humor, Ironie und Sprachgewandtheit kennzeichnen ihr Wesen, eine Kunst, die nicht jeder beherrscht und schon gar nicht jeder versteht. Nur für Könner.