Humor im Rheinland : Fröhlich, aber nicht harmlos

Der Rheinländer gilt als Frohnatur. Doch vor allem sind die Komiker und Komikerinnen der Region angriffslustig und halten auch manchen Shitstorm aus. Schließlich ist Humor eine Frage der Haltung.

Den Rheinländern wird nicht nur Geselligkeit nachgesagt, sondern auch Frohsinn. Und zwar eine besondere Art von Humor, die das Deftige genauso wenig scheut, wie die Angriffslust. Vielleicht hat das mit der anderen rheinischen Spezialität zu tun, mit dem Karneval,  dieser Melange aus exzessiver Fröhlichkeit und bissiger Abrechnung mit jenen, die im Land Verantwortung tragen – auch wenn sie der nicht immer gerecht werden.  Rheinischer Humor ist selbstbewusst, bodenständig, schelmisch. Er wächst aus dem gesunden Menschenverstand und lässt sich nicht verschaukeln. Humor im Rheinland ist nicht, wenn man trotzdem lacht. Humor ist hierzulande eine unerschütterlich kritische Haltung.

Dass Witze einen aggressiven Kern haben, hat schon der Psychoanalytiker Sigmund Freud in seiner berühmten Schrift „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten“ herausgearbeitet. Der Witz senke für einen Moment die Hemmschwelle, einem lüsternen oder feindseligen Trieb zu folgen und verschaffe dadurch Lustgewinn, schreibt Freud. Und in der Tat ist ja gerade jener Humor besonders reizvoll, der herausfordert, übertreibt, angreift, ein bisschen böswillig ist. Nicht aus niederer Absicht, sondern aus allerhöchster:  um zu entlarven – die intelligenteste Art der Unterhaltung.

Darum war der in Düsseldorf geborene, jüdische Dichter Heinrich Heine einer der größten Humoristen der deutschen Sprache: bissig, wortgewandt, scharfsichtig, niemals ängstlich. Einer, der auch den Humor selbst vor falschem Zugriff verteidigte, wenn er warnte, nicht jede Dummheit sei Ironie, verfehlte Speichellekerei noch keine Satire, natürliche Plumpheit keine Persiflage, wirklicher Wahnsinn kein Humor und Unwissenheit kein Witz.

Wahren Komikern geht es immer um die Freiheit, darum zielen sie auf alles Enge, Etablierte, auf das, was nur nachgeplappert wird. In früheren Zeiten waren das vielleicht Obrigkeit oder Nationalismus, und die Spaßmacher riskierten  viel. Heute zielen Komiker und Komikerinnen oft noch immer auf politische oder religiöse Autoritäten, gelegentlich aber auch auf das Politisch Korrekte. Gerade dann müssen sie damit rechnen,  von einem Shitstorm getroffen zu werden.

Denn heute kämpfen Humoristen nicht nur gegen die da oben, sondern auch gegen Konformitätsdruck und die Verengung von Meinung. Und sie arbeiten für ein Publikum, das sich in den sozialen Netzwerken formiert und oft kein Sensorium für Ironie, Provokation und Rollenspiel mehr besitzt. Gerade wenn es um Reizthemen der Gegenwart geht, um Identität, Diskriminierung, Zugehörigkeit können auch kleine Gruppen im Netz sehr laut werden.

Komiker und Komikerinnen aus dem Rheinland haben da so ihre Erfahrungen gemacht. Der Düsseldorfer Dieter Nuhr etwa mit bissigen Bemerkungen über die Anführerin der Friday-for-Future-Bewegung, Greta Thunberg. Sofort wurde ihm unterstellt, die gesamte Klimabewegung zu diskreditieren und den Ernst der ökologischen Lage nicht zu verstehen. Die Kölnerin Carolin Kebekus produziert  regelmäßig satirische Szenen, in denen sie die Diskriminierung von Frauen persifliert oder sich über Neonazis lustig macht. Der katholischen Kirche wirft sie immer wieder diskriminierendes Verhalten und ihren Umgang mit dem Thema Kindesmissbrauch vor. Auch verkleidet als Nonne und mit anzüglichen Posen – weswegen sie sich mit dem Vorwurf der Verunglimpfung religiöser Symbole auseinandersetzen musste.

Christian Ehring, lange Mitglied des Hausensembles des Düsseldorfer Kom(m)ödchens, wagte einen satirischen Beitrag über den türkischen Präsidenten   Erdogan, erzeugte damit politische Reaktionen aus der Türkei auf höchster Ebene – und setzte mit seinem Beharren auf  Meinungsfreiheit eine mutige Schlusspointe unter die diplomatischen Auseinandersetzungen. Der in Neuss aufgewachsene Serdar Somuncu wurde bekannt als er mit einer szenischen Lesung ausgewählter Textstellen aus Hitlers Buch „Mein Kampf“ auf Tour ging – und dabei die inneren Widersprüche des Buchs hervorkehrte. Das rief neue Rechte auf den Plan, manche Lesungen musste er mit kugelsicherer Weste absolvieren. Eingeschüchtert hat das Somuncu auch für seine spätere Karriere nicht. „Gute Kunst sollte eigentlich immer auch ein Korrektiv zur Politik sein, aber die meisten Künstler denken nur daran stattzufinden und gehen aus Angst Kompromisse ein. Das führt zwar zu guten Quoten, aber es trägt auch dazu bei, dass die Inhalte verflachen“, sagte er in einem Interview mit dieser Zeitung und ging mit der deutschen Comedyszene hart ins Gericht. Zu viele Witzeerzähler, zu wenig Haltung. „Ich missbrauche mein Publikum, wenn ich ihm nur belanglosen Schrott erzähle“, sagt Somuncu.

Kalauer aneinanderzureihen mag Konzerthallen gefüllt haben, Humor im rheinischen Sinne ist das noch nicht. Denn interessant wird es erst, wenn Humoristen Macht in Frage stellen und Auseinandersetzungen wagen wie die mit Erdogan. Es zeigt sich dann auch, wie ernst es der Gesellschaft mit Meinungs- und Kunstfreiheit   wirklich ist. Noch spannender wird es, wenn Humor sich gegen den Mainstream wendet und scheinbare Wahrheiten in Frage stellt. Gerade in der Corona-Krise kann man beobachten, wie rigoros Menschen reagieren, wenn ihre Sicht auf die Dinge überspitzt, persifliert, in Zweifel gezogen wird. Mancher versteht dann keinen Spaß mehr.

Das Schlusswort soll darum einem schlitzohrigen Komiker gehören, der zwar in Österreich geboren wurde, aber im Rheinland wirkte: Herbert Feuerstein. Von ihm stammt das erste Grundrecht des Humors, das vor falschen Rücksichtnahmen und Konformitätszwang schützen soll:  „Jeder“, so Herbert Feuerstein, „hat das Recht verarscht zu werden.“