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Papst Benedikt XVI - Portrait des deutschen Papstes

Historische Titelseiten : Der deutsche Papst

Ausgerechnet der promovierte Theologe und Traditionalist Joseph Ratzinger – Papst Benedikt XVI. – bricht mit einem scheinbar unerschütterlichen Grundsatz der katholischen Kirche: Er legt sein Papstamt nieder. Sowohl über seine Wahl titeln am 20. April 2005 alle Zeitungen als auch über seinen Rücktritt – die Rheinische Post bildet dabei keine Ausnahme. Ein Blick auf sein Leben.

Heute lebt Benedikt in einem umgebauten Teil des Klosters Mater Ecclesiae in der Vatikanstadt inmitten der vatikanischen Gärten. Dort lebt er weitgehend zurückgezogen, in gutem Verhältnis zu seinem Nachfolger Papst Franziskus und veröffentlicht hin und wieder Essays und Aufsätze zu theologischen Themen, teils ausdrücklich in Absprache mit dem amtierenden Papst. Dass diese Konstellation überhaupt so zusammengekommen ist, hat wohl kaum jemand kommen sehen. Zwei Päpste zugleich kennt man sonst vor allem aus dem Mittelalter, als es mehrfach Gegenpäpste gab. Insbesondere im 14. und frühen 15. Jahrhundert führte dies zu einer tiefen Zerrissenheit innerhalb der Kirche. Nur wenige (rechtmäßige) Päpste sind im Laufe der Geschichte aus freien Stücken von ihrem Amt zurückgetreten. Zuletzt war dies 1294 der Fall, wobei Papst Coelestin V., selbst bereits 85 Jahre alt, Eremit und Begründer eines Ordens, gerade einmal ein knappes halbes Jahr den Papstsitz innehatte und für die Leitung der Kirche denkbar ungeeignet war. Ganz anders ist es hingegen bei Benedikt XVI. – der ist zum Zeitpunkt seines Rücktritts bereits acht Jahre im Amt und kennt den Apparat katholische Kirche seit langer Zeit sehr gut.

Schon bei seiner Wahl jedoch zeigt sich Benedikt nicht sonderlich erpicht darauf, tatsächlich Papst zu werden. Spricht er doch von einem „Fallbeil“, das auf ihn herabgefallen sei. „Ich hatte geglaubt, mein Lebenswerk getan zu haben. Ich habe mit tiefer Überzeugung zum Herrn gesagt: Tu mir dies nicht an! Du hast Jüngere und Bessere, die mit ganz anderem Elan und mit ganz anderer Kraft an diese große Aufgabe herantreten können“, so erzählt es Benedikt 2007 bei einer Audienz mit bayerischen Pilgern 2007. Stattdessen wird er innerhalb von knapp einem Tag im vierten Wahlgang des Konklaves am 19. April 2005 zum 265. Papst gewählt. Zum ersten Mal seit 482 Jahren sitzt wieder ein Deutscher auf dem Papststuhl im Petersdom. Für viele ist die Wahl keine Überraschung.

Schließlich ist er lange Jahre einer der einflussreichsten Kardinäle, und als Präfekt der Glaubenskongregation gilt er in theologischen und kirchenpolitischen Fragen als rechte Hand von Papst Johannes Paul II. Dieser beruft ihn schon 1982 zu diesem Amt und lehnt sein Rücktrittgesuch zum 75. Geburtstag ab. Benedikt bestimmt so den Katechismus, die Glaubensfragen der katholischen Kirche über Jahrzehnte entscheidend mit. Viele seiner Grundsätze bleiben auch während seines Pontifikats erhalten. So vertritt er eine sehr konservative Sexualmoral, lehnt Verhütung, außerehelichen Sex, Abtreibungen und Sterbehilfen sowie gleichgeschlechtliche Beziehungen ab und spricht sich für das Zölibat aus. Zugleich warnt er, insbesondere in späteren Jahren, vor einem genetischen Eingriff in den menschlichen Körper, auch vor Pränataldiagnostik, künstlicher Befruchtung und Embryonenforschung.

Insbesondere während seines Pontifikats tritt Benedikt für einen engen interreligiösen Dialog ein, wenngleich dieser oft von einem gewissen Auf und Ab geprägt ist – als oberster Hirte der katholischen Kirche steht er schließlich auch für deren (vermeintliche) Vorherrschaft und Einzigartigkeit ein. Damit bringt er zwischenzeitlich die evangelische Kirche gegen sich auf, die er lediglich als „kirchliche Gemeinschaft“ bezeichnete. Ein Affront für viele Gläubige, obwohl er auch wichtige Schritte in Richtung der Ökumene macht. Ähnlich verhält es sich mit Judentum und Islam. Auf beide geht er aktiv zu, etwaige Fauxpas kann er meist kurz darauf wieder relativieren. Dass er auch die richtigen Worte finden kann, zeigt sich etwa nach seinem Besuch in Yad Vashem, als er kurz vor der Abreise aus Israel sagt: „Diese furchtbare Erinnerung (der Holocaust, AdR) soll uns in der Entschiedenheit stärken, enger zusammenzurücken als Zweige des gleichen Olivenbaums, die von den gleichen Wurzeln genährt werden und in brüderlicher Liebe geeint sind.“

Ein immer größeres Problem, das die katholische Kirche spaltet, ist der Umgang mit dem Missbrauch von Jugendlichen und Kindern, vor allem durch Priester. Dieses Thema beschäftigt die Institution bereits seit langem, auch als Benedikt noch Präfekt war und sich schon hier entschieden gegen den sexuellen Missbrauch richtete. So stellt es unter anderen sein Biograph Peter Seewald dar, der 2020 ein 1150-seitiges Buch über das Leben und Wirken des deutschen Papstes veröffentlicht. Er sagt in einem Interview von 2019, Benedikt habe als Präfekt die Grundlagen für den Kampf gegen den Missbrauch geschaffen und während seines Pontifikats eine „Null-Toleranz-Politik“ vertreten. Seewald erwähnt auch, dass Benedikt als Papst rund 400 Geistliche wegen solcher Taten suspendierte, darunter Bischöfe und Kardinäle.

Für die einen ist der 265. Papst ein hochintelligenter Theologe, der die Traditionen der Kirche schätzt und schützt, zugleich auf die Weltreligionen zugeht und mit ihnen den Dialog sucht. Für andere ist er das Gegenteil, einer, der die Moderne verurteilt und die „alte“ Kirche erhalten möchte. Leonardo Boff, ein katholischer Theologe aus Brasilien, nennt ihn im Interview einen „Professorenpapst, kein Hirte. Kein Charisma, keine Ausstrahlung“.

Mit seiner Ankündigung am 11. Februar 2013, zum Ende des Monats sein Amt niederzulegen, überrascht der Papst jedenfalls viele. Als Begründung gibt er in seiner Rücktrittsrede an, dass er aufgrund seines Alters nicht mehr in der Lage sei, „in angemessener Weise den Petrusdienst auszuüben“. Auf Benedikt XIV folgt Franziskus. Jetzt gibt es zwei Päpste, einen emeritierten und den amtierenden, die Rollenverteilung ist klar. Dennoch ist der Rücktritt ein Affront für viele Traditionalisten, bis heute ranken sich Verschwörungstheorien um den historischen Schritt von Benedikt. Von etlichen Seiten soll er bedrängt worden sein, das Papstamt niederzulegen, darunter selbst die US-Regierung und diverse kirchliche Würdenträger. Dies bestreitet Benedikt als Grund ebenso wie die Skandale, die im Laufe seiner Amtszeit zu Tage traten und die der tatsächliche Anlass für seinen Rücktritt gewesen sein sollen. Auch die sogenannten „Vatileaks“ werden als Grund für seinen Rücktritt gesehen. Interne Dokumente aus der Vatikanstadt gelangen 2012 an die Presse, es geht um Korruption, Missmanagement und Günstlingswirtschaft, homosexuelle Seilschaften innerhalb der Kirche sowie Kritik an der Vatikanbank und deren Führung. Schon kurz nach der Veröffentlichung gab es eine erste Ermittlungskommission, die sich aber mehr mit der undichten Stelle beschäftigte. Die eigentliche Aufklärungsarbeit bleibt bei Franziskus.