1. Panorama
  2. 75 Jahre RP
  3. Historische Titelseiten

Der Völkermord von Ruanda 1994 - ein historischer Rückblick

Historische Titelseiten : Und die Welt schaut weg

Bis heute wird Ruanda mit dem Völkermord von 1994 assoziiert. Die Rheinische Post berichtet am 9. April 1994 von dem beginnenden Blutbad – richtet dabei jedoch den Blick vor allem auf die Sicherheit der dort lebenden Europäer. Die Geschichte des Genozids begann mit den Kolonialherren.

Ihren Drittklässlern will die US-amerikanische Grundschullehrerin Jane Elliott begreiflich machen, wie Rassismus und Diskriminierung entstehen. Am Tag nach der Ermordung von Martin Luther King teilt sie die Kinder nach Augenfarbe auf und suggeriert, die Braunäugigen seien etwas Besseres. Innerhalb weniger Tage entsteht innerhalb ihrer Klasse eine Zweiklassengesellschaft. Die Gruppe wechselt danach, die Blauäugigen bekommen mehr Privilegien und legen die gleichen Verhaltensmuster an den Tag wie die Gruppe der Braunäugigen zuvor. 1968 macht sie damit international Schlagzeilen – doch noch ein Vierteljahrhundert später führt ein ähnliches „Experiment“ in Ruanda zu einem Genozid.

Um diesen Völkermord zu verstehen, muss man zunächst in die Vergangenheit reisen. Das heutige Staatsgebiet liegt in Zentralafrika, nahe der großen afrikanischen Seen. Die Nachbarstaaten sind Uganda, Burundi, der Kongo und Tansania. Wohl in mehreren Wellen wurde das Land, das etwa so groß ist wie Belgien, bevölkert, wobei sich im Laufe der Jahrhunderte eine gemeinsame Kultur und Sprache („Kinyarwanda“) entwickelt. Im späten 20. Jahrhundert existiert seit langem eine Klassengesellschaft aus Tutsi, Hutu und Twa. Die Grenzen sind fließend, Auf- und Abstieg sind möglich. Großer Wohlstand führt zur Zuordnung zur sozialen Schicht der Tutsi, weniger wohlhabende Menschen werden als Hutu bezeichnet, diejenigen, die noch weniger haben, zählen zu den Twa Mit dieser Unterteilung kristallisiert sich auch eine gewisse Führungsposition der Tutsi heraus, die jedoch nicht zu Konflikten führt, solange der soziale Aufstieg möglich bleibt.

Dieses Gefüge kommt mit der Kolonialisierung außer Tritt. 1899 wird Ruanda Teil der Kolonie Ostafrika des Deutschen Reichs. Zur vereinfachten Verwaltung sieht die Besatzungsmacht davon ab, eigene Regierungsstrukturen einzusetzen und unterstützt schlicht die herrschenden Tutsi. Dabei definieren die Besatzer die gesellschaftlichen Gruppen um in „Stämme“. Dazu entwickeln Rassentheoretiker angebliche charakteristische wie auch auf das Äußere bezogene Unterteilungen. So werden die zahlenmäßig unterlegenen Tutsi zu einer vermeintlich aus dem Niltal eingewanderten Rasse, die hochgewachsen und hellhäutiger ist als die Mehrheit der „untersetzten, negroiden, servilen, bäuerlichen“ Hutu. Die kleine Gruppe der Twa als vermeintlich indigenes Urvolk fallen aus dieser Unterteilung weitgehend heraus. Mit dieser Einteilung im Geiste der Rassenkunde („hamitische Hypothese“) werden die Tutsi zu „schwarzen Weißen“ gemacht, einer privilegierten Elite im kolonialen Herrschaftssystem an. Dies äußert sich etwa im Zugang zu Bildung, der lediglich Tutsi-Kindern ermöglicht wird, vor allem als Vorbereitung auf mögliche administrative Aufgaben.

Nach dem Ersten Weltkrieg fällt das Gebiet den Belgiern zu. Das von den Deutschen eingeführte Rassensystem wird ab 1939 auch im Personalausweis festgehalten. Eingeordnet wird die ruandische Bevölkerung unter anderem nach ihrem Viehbesitz. Nach dem Zweiten Weltkrieg nimmt die vorher gängige Bevorzugung von Tutsi ab. Stattdessen werden nun auch Hutu politisch gefördert. 1959 erlangen sie die Macht, 62 endet die Kolonialherrschaft der Belgier und über lange Jahrzehnte unter Fremdherrschaft aufgestaute Unzufriedenheit und Neid brechen sich Bahn – und äußert sich in Rassismus. Die Hutu stigmatisieren die Tutsi nun als „spät eingewanderte Fremde“ und werden auch so behandelt. Bis in die frühen 90er Jahre kommt es immer wieder zu Massakern durch Hutu und Racheakte der Tutsi, sowohl in Ruanda selbst als auch in Nachbarländern.

Im Laufe der Jahre formen vertriebene Tutsi im ugandischen Exil 1985 die Rebellenarmee „Ruandische Patriotische Front“ (RPF), deren Führung bald der heutige Präsident Paul Kagame übernimmt. Die Truppe beginnt einen Guerrillakrieg, der nur kurz von der Waffenruhe von Arusha unterbrochen wird. Als die RPF 1993 fast bis zur Hauptstadt Kigali vordringt, greifen auch französische Truppen mit ins Geschehen ein und unterstützen die ruandische Armee. Sowohl Schusswaffen als auch Granaten, Macheten und andere Kleinwaffen werden in dieser Zeit an Ruanda geliefert. Eine insbesondere von Frankreich und Belgien angestrebte Demokratisierung wird von Präsident Juvénal Habyarimana und seinen Vertrauten insgeheim blockiert. Die Bevölkerungsgruppen werden immer weiter politisiert und regelrecht gegeneinander aufgeputscht.

Insofern kommt der Genozid nicht überraschend: Dass die Tutsi vernichtet werden müssten, wird als de-facto-Staatsideologie in den Köpfen der Bevölkerung verankert. Über teils neu gegründete Radiosender erreicht derartige Propaganda auch die 40 Prozent der Bevölkerung, die Analphabeten sind. Verbreitet werden erfundene Gräueltaten gegen Hutu, die einen Präventivschlag nötig machen würden. Eine schleichende Entmenschlichung der Tutsi und auch indirekte Aufrufe zum Mord prägen die Sendungen und verbreiten die Idee der Auslöschung einer ganzen Gruppe immer weiter. Um diese Zeit leben in Ruanda rund 650.000 Tutsi und machen damit weniger als 10 Prozent der Gesamtbevölkerung aus.

In dieser extrem aufgeheizten Stimmung wird Präsident Habyarimana ermordet. Am 6. April 1994 wird sein Flugzeug abgeschossen, mit ihm sterben die Besatzung und der burundische Präsident Ntaryamira. Wer tatsächlich dafür verantwortlich ist, ist bis heute ungeklärt – in Frage kommen sowohl RPF-Kämpfer als auch Hutu-Extremisten. Nur eine halbe Stunde nach dem Tod des Präsidenten beginnt das systematische Morden in der Hauptstadt Kigali: Prominente Tutsi und gemäßigte Hutu werden getötet, darunter die Premierministerin Agathe Uwilingiyimana. Mit ihr werden auch zehn belgische Blauhelmsoldaten getötet – was zur Evakuierung von weiteren ausländischen Soldaten führt.

In den kommenden Tagen und Wochen überzieht eine kaum vorstellbare Welle der Gewalt das Land. Tutsi suchen Schutz in Schulen, Kirchen, Krankenhäusern, Sportplätzen oder Stadien. Die Hoffnung, als Masse gegen die Angreifer eine Chance zu haben, erweist sich in den meisten Fällen jedoch als trügerisch. Oft werden sie von vermeintlich vertrauenswürdigen Personen verraten und zu Tausenden massakriert –Männer und Frauen, Kinder, Alte, selbst Säuglinge. In den zwei Wochen bis zum 21. April werden schätzungsweise 250.000 Menschen getötet, danach sind die meisten Zufluchtsorte erobert. Dies geschieht mit Hilfe von Militär und Polizei, Reservisten und der Präsidentengarde, doch auch Zehntausende Zivilisten sind beteiligt. Wie viele tatsächlich zu den sogenannten „Génocidaires“ gezählt werden können, lässt sich nicht genau festhalten. Historiker schätzen, dass bis zu 210.000 Menschen einen oder mehrere Morde begangen haben.

Die Gräuel dauern einhundert Tage, danach sind 800.000 bis eine Million Menschen tot. Bis heute werden Massengräber entdeckt, in denen teils tausende Leichen liegen. Erschossen mit Maschinen-gewehren, in die Luft gesprengt mit Handgranaten, erschlagen mit Knüppeln, zerstückelt mit Macheten. Die chaotisch anmutende, aber systematische Jagd auf Tutsi und deren Helfer endet fast immer tödlich, davor nutzen die Täter Demütigungen aller Art, Folter, Vergewaltigung, Verstümmelung. Teils werden Menschen gezwungen, Familienangehörige selbst zu töten oder dabei zuzusehen. Manche werden bei lebendigem Leib verbrannt, gepfählt oder zum Kannibalismus genötigt. Um die Demütigung zu vollenden, sind die meisten Opfer nackt – ihre Kleidung wird weiterverwertet, ihre würdige Beisetzung ist verboten.

Obwohl Helferinnen und Helfer in akuter Lebensgefahr sind, gibt es hier und da auch Widerstand. Ein gewisses Maß an Schutz verspricht die Nähe von ausländischen Beobachtern oder Organisationen und die Flucht in Regionen, die bereits von der RPF erobert sind. Hier enden die Massaker relativ schnell. Im ganzen Land endet das Morden erst mit dem Sieg der Rebellenarmee am 14. Juli 1994. Schätzungen gehen davon aus, dass rund 80 Prozent der Tutsi in diesen Tagen getötet wurden.

In diesen langen Tagen voller Blutvergießen schaut die internationale Gemeinschaft größtenteils weg. Die Blauhelmtruppe ist über den geplanten Genozid informiert und gibt dies auch weiter. Der Auftrag der Soldaten bleibt jedoch ausdrücklich der einer Friedensmission – was bedeutet, dass der Einsatz von Waffen nur im äußersten Notfall zur Selbstverteidigung gestattet ist. Alles Flehen bleibt ungehört, mit Ausbruch der Gewalt wird die Truppe sogar noch empfindlich reduziert. Evakuiert werden lediglich Ausländer. In vielen Staaten wird bewusst vermieden, über einen Völkermord zu sprechen – um so ein Nicht-Eingreifen zu rechtfertigen. Als der Einsatz einer neuen Blauhelmtruppe schließlich doch vereinbart wird, verzögert sich dieser so sehr, dass beim Sieg der RPF noch immer lediglich knapp 270 Soldaten vor Ort sind. Auch die deutsche Regierung ist Medienberichten zufolge vorab über die Gewalttaten informiert, greift jedoch nicht ein.

In den folgenden Wochen, Monaten und Jahren kommt es zu einer Flüchtlingskrise, Tausende Frauen und Mädchen sind Opfer von Vergewaltigungen und leiden oft unter sozialer Ausgrenzung. Rund 300.000 Kinder wachsen nach Schätzungen ohne Eltern auf und bekommen kaum Hilfe. Jugendliche Täter gibt es beim Genozid in Ruanda in großer Zahl, sie alle leben mit starken Traumata.

Täter und Opfer leben bis heute teils in direkter Nachbarschaft, die Wunden sind tief – und doch gibt es auch eine gewisse Versöhnung. In etlichen Gedenkstätten wird an die Taten von damals erinnert. Landesweit finden sogenannte Gacaca-Gerichte statt (2005-2012), um wegen der großen Zahl an Tätern bei öffentlichen Versammlungen zu urteilen, aber auch um einen Ort der Versöhnung zu bilden, was teils zu ernüchternden Ergebnissen führt. Bis heute werden immer wieder Organisatoren auch vor dem Internationalen Gerichtshof angeklagt und verurteilt.

Paul Kagame ist seit 2000 Staatspräsident von Ruanda und legt viel Wert darauf, dass nicht mehr von Tutsi, Twa oder Hutu gesprochen wird – ein neues Gemeinschaftsgefühl soll erzeugt werden, das die Spaltung der vergangenen Jahrzehnte überwinden soll. Zwar steht Kagame wegen seines autoritären Regierungsstils in der Kritik. Ruanda aber gilt inzwischen als gesellschaftlich wie wirtschaftlich stabiles Land; ein Modellstaat für das übrige Afrika.