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Der Krieg der USA gegen den Irak - Irreführung, Krisen und Konflikte

Historische Titelseiten : Der unendliche Krieg gegen den Irak

Die Bilder gingen um die Welt: Bomben, die auf Bagdad fallen, US-Truppen, die in das arabische Land einmarschieren. Am 20. März 2003 beginnt der Krieg gegen den Irak. Das offizielle Ende verkündet der US-Präsident George W. Bush nur wenige Monate später, am 1. Mai, als „Mission beendet“. Doch für die Bevölkerung gibt es lange keinen Frieden. Eine Rekonstruktion.

Die Geschichte ist vielschichtig, verworren, durchsetzt von Behauptungen und Handlungen, die sich oft nur schwer aufdröseln lassen. Fest steht, dass der Terrorangriff auf das World Trade Center am 11. September 2001 in den USA der Startschuss für den „Krieg gegen den Terror“ ist. In Folge beginnen die US-Streitkräfte Angriffe auf Afghanistan und die Terrororganisation Al-Kaida sowie die Jagd auf deren Kopf Osama bin Laden. Verbindungen zu dieser Organisation und insbesondere der angebliche Besitz von Massenvernichtungswaffen machen nur wenig später auch das Nachbarland, den Irak, zu einer Zielscheibe. Der Machthaber dort ist kein Unbekannter: Saddam Hussein ist bereits seit 1979 an der Macht und herrscht als Diktator über das Land. Dass er dabei in vielerlei Hinsicht schalten und walten kann, wie er will, liegt vor allem daran, dass er weder von den USA noch von den Vereinten Nationen etwa für den Angriff auf den Iran im Jahr 1980 bestraft wird – vielmehr erhält er finanzielle und logistische Unterstützung von den USA. Grund dafür ist die Feindschaft zwischen USA und Iran. Der Krieg zwischen Irak und Iran dauert bis 1988 und endet ohne Sieger – obgleich Hussein auch vor dem Einsatz von Giftgas nicht zurückschreckt.

Einmal jedoch geht der irakische Diktator zu weit: Die Besetzung von Kuwait – und der dort liegenden Ölfelder – löst den Golfkrieg 1991 aus. Eine Allianz aus den USA und 29 weiteren Staaten beginnt am 17. Januar mit militärischen Aktionen gegen den Irak. In den folgenden Wochen, bis zum Waffenstillstandsabkommen am 11. April, sterben mehr als 100.000 irakische Soldaten. Neben etlichen Sanktionen bedeutet die Niederlage des Iraks auch, dass dieser dazu verpflichtet wird, jegliche Programme zur Herstellung von Massenvernichtungswaffen zu stoppen und alle bisher hergestellten zu vernichten. Dies wird durch UN-Inspektoren überwacht – was zu einen weiteren Konflikt führt durch Vertuschung, Täuschung und Hinhaltetaktik. Am Ende werden Tonnen von Waffen vernichtet, bis den Kontrolleuren 1998 der Zugang zum Land verweigert wird.

Dieser Punkt ist für den zweiten Krieg der USA gegen den Irak wichtig, denn der angebliche Besitz von Massenvernichtungswaffen ist eine der Rechtfertigungen für den Beginn der militärischen Intervention. Im Vorfeld kommt es im November 2002 zu einer neuen Irak-Resolution, die sowohl eine Abrüstung als auch den uneingeschränkten Zugang von UN-Inspektoren fordert – was das irakische Parlament zunächst ablehnt, zwei Tage vor Fristende jedoch akzeptiert. In den folgenden Wochen finden die Waffeninspektoren unter Hans Blix keine Beweise für Massenvernichtungswaffen – allerdings könne, so heißt es damals, auch nicht ausgeschlossen werden, dass diese doch existieren. Unter anderem das Nervengas VX sei in größerer Menge zunächst nicht auffindbar gewesen, doch Irak habe ohne Probleme die Inspektoren erneut ins Land gelassen, so Blix. Vor dem UN-Sicherheitsrat stellt US-Außenminister Colin Powell die Lage jedoch anders da. Mit Tonbandaufnahmen und Geheimdienstmaterial, etwa Satelliten-Bilder von mutmaßlichen Waffenfabriken, soll die Weltgemeinschaft davon überzeugt werden, dass ein härteres Durchgreifen unausweichlich ist. Insbesondere Frankreich, Russland und China zeigen sich ablehnend, Deutschland zurückhaltend – der Krieg soll möglichst verhindert werden. Diese Staaten setzen auf Entwaffnung durch verschärfte Inspektionen, um so den Einsatz von Gewalt und das damit verbundene Leid abzuwenden. Internationale Stabilität spielt dabei ebenfalls eine Rolle. In den folgenden Wochen spitzt sich die Lage immer weiter zu, Ultimaten zur Vernichtung der Waffen werden gesetzt, Krisengipfel werden abgehalten. In einem dritten UN-Bericht von Waffeninspekteur Blix bescheinigt dieser dem Irak nicht nur den Willen zur Kooperation, sondern verweist zudem darauf, dass bislang kein verstecktes Atomprogramm, mobile Waffencontainer oder versteckte, unterirdische Chemiewaffenlabore gefunden worden seien.

US-Präsident Bush geht schließlich so weit, Saddam Hussein und seiner Familie ein Ultimatum zu setzen, wonach sie das Land innerhalb von 48 Stunden zu verlassen haben. Unter anderem Deutschland distanziert sich von diesem Vorgehen, das schlussendlich das Kriegsgeschehen einläuten soll: Gerade einmal zwei Stunden nach Ablauf des Ultimatums beginnen die USA im Morgengrauen des 20. März 2003 mit der Bombardierung der Hauptstadt Bagdad.

Mit an der Seite der US-Truppen kämpfen britische Soldaten, eine sogenannte „Koalition der Willigen“ unterstützt den Krieg, aufgezählt werden rund 30 Länder, die Außenminister Powell zu dieser Gruppe rechnet. Neben den Briten sind einige wenige australische Militärkräfte aktiv am Krieg beteiligt, die restlichen Staaten unterstützten das Vorgehen vor allem ideell.

Der Krieg wird medial aufgebauscht wie kaum ein anderer. Die Welt scheint live mit dabei – doch die Bilder werden gesteuert, es wird das gezeigt, was gesehen werden soll und das unablässig. Der Spiegel etwa berichtet ausführlich darüber, welche Bilder aus diesem Krieg wie das weltweite Publikum erreichen, welche davon reine Militär-Propaganda und welche glaubhaft „echte“ Bilder sein dürften. Eine der wichtigsten Szenen ist der Sturz der Statue des ehemaligen Diktators Hussein am 9. April 2003. Nur wenige Wochen später erklärt US-Präsident Bush die „Mission beendet“, der Krieg ist offiziell vorbei. Ruhe findet das Land jedoch noch lange nicht. Die innenpolitische Stabilität des Landes ist förmlich zerbombt, der erhoffte Neubeginn bleibt aus. Stattdessen bleiben Soldaten westlicher Mächte im Land, Selbstmordattentate und Auseinandersetzungen von Sunniten und Schiiten im entstandenen Machtvakuum sorgen immer wieder für weitere Konflikte. 2011 erst ziehen die letzten US-Truppen ab und hinterlassen ein zerstörtes Land. Dafür begünstigt der langwierige Einsatz etwa die Erstarkung des IS, des „Islamischen Staates“ in Irak und Syrien. Die vermeintlichen, von Powell vorgelegten, Nachweise für Massenvernichtungswaffen stellen sich als gezielte Fehlinformationen heraus.

Unter den Folgen des Kriegs leidet die irakische Bevölkerung. Verlässliche Daten gibt es hierzu nicht, doch die Zahl der Toten schwankt unter den Zivilisten zwischen 100.000 und mehr als einer halben Million. Tausende werden verletzt oder lebenslang verstümmelt, Millionen Iraker leben bis heute in tiefer Armut. Auch die USA müssen Verluste hinnehmen – nur wenige während des offiziellen „kurzen“ Krieges, doch in den folgenden Jahren sterben fast 5000 US-Soldaten, über 30.000 werden verletzt. Stabilität gibt es im Irak bis heute nicht.