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24. Juni 1995: Christo und Jeanne-Claude verhüllen den Reichstag

Historische Titelseiten : Als der Reichstag „verschwand“

Das bulgarisch-französische Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude verhüllen in ihrer langen Karriere die Welt und setzen neue Kunstmaßstäbe. In Deutschland verhüllen sie den Reichstag. Über das Ereignis berichtet auch die Rheinische Post.

100.000 Quadratmeter silbern schimmernde Folie sind nötig für das Mammutprojekt, das fast ein Vierteljahrhundert Vorbereitungszeit benötigt. Das Künstlerehepaar Christo und Jeanne-Claude ist für spektakuläre, große Kunstprojekte bekannt, bei denen zumeist gigantische Stoffbahnen benötigt werden. In die Geschichte gehen beide als Verhüllungskünstler ein.

Das in Deutschland wohl bekannteste und aufwendigste Werk der beiden wird 1995 realisiert: Die Verhüllung des Reichstages. In Berlin wollen sie nicht nur ein geschichtsträchtiges Gebäude verhüllen, sondern gleichzeitig die deutsche Angst übertünchen, den deutschen Stolz. Sie sind Überzeugungstäter, reden einzeln mit 352 Bundestagsabgeordneten, empfangen wichtige deutsche Politiker wie Willy Brandt in New York, und sie spalten das Volk und die Politik in Befürworter und Gegner.

Im Februar 1994 debattierte das deutsche Parlament zum ersten und einzigen Mal in seiner Geschichte über Kunst, nach 70 Minuten wurde abgestimmt, Christo saß damals auf der Besuchergalerie: Bei neun Enthaltungen und einer ungültigen Stimme sprachen sich 292 Abgeordnete dafür und 223 dagegen aus. Der Reichstag würde verpackt werden. Am Vorabend hatte Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth (CDU) unter Freunden gesagt: „Mein Gott, was soll ich den Christos nur sagen, wenn wir die Abstimmung verlieren?“

Im Nachruf für Christo schreibt Annette Bosetti für unsere Redaktion am 2. Juni 2020 zur Verhüllung: „Das im Juni 1995 realisierte Reichstagsprojekt war ein Gewinn für die Kunst und die Demokratie – weiter auch ein Beweis, dass Träume realisierbar sind. Dass Kunst frei ist. Die wenigsten Menschen, die damals nach Berlin kamen, um das unwirklich schöne, imposante, unter Stoff glühende Gebäude zu besichtigen, werden nach tieferem Sinn gesucht haben. Es war ein Event, vergleichbar mit Woodstock. 

Der Verhüllte Reichstag traf ins Herz, erweckte die Sinnlichkeit in seinen Besuchern. Man tanzte enthusiastisch auf den Wiesen vor dem Wallot-Bau, Menschen heirateten vor Ort, und die Touristen in den vorbeifahrenden Bussen genossen die Berliner-Schnauze-Kommentare der Busfahrer. 

Die Reichstagsverhüllung nannten das Paar einmal „sein Baby“, mit dem es 24 Jahre schwanger war. Es wusste, dass der Wallot-Bau „atmen und sehr schön aussehen werde“. Es war (für uns Deutsche zumindest) sein Master Piece, mit dem sich der gestern im Alter von 84 Jahren gestorbene Christo als Genie in die Geschichte eingeschrieben hat. Er ist in seiner großen Schaffenskraft und Energie der Land Art zuzurechnen, der Concept Art auch, ein Aktionskünstler, der als Maler, Konstrukteur, Bildhauer und Architekt gleichzeitig begeisterte.“

Bis dahin ist es ein weiter Weg, den das Künstlerehepaar über eine sehr lange Zeit gemeinsam geht. Er wird am 13. Juni 1935 als Christo Wladimirow Jawaschew in Bulgarien geboren. Sie erblickt am gleichen Tag das Licht der Welt - allerdings auf Casablanca. Während seinem Vater eine Chemiefabrik gehört, wächst sie zunächst bei der Familie ihres leiblichen Vaters auf, zieht nach dem Krieg zu ihrer Mutter, die einen einflussreichen französischen General heiratet. 1958 lernen Christo und Jeanne-Claude sich kennen, nachdem er ihre Mutter porträtieren soll. Die Eltern zeigen sich wenig angetan, tatsächlich heiratet Jeanne-Claude zunächst ihren Verlobten Philippe Planchon, ist zu diesem Zeitpunkt jedoch schon schwanger von Christo. Kurz nach den Flitterwochen trennt sie sich. Cyril kommt im Mai 1960 zur Welt und 62 heiraten die Eltern. Zwei Jahre später wandert die Familie nach New York aus.

Dort lebt das Paar zunächst unter eher ärmlichen Verhältnisse, teils mit hohen Schulden. In den kommenden Jahren setzen die beiden auf eine erfolgreiche Vermarktung der Kunst - die solche Gewinne erzielt, dass sie damit Millionen-Projekte finanzieren können. Denn die benötigen jedes Mal enorme Summen. Dabei hat das Paar jedes Mal viel Arbeit damit, die jeweiligen Behörden zu überzeugen und die Erlaubnis für die Großprojekte zu erhalten. Dabei arbeiten Christo und Jeanne-Claude nach eigenen Angaben Hand in Hand - von der Idee bis hin zum fertigen Kunstwerk. Die Finanzierung übernehmen sie selbst um ihre Unabhängigkeit zu behalten. Die riesigen (Kunst)Stoffbahnen und andere Materialien werden im Anschluss recycelt.  Daher gibt es für keines der Projekte Subventionen, bei keinem Werk handelt es sich um eine Auftragsarbeit. Gemeinsam verhüllen sie die Welt - bis zum Tod von Jeanne-Claude am 18. November 2009. Einige Projekte realisiert Christo danach noch alleine, bis auch er am 2. Juni 2020 stirbt. Noch eine Sehenswürdigkeit soll nun verhüllt werden: Der Arc de Triomphe in Paris. Die Realisierung im April 2020 musste wegen Corona verschoben werden - posthum soll der Triumphbogen allerdings sobald es wieder möglich ist verhüllt werden.

Einige Projekte von Christo und Jeanne-Claude in Zahlen:

  • Verhüllte Küste (Australien 1969): 130 Helfern, 17.000 Arbeitsstunden, 93.000 mSynthetikgewebe, 56 Kilometer Seil
  • Verhüllte Parkwege (Kansas City, 1977): 12.500 m2 safrangelbes Nylongewebe, 130.000 Dollar, 4,5 Kilometer Fußweg.  
  • Surrounded Islands (Biscayne Bay, 1983): 400 Helfer entfernen 40 Tonnen Müll von den Inseln, die von 603.860 m2 pinkfarbenes Polypropylen, 500 Helfer zum Ausbringen.
  • Verhüllter Pont Neuf (Paris, 1985): älteste Paris Brücke, 40.000 m2 sandfarbenes Polyamidgewebe, drei Millionen Besucher, Sonderbriefmarke der französischen Post.
  • The Umbrellas (Japan & USA, 1991): Vorbereitung seit 1986, 1340 blaue Schirme in Ibaraki, Japan, 1760 gelbe Schirme in Kalifornien, Sockel mit 80 cm lange Bodenanker, 25 Millionen Dollar Kosten, 1880 Helfer.
  • Verhüllter Reichstag (Berlin 1995): 100.000 mPolypropylengewebe, 15,6 Kilometer Seil, 90 Profi-Kletterer, etliche Helfer, 5 Millionen Besucher, Planung seit 1971, 200 Tonnen Stahl (Unterkonstruktion), 13 Millionen Dollar. 
  • Verhüllte Bäume (Basel, 1998): 32 Jahre Vorbereitung, 55.000 msilber-graues Polyestergewebe, 23 Kilometer Seil, 178 Bäume, Höhe zwischen 2 und 25 Metern, Breite zwischen 1 und 15 Metern. 
  • The Gates (New York 2005): 7502 Metalltore, 100.000 msafrangelbe Stoff, Vorbereitung seit 1979, fünf Meter Höhe, 37 Kilometer Gesamtstrecke, 21 Millionen Dollar, 600 Helfer verteilen 1 Million 7x7 cm große Stoffquadrate als kostenloses Andenken.