75 Jahre Rheinische Post : Fakt gegen Fake

Falschmeldungen zu entlarven, gehörte schon immer zum Tagesgeschäft von Redaktionen. Doch Fake-News tarnen sich zunehmend raffiniert. Vor allem hat ihre Verbreitung dramatisch zugenommen. Qualitätsmedien stellen sich einer neuen Herausforderung.

Einen Ist-Zustand so präzise als möglich zu beschreiben, ist gar nicht so einfach. Was ist Behauptung? Was ist Fakt? Das herauszufinden, der Wahrheit zumindest so nahe wie möglich zu kommen, ist Aufgabe von Redakteuren. Diese Aufgabe ist schwieriger geworden. simpel war sie noch nie. In der Hochphase des Kalten Krieges investierte die Sowjetunion umgerechnet zwischen neun und zwölf Milliarden Euro für Desinformation – jedes Jahr. Zum Beispiel für die Erfindung, dass das Aids-Virus in einem US-Biowaffenlabor entwickelt wurde. Auch Marie Antoinette hat höchstwahrscheinlich nie gesagt: „Das Volk hat kein Brot? Soll es doch Kuchen essen.“ Aber das von interessierter Seite gestreute Gerücht reichte, um die Französische Revolution zu befeuern.

Einen Funken Wahrheit braucht es immer, um eine Desinformationskampagne erfolgreich zu lancieren. „Ein Viertel Wahrheit, drei Viertel was drangehangen“ – so hat Horst Kopp, der einzige noch lebende Stasi-Desinformant, der öffentlich über seine Arbeit spricht, das Prinzip einmal beschrieben. Daran hat sich bis heute nichts wesentlich verändert. Allerdings: „Fake it till you make it“ ist längst nicht mehr nur das Motto von Geheimdiensten.

In den 1455 Tagen seiner Amtszeit hat Donald Trump mehr als 30.000 falsche Behauptungen aufgestellt. Kein demokratisch gewählter Politiker vor ihm hat eine derartige Energie darauf verwandt, die Lüge salonfähig zu machen. Und doch ist er nicht der einzige. Wir leben in einer neuen Zeit der bewussten Tabubrüche, und diese neue Unverfrorenheit hat auch Deutschland erfasst. Es geht um Rassismus, Sexismus, Mobbing, kurzum um die Zerstörung von Werten, die in einer Verfassung niedergeschrieben sind, die dieses Land in über 70 Jahren zu einem der erfolgreichsten in der Welt gemacht haben: Toleranz, Freiheit, Gleichberechtigung.

Es ist eine Zeit, in der Emotionen einen höheren Stellenwert haben als Fakten. Eine Zeit, in der einfache Antworten willkommener sind als die Darstellung komplexer Sachverhalte - und eine Zeit, in der Verschwörungstheorien blühen. Letztere funktionieren besonders gut, weil sie die Beweislast einfach umkehren: Schon den Zweifel zu säen, gilt als Beweis. Neu ist auch, dass Lügen heute von genauso vielen Menschen gelesen werden können wie fundierte Tatsachen – oft werden sie sogar als interessanter empfunden, denn Fake ist meist aufregender als Fakt.

Für professionell arbeitende Redaktionen ist das eine Herausforderung. Früher waren sie es allein, die für die Verbreitung von Nachrichten sorgten. Sie filterten den Strom der Meldungen nach Kriterien, die auch heute gelten: Bedeutung, Aktualität, Glaubwürdigkeit. Das war und das ist eine enorme Machtposition. Aber gerade deshalb rangieren eine ausgewogene Berichterstattung, die Achtung von Persönlichkeitsrechten und die Vermeidung von Vorverurteilungen weit oben.

Nun ist es keineswegs so, als erführen diese hohen Standards in Zeiten von Diskriminierung, Hetze und der ungeprüften Übernahme von Inhalten automatisch eine Renaissance des verantwortungsvollen Berichtens. Heute stehen die klassischen Medien in Konkurrenz zu Bloggern, Influencern und den sozialen Medien. Berichte, die von Redakteuren mit professioneller, oftmals nüchterner Distanz verfasst sind, treffen auf Meinungen, die aus dem direkten Bekanntenkreis von Menschen oder aus Filterblasen mit bevorzugten Themen stammen. Das sichert unabhängig vom Wahrheitsgehalt einen hohen Aufmerksamkeitsgrad.

Digitale Söldner organisieren im Auftrag von Regierungen Desinformationskampagnen. Fliegen diese auf, lässt sich die Spur kaum in die Hauptstädte zurückverfolgen. Die gezielte Verbreitung der Verschwörungstheorie, dass Hillary Clinton Teil eines Netzwerks von Kinderschändern sei, mag mit zu ihrer Wahlniederlage 2016 beigetragen haben. Oder der Fall Lisa schlug hohe Wellen: Am 11. Januar 2016 verschwand die damals 13-Jährige Russlandddeutsche in Berlin auf dem Heimweg von der Schule. Am nächsten Mittag taucht sie wieder auf und behauptet, drei „Südländer“ hätten sie missbraucht. Obwohl rasch klar war, dass sie tatsächlich die Nacht bei ihrem Freund zugebracht hatte, verbreiteten russische Medien weiter Falschmeldungen: „13-Jährige vergewaltigt – Politik und Medien schweigen.“ Schließlich protestierte sogar der russische Außenminister. Die Flüchtlingsunterkunft gegenüber Lisas Schule wurde attackiert. Hunderte Russlanddeutsche zogen vor das Kanzleramt, auch NPD und Pegida mischten mit.

Es stimmte auch nicht, dass der französische Präsident Emmanuel Macron getanzt haben soll, während die Gelbwesten Paris verwüsteten. Ein millionenfach geteiltes Video, das dies angeblich belegt, war erwiesenermaßen zu einer ganz anderen Zeit entstanden. Nein, das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge sucht keine Statisten für Demonstrationen gegen rechts. Und nein, die Stadt Stuttgart verteilt keine Bordellgutscheine an Flüchtlinge. Falsch ist ebenso, dass die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt über Deutsche gesagt haben soll, sie würden Flüchtlingen an Tafeln „die Almosen streitig“ machen.

Derartige Inhalte werden nicht nur in Redaktionen mit hoher Sensibilität geprüft, wobei unabhängige Experten und wissenschaftliche Studien helfen. Mitunter werden Falschmeldungen gar nicht mehr von Menschen, sondern von ausgeklügelten Computerprogrammen in die Welt gesetzt. Schon seit zehn Jahren entlarvt etwa der Verein Mimikama in Österreich systematisch Fake News, vor allem im deutschsprachigen Raum. Zwischen 100 und 120 Anfragen gehen täglich in Wien ein. Viel los etwa war zuletzt beim Brand von Notre-Dame, als Berichte kursierten, das Feuer sei das Werk von Islamisten.

Und die Zahl der Fakten-Checker wächst: Inzwischen sind viele journalistische Spezialabteilungen mit der Verifizierung beschäftigt. Dazu zählen der Faktenfinder von Tagesschau.de, das Recherchekollektiv Correctiv oder Spezialseiten wie hoaxmap.org. In Brüssel etwa arbeitet ein Team, das sich auf die Entlarvung von Desinformation aus Russland spezialisiert hat. Und natürlich sorgen auch die Nachrichteagenturen dafür, dass keine Falschmeldungen über den Ticker gehen.

Die Wahrheit tritt selten von alleine hervor, ohne guten, glaubwürdigen Journalismus schon gar nicht. Tatsächlich gibt es viele Erfolge im Kampf gegen Lügen, Verleumdungen, Unterstellungen, auch die Rheinische Post stellt sich jeden Tag dieser Verantwortung. Auch wenn der Krieg vermutlich nie gewonnen wird, geht es doch darum, möglichst viele Schlachten für sich zu entscheiden. Das Ergebnis dieser Bemühungen macht Mut: Medien in Deutschland sind einer Studie zufolge für mehr Menschen glaubwürdig als noch vor Jahren. 67 Prozent der von Infatest Dimap im Auftrag des WDR Ende 2020 Befragten halten die Informationen in den Medien alles in allem für glaubwürdig. 2019 hatte der Wert bei 61 Prozent gelegen.