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Gleichberechtigung ist noch lange nicht erreicht

Rückblick auf die Frauenbewegung : Der lange Kampf um die Gleichberechtigung

In den vergangenen 75 Jahren hat sich in Sachen Gleichstellung von Mann und Frau viel bewegt. Doch ungerechte Strukturen bestehen fort. Die Beseitigung von Benachteiligung bleibt eine Aufgabe für die Zukunft. Zum Jubiläum der Rheinischen Post blicken wir auf Themen, die das Land und die Zeit geprägt haben.

Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Vier Frauen im parlamentarischen Rat, allen voran die SPD-Abgeordnete Elisabeth Selbert, kämpften nach dem Zweiten Weltkrieg dafür, dass diese so simple wie radikale Feststellung im Artikel 3, Abs. 2 des Grundgesetzes, für die Bundesrepublik Deutschland festgeschrieben wurde. Wie bei vielen historischen Ereignissen war damit viel und zugleich erst wenig erreicht, denn im Wirtschaftswunderdeutschland sollten Männer die Alleinverdiener sein, Frauen die (unbezahlte) Heimarbeit erledigen und höchstens nebenher Karriere machen dürfen. Und wenn es Streit gab über die Erziehung der Kinder, sollten die Väter von Rechtswegen Recht erhalten.

Das änderte sich 1959 mit der Abschaffung des sogenannten „Stichentscheids“, vorangetrieben von der Bundesverfassungsrichterin Erna Scheffler. Ein Vorbote für den neuen Schwung, den die Frauenbewegung in den 1970er Jahren nehmen sollte. Der gesellschaftliche Aufbruch, der damals auch die Studenten- und die Umweltbewegung hervorbrachte, ließ Frauen in die lila Latzhosen steigen, um ihre Themen selbst in die Öffentlichkeit zu bringen und für ihr Recht auf Selbstentfaltung und für mehr Gleichberechtigung zu kämpfen.

„Den Frauen ging es in den 1970er Jahren vor allem um die körperliche Selbstbestimmung, um den Abtreibungsparagraphen 218, und um Diskriminierung im Berufsleben und im Alltag“, sagt Gesa Trojan, Mitherausgeberin der Publikation „Herstory. Frauen und Geschlechtergeschichte“ des Deutschen Historischen Museums. Ein Ergebnis ihres Kampfes war die Reform des Familienrechts 1977. Danach waren Frauen nicht mehr gesetzlich zur unbezahlten Hausarbeit verpflichtet, in das Rollenverständnis von Mann und Frau in Partnerschaft und Familie war so viel Bewegung geraten, dass auch der Gesetzgeber reagierte.

„Diese Entscheidungen wurden alle nur getroffen, weil es einzelne Frauen wie Elisabeth Selbert oder Erna Scheffler mit viel Energie und Ausdauer geschafft haben, sich gegen eine überwältigende Mehrheit von Männern durchzusetzen“, sagt Trojan. „Ohne diese Frauen und ihre Mobilmachung wären ihre mächtigen männlichen Kollegen wohl kaum auf die Idee gekommen, patriarchale Strukturen abzubauen.“

Betrachtet man mit dem vergröbernden Blick der Rückschau die vergangenen 75 Jahre Frauenbewegung, dann treten nicht nur die 1970er Jahre hervor als die Zeit, in der Frauen etwa mit der Kampagne „Ich habe abgetrieben“ für Selbstbestimmung eintraten. Um die Jahrtausendwende begann sich das Verständnis dafür, was Geschlecht überhaupt ist, zu verändern. Mit Judith Butlers Schrift „Das Unbehagen der Geschlechter“ wurde das Bewusstsein dafür geschärft, dass die binäre Unterteilung in Mann und Frau die Wirklichkeit nicht umfassend abbildet. Trans- und Interpersonen rückten in den Blick.

Aktivistinnen begannen sich dafür zu interessieren, welche andere Formen von Diskriminierung bei der Benachteiligung von Frauen eine Rolle spielen, Rassismus etwa, Homophobie oder auch die alte Klassenfrage. „Bis dahin war die Frauenbewegung recht homogen. Sie wurde weitgehend von weißen Frauen der Mittelschicht getragen, doch mit den 1990er Jahren wurde stärker reflektiert, dass auch Herkunft, Religion und Klassenzugehörigkeit beim Kampf um Geschlechtergerechtigkeit eine Rolle spielen“, sagt Trojan.

Das hat den feministischen Aktivistinnen neue Vorwürfe aus konservativen Kreisen eingebracht. Etwa den, dass gesellschaftliche Minderheiten zu großen Raum in der Wahrnehmung für sich beanspruchten. „Das hat auch wieder damit zu tun, dass Menschen in privilegierten Positionen Platz machen sollen für andere Menschen, andere Geschichten, andere Körper, Gesichter, Ideen“, sagt Trojan. Letztlich seien die Kämpfe der Frauen immer auch Kämpfe um Sichtbarkeit und Teilhabe.

Schon die erste Frauenbewegung im ausgehenden 19. Jahrhundert war eine Bewegung über Länder- und Kontinentgrenzen hinweg. In den 2010er Jahren nutzten Frauen dann die digitalen Netzwerke, um weltweit auf Diskriminierung aufmerksam zu machen. Unter den Schlagwörtern #Metoo und in Deutschland #Aufschrei rückte Alltagssexismus in den Fokus. Frauen weltweit berichteten von ihren diskriminierenden Erfahrungen im Beruf, im Sport, in der Kneipe, in Beziehungen. „Das Spannende an dieser Bewegung ist, dass sie die Alltäglichkeit von Sexismus ins Bewusstsein gebracht hat, also etwas, das der deutschen Gesellschaft massiv eingeschrieben ist“, sagt Trojan. Das provozierte auch Abwehr. Auf den Aufschrei der Frauen folgte nicht nur eine Debatte über Wege, Übergriff zu verhindern, sondern auch darüber, wie berechtigt die Klagen überhaupt sind.

Ähnlich viel Gegenwehr provozieren Vorstöße zu geschlechtergerechter Sprache, etwa die Diskussion um das generische Maskulinum, bei dem sich Frauen mitgemeint fühlen sollen, oder die Debatten um den Genderstern. Einerseits geht es um das berechtigte Anliegen von Frauen, auch in der Sprache vorzukommen, weil eben in der Wirklichkeit nicht nur Piloten oder Bundeskanzler gibt, sondern auch Pilotinnen oder Bundeskanzlerinnen. Ob der Genderstern, der auch in der gesprochenen Sprache alle Geschlechter abbilden soll, dafür das geeignete Mittel ist, berührt jedoch auch die Frage, wie weit die Eingriffe in den gewohnten Sprachgebrauch gehen dürfen. Letztlich geht es also darum, wer das Sagen über das Sagen hat.

„Die Themen der Frauen werden immer komplexer, das macht den Kampf komplizierter“, sagt Trojan. Doch sei einiges erreicht. „Menschen leben ihr Geschlecht heute viel individueller als je zuvor, was auch daran liegt, dass Geschlechtsidentitäten in Deutschland geschützt sind wie nie zuvor“, sagt Trojan. Gerade in Fragen körperlicher und sexueller Selbstbestimmung bliebe aber viel zu tun.

Feminismus ist heute kein Etappenkampf um bestimmte Ziele, wie seinerzeit das Wahlrecht. Vielmehr eine kritische Haltung, die Wandel in vielen Lebensbereichen vorantreiben will. „Es braucht feministische Gruppen, die sich mit Armut beschäftigen, mit sexualisierter Gewalt, mit Bildungszugängen, politischer Beteiligung“, sagt die Publizistin Teresa Bücker. Diese Themen hingen zusammen. Darum kritisiert Bücker auch, dass in der aktuellen Frauenpolitik die Schwerpunkte etwa bei Frauen in Führungspositionen liegen. „Quoten für Vorstände zu fordern, ist auch ein Teil des Puzzles, aber dieses Ziel betrifft nur eine kleine Gruppe von Frauen“, so Bücker.  Feminismus müsse aber versuchen, für möglichst viele geschlechtlich diskriminierte Menschen mehr Gerechtigkeit zu schaffen. 

Es waren wenige Politikerinnen und Richterinnen, die in den ersten Jahren der Bundesrepublik ihre Positionen nutzten. Heute gibt es mehr Frauen in Führungspositionen, aber noch immer die Macht männlicher Strukturen, in die Frauen oft nur aufsteigen, wenn sie sich anpassen. „Eine höhere Repräsentanz von Frauen, sagt noch nichts darüber, ob sie auch feministische Strategien anwenden“, sagt Bücker. „Frauen in Chefetagen führen nicht unbedingt zu gerechteren Löhnen beim Reinigungspersonal.“

Die Frauenbewegung mag offensichtliche Diskriminierung wie das Recht von Ehemännern über den Beruf ihrer Frauen bestimmen zu dürfen, beseitigt haben. Doch ungerechte Strukturen bestehen fort, wie etwa Corona gezeigt hat, weil Frauen eben doch noch den höheren Anteil der Familienarbeit leisten, in der Krise zurückstecken, im Pflege- oder Erziehungsberufen weniger verdienen. Dagegen zu mobilisieren, ist schwieriger geworden. Die Themen sind es dafür grundlegender.

So steht Feminismus heute für den ganzheitlichen Kampf gegen Unterdrückung und Benachteiligung in all ihren Formen. Dieser Kampf kann getragen werden von Frauen wie Männern. Er steht immer noch am Anfang.