1.September 1939: Erinnerungen an den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs

Leserzuschriften : 1. September 1939: Unsere Erinnerungen an den Beginn des Weltkriegs

Vor 80 Jahren entfesselte das NS-Regime mit dem Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg. Acht Jahrzehnte später erinnern sich unsere Leser an ihre Beobachtungen, Erlebnisse und Gefühle an jenem Tag, der auch ihr Leben ändern sollte.

Ich war damals 13 Jahre alt und lebte in meiner Heimatstadt Gottesberg in Niederschlesien. An den Tag des Kriegsausbruchs kann ich mich gut erinnern. Es war große Aufregung zu Hause: Vater war arbeiten, die Mutter ging mit mir zu den Großeltern. Im gleichen Haus wohnte ein Onkel. „Es ist Krieg“, hatte ich wohl gehört. Der Onkel, der noch im wehrpflichtigen Alter war, musste einrücken. Er war auch schon im Ersten Weltkrieg Soldat bei den Husaren, wie immer erzählt wurde. Ein Radio hatte er auch, und das war dauernd eingeschaltet. Dann kam Hitlers Reichstagsrede. Verstanden habe ich wohl nicht alles, was er sagte. Aber der Satz: „Seit fünf Uhr fünfundvierzig wird jetzt zurückgeschossen“ ist mir in Erinnerung geblieben. Das war zwar falsch, er hatte sich versprochen, der Einmarsch war um 04.45 Uhr. Aber das wurde damals nicht richtiggestellt. Der Führer hatte immer recht. Erich Sander, Düsseldorf

Am 1. September 1939 war ich acht Jahre alt. Die Zustimmung zu den Nationalsozialisten war bei einem großen Teil der Bevölkerung gegeben. Andere fürchteten die Gestapo und das KZ. In der Volksschule an der Fleher Straße lernte ich bei der Lehrerin Fräulein Karkowski. Originalzitat: „Alle Juden gehören an den Galgen“ oder: „Ein deutscher Junge tut so etwas nicht. Das tun nur Juden.“ Als wir in die großen Ferien gingen, sagte sie: „Kinder betet, dass wir keinen Krieg bekommen.“ Der brach dann doch aus. Ich kann mich nicht entsinnen, dass die Stimmung in der Bevölkerung sehr gedrückt gewesen wäre. Es war immer die Rede vom Blitzkrieg, der im Gegensatz zu früheren in sehr kurzer Zeit beendet sein sollte. Daran, dass die Deutschen diesen Krieg gewinnen würden, gab es keinen Zweifel. Dr. Erich Krewani, Düsseldorf

Am 1. September 1939 war ich 16 Jahre alt, Schüler des Gymnasiums in Gladbeck. Am frühen Morgen hatte mein Vater am Radio gehört, dass Deutschland in Polen einmarschiert war. Er weckte mich mit den Worten: „Verdammt, jetzt haben wir Krieg.“ Er war sehr betroffen und ärgerlich, sagte aber: „Gott sei Dank, wir sind davon nicht betroffen. Du bist zu jung für das Militär, und mich können sie nicht einziehen weil ich krank bin.“ Von patriotische Begeisterung gab es in meinem Verwandten- und Bekanntenkreis keine Spur, im Gegenteil, alle waren ängstlich und besorgt; außer einigen bekannten Nazis, zum Beispiel der Sohn des Ortsgruppenleiter der NSDAP, der in meiner Klasse war. Zwei Jahre später hat man mich dann doch noch zum Militär geholt, und ich musste sechs Jahre lang als Soldat und Kriegsgefangener überleben. Dr. Heinz Schlingmeyer, Erkrath

Der 1. September 1939 war ein sehr sonnig-warmer Tag. Ich sehe mich (16) mit meiner Freundin Lu (17) in unserem Garten, zwischen dem Madüsee an der Straße Stettin nach Stargard gelegen. Wir sprechen über die ungeheure Nachricht: Krieg. Beide aus Anti-Nazi Familien, ich mit einer englischen Mutter und einem Arzt als Vater, der es wagt, Juden zu behandeln. An diesem 1. September ziehen Militärkolonnen gen Osten. Wir haben ein flaues Bauchgefühl, keine „Kriegs-Hurra-Euphorie“. Weder die Behauptung, in sechs bis acht Wochen sei alles beendet, noch die schreckliche Drohung der „Feinde“, Pommern würde einkassiert, erscheinen uns glaubhaft. Wie kann ich ahnen, dass ich sechs Jahre später, zur Flak eingezogen, einseitig fast taub, völlig ungeeignet am Horchgerät, versehentlich den Scheinwerfer flach über Leipzig aufleuchten lasse. Zu meinem Glück, es ist der allerletzte Einsatz! Sylvia Franzes

Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges ist das erste politische Ereignis, das ich in meinem Leben wahrgenommen habe. Ich war damals zehn Jahre alt und lebte mit Eltern und Geschwistern in Dortmund. Meine Eltern brachten mich Mitte August 1939 in die Ferien zu Verwandten nach Kirrweiler in der Pfalz. Als wenige Wochen später der Krieg drohte und ich Erregung, Besorgnis und Ungewissheit bei der Erwachsenen bemerken konnte, brachen diese unverzüglich meine schönen Ferien ab. Ich musste auf die Schnelle meine Sachen packen und wurde ohne Begleitung in den nächsten Zug gesteckt. Er war völlig überfüllt; anscheinend gab es einen öffentlichen Aufruf zur Heimreise. Es war schon Nacht, als ich heimkam und an der Wohnung klingelte. Das hat meine Eltern sehr erschreckt. Sie befürchteten einen Einberufungsbefehl. An öffentliche Veranstaltungen im Zusammenhang mit dem Kriegsbeginn kann ich mich nicht erinnern. Wohl wurde im Privaten viel diskutiert, intensiv Zeitung gelesen und Radio gehört. Ernst Böhm, 90 Jahre

Am 1. September 1939 war ich zwölf Jahre alt und lebte mit meiner Familie in Berlin-Charlottenburg. Auf der belebten Kantstraße herrschte große Aufregung. Schon länger davor hatte sich Beängstigendes zugetragen: Es fanden Deportationen statt, auch in unserer nächsten Umgebung. Im unserem Haus hatte sich ein jüdisches Ehepaar noch rechtzeitig in die USA absetzen können. Ein kleiner jüdischer Junge aus unserer Straße, der zufällig nicht zu Hause war, als man seine Eltern holte, wurde von Nachbarn in einem Gartenhäuschen versteckt. Ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist. Am 31. August wollte ich Schuhe kaufen und hatte ein schönes blaues Paar entdeckt. Weil es etwas drückte, war ich unschlüssig, der Kauf wurde verschoben. Am nächsten Tag waren sämtliche Lebensmittel und die meisten Dinge des täglichen Bedarfs auf einen Schlag nur noch auf Karten zu bekommen. Für die Schuhe musste ich nun erst zum Markenamt gehen und einen Gutschein beantragen. Dr. Elisabeth Bewerunge, Düsseldorf


Ende August 1939 fuhr ich mit meiner Mutter im Nacht-D-Zug von Erfurt nach Schweinfurt. Ich war fünfdreiviertel Jahre alt. Es war meine erste Nachtfahrt in einem D-Zug-Abteil mit sechs Sitzen. Ich erinnere mich sehr gut an die Stimmung der Menschen in dieser Nacht. Sie war düster und zum Teil ängstlich, das Wort Krieg fiel, das ich bisher nicht gehört hatte. Da der Zug an mehreren Stationen halten musste, weil andere Züge dazwischen geschoben wurden, sprachen die Menschen sehr offen über ihre Sorgen miteinander. Auch das war mir neu, dass Fremde so offen miteinander sprachen. Es war alles sehr aufregend für mich, so dass ich kaum geschlafen habe. Rita Dorenbeck, Düsseldorf

Ein Bauerndorf in Brandenburg in den Augusttagen 1939. Die Wehrmacht beschlagnahmt einen Gasthof. Die Schankstube wird Schreibstube, der Saal wird bis in den Giebel vollgepackt mit Uniformen, Gerät und Waffen. Es kommen zivile Transportlastkraftwagen mit Fahrer, meist aus Süddeutschland. „Was sollen wir hier?“, wurde gefragt. „Am Manöver der Wehrmacht teilnehmen“, war die Antwort. Alle wurden eingekleidet, erhielten Gerät und Waffen, lernten Kolonnefahren und übten taktische Zeichen. Der 1. September kam. Meine Mutter weckte mich pünktlich, damit ich mit meinen elf Jahren in die Schule komme. „Es ist furchtbar, ab heute haben wir Krieg mit Polen. Gott sei Dank du bist noch zu jung um eingezogen zu werden.“ Der bei uns einquartierte LKW-Autokonvoi war weg, die Dorfstraße wieder leer. Das „Kraftwagen-Transport-Regiment 605“ war im Einsatz, nicht im Manöver! W. Kuhrmann, Ratingen

Ich bin Jahrgang 1932. Meine Heimat, Waldenburg in Niederschlesien, war eine kleine Mittelstadt im Tal eines wunderschönen Mittelgebirges gelegen mit viel Wald, fruchtbaren Feldern, fleißigen, genügsamen, fröhlichen Menschen und einer großen Verwandtschaft. Im April 1939 wurde ich eingeschult. Als der Krieg ausbrach, war es mit dieser Idylle vorbei. Mit meinen damals sechseinhalb Jahren habe ich in vollem Maße die Bestürzung, Angst und Ratlosigkeit meiner Umgebung miterlebt. Bei den Älteren waren plötzlich die Ereignisse während und nach dem 1. Weltkrieg wieder da, als eine Welt zusammenbrach. Es gab viele Tränen, auch bei mir, obwohl ich bis dahin ein glückliches Kind war. Auflehnung gegen die Ereignisse am 1. September war nicht möglich, die NSDAP war überall präsent. Christa Schwalbe

Zu den schönen Erinnerungen an meine Kindheit gehören die Feiern im großen Familienkreis, die meist heiter verliefen und bei denen oft auch gesungen wurde. Die Feier meiner Erstkommunion am Weißen Sonntag 1939 war dagegen anders. Die Stimmung war bedrückt. Erst kurz zuvor hatte mein Vetter Theo seinen Einberufungsbefehl erhalten. Folglich kam in den Gesprächen die bange Frage auf, ob es wohl Krieg geben werde. Offiziell wurden solche Bedenken stets beschwichtigt. Auf den Bahnhöfen waren um die gleiche Zeit Mobilisierungen zu beobachten, die sehr wohl auf einen baldigen Feldzug hinweisen konnten: Reservisten mit Rucksäcken und Kartons drängten sich hier zusammen. Ziel sei der Osten, hieß es. Die bedrückende Stimmung steigerte sich nach Kriegsausbruch trotz der angeblich schnellen Erfolge in Polen stetig, bis alles für uns wenige Jahre später in der Katastrophe endete. Friederike Bruckmann, Krefeld

Ich war damals sechs Jahre alt. Wir Kinder spielten im Garten unseres Hauses in Goch, als meine Mutter uns zurief: „Es ist Krieg!“ Die Folgen spürten wir unmittelbar: Mein Vater wurde sofort zur Luftwaffe eingezogen. Für uns Kinder war die Betriebsamkeit bei Kriegsausbruch natürlich interessant: Lange Kolonnen von Soldaten marschierten auf der Straße an unserem Haus vorbei. Sie sangen aus voller Kehle Soldatenlieder. Wir brachten ihnen Kaffee, Kuchen und Limonade. Bis nach Weeze sind wir mit ihnen mitgelaufen. Später ritten in schier endloser Zahl Soldaten auf Pferden vorbei, die Tiere waren frisch gestriegelt und glänzten in der Sonne. Wenn wir zur Oma mit dem Zug (3. Klasse auf Holzbänken) nach Wesel fuhren, sahen wir schon von Weitem die Sperrballons, die die Eisenbahnbrücke über den Rhein vor Angriffen Jagdbomber schützen sollten. H. Schroeder, Kleve

Wir machten gerade einen Ausflug nach Wiesbaden und saßen auf einer Caféterrasse, als die Nachricht vom Ausbruch des Krieges kann. Oma und Mutter, die kaum die Not und das Elend des Ersten Weltkriegs verwunden hatten, waren erschüttert. Für uns Kinder war wesentlich, dass die Schulferien verlängert wurden. Viele Schulen wurden vorübergehend als Kasernen genutzt. Wir verfolgten den Polenfeldzug anhand der Landkarte. Als Polen von uns und den Russen besetzt war, zeigte sich Pimpf Willi begeistert von der Leistung der Wehrmacht. Das veranlasste meinen Vater dazu, mir einen Dämpfer zu verpassen: „Und diesen Krieg verlieren wir doch.“ Und er hat ja auch zu meinem Lebensglück mit dieser gewagten Äußerung Recht behalten. Willi Hoselmann, Geldern, Jahrgang 1927

„Ich war acht Jahre alt, als der Krieg begann. Ich spielte auf der Straße und hörte vom Einmarsch der deutschen Truppen in Polen. Unsere Nachbarin, Mutter von fünf Kindern und Trägerin des Mutterschaftsordens hörte ich sagen – und ich habe die Worte immer noch im Ohr: „Man muss sich für den Führer in Stücke reißen lassen.“ Hedwig Weimann

Am 1. September 1939 war ich 13 Jahre alt, Schülerin an der Oberschule für Mädchen, früher Marien-Lyzeum. Die Neuigkeit vom Krieg hat uns Schülerinnen begeistert. Endlich passierte etwas. Meine Euphorie wurde zu Hause gebremst. Mein Vater, Beamter bei der Reichsbahn, hatte nur einen Kommentar: „Ich mag die Braunen nicht. Ihr werdet schon sehen.“ Er sollte befördert werden, musste aber vorher in die Partei eintreten. Das tat er nicht und wurde somit auch nicht befördert. Als ich 1944 den Reifevermerk bekam, um in drei Schichten Flugzeugfedern zu schleifen, täglich Fliegeralarm und Bombenangriffe erlebte, habe ich oft an seine frühe Ablehnung denken müssen. Hilde Voth, Bocholt

An den Kriegsausbruch kann ich mich noch gut erinnern. Es waren Sommerferien, und wir hielten uns am Strand von Scharbeutz auf. Ein ganz normaler Urlaubstag, als plötzlich eine Nachricht die Runde machte, die alle Erwachsene in höchste Aufregung versetzte. In kürzester Zeit war der Strand leer, ich blieb allein zurück. Mit großer Verwunderung nahm ich das Geschehen wahr. Man hatte wohl dieses vierjährige kleine Mädchen übersehen. Im Hotel erfuhr ich, dass der Krieg ausgebrochen sei. Die Koffer wurden in Windeseile gepackt, und wir machten uns auf den Weg zurück nach Wuppertal. Von unserem Vater, der wohl auf dem Weg zum Urlaubsort seiner Familie war, erzählt man, dass er im Zug auf der Höhe von Osnabrück vom Schaffner ausfindig gemacht wurde mit den Worten: „Sie müssen bei die Soldaten.“ Sigrid Lesaar, Düsseldorf

Da meine Mutter nach der Warnung durch befreundete Polen offenkundig auch um unser Leben fürchtete, flüchtete sie mit mir etwa eine Woche vor Kriegsbeginn in die Freie Stadt Danzig, wo sie gute Bekannte hatte. Am 1. September 1939 gegen fünf Uhr morgens, wurden wir durch Geschützdonner geweckt und konnten die Beschießung der Westerplatte durch den deutschen Panzerkreuzer „Schleswig-Holstein“ beobachten. Wir wurden so Zeuge des Beginns des Zweiten Weltkriegs. Ein oder zwei Tage später kamen die ersten deutschen Truppen, großenteils in Kolonne zu Fuß marschierend, begleitet durch von Pferdekraft bewegte Wagen und kleinkalibrige Kanonen, auf der Straße vorbeigezogen. Die Straße war gesäumt von begeisterten Menschen, die diesen Einmarsch als Befreiung von einem auf ihnen lastenden Druck und einer tödlichen Bedrohung empfanden und sich glückstrahlend umarmten. Sie warfen den Soldaten Blumen, Süßigkeiten und Zigaretten zu und riefen „Heil Hitler“.Prof. Rolf Rau, Jahrgang 1933, Düsseldorf

Meine 1984 verstorbene Mutter berichtete mir auch im hohen Alter noch einmal von den Ängsten und Ungewissheiten, die sie mit mir (Jahrgang 1938) , meinen beiden älteren Schwestern und meinem Vater in den August-Wochen 1939 in unserer Wohnung in Brieg bei Breslau erleben mussten. Diese Situation schildert Sie auch in einem handschriftlichen Brief, den sie am 31. August 1939, abends um „1/2 10.00 Uhr“, also wenige Stunden vor Kriegsbeginn, an ihre Eltern in Langenau bei Hirschberg richtete. Darin heißt es unter anderem: „Eben sind unsere zwei Mann Einquartierung schlafen gegangen, nachdem sie noch die Berichte gehört hatten. Wir hören manchmal früh um 3/4 7.00 und abends um 1/4 9.00 Warschau (Polen), da hört man gerade immer das Gegenteil!“ Und weiter: „Wir hoffen ja noch sehr, dass es gar nicht so weit kommt, obwohl die Lage immer ernster wird! Jede 1/4 Stunde rollt ein Militärzug hier durch nach Oberschlesien. Wenn es wirklich zum Zusammenstoß kommt, wird, glaube ich, Polen dem Erdboden gleichgemacht. Heute kamen auch wieder große Geschwader Sturzbomber über Brieg Richtung Oberschlesien.“ Abschließend bedankt sich meine Mutter für die Pakete ihrer Eltern und ist zuversichtlich: „Bis dahin hat sich hoffentlich alles wieder beruhigt.“ Ernst-Dieter Kunert, Mönchengladbach

Ich kann zum 1. September 1939 nur sagen, dass die Stimmung sehr gedrückt und ängstlich war. Ich hatte am 25. August meinen 6. Geburtstag gefeiert, es war der letzte, den ich mit meinem Vater gefeiert habe. Ich habe noch einen Brief meines Vaters zu meinem 10. Geburtstag, in dem er klagt, ich sei in seiner Erinnerung immer noch sechs, da er sofort eingezogen worden und nie mehr an einem meiner Geburtstage anwesend war. Am 6. September 1944 starb er den „Heldentod für Führer, Volk und Vaterland“. Günther Körtgen, Neuss

In aller Frühe, es mag gegen sechs Uhr gewesen sein, weckte und erschreckte mich ein Schluchzen und Weinen. Ich sprang aus dem Bett und lief in den Flur. Auf der Treppe saß Tante Luise. Sie hatte ihr Gesicht in die Hände gelegt, ihr ganzer Körper bebte. Ängstlich besorgt fragte ich, was los sei. Ich schmiegte mich an sie ganz verwirrt und voller Angst. Danach nahm sie mich in den Arm und klagte: „Junge, es ist Krieg.“ Meine Angst verlor sich. Kein Entsetzen, sondern eine freudige Empfindung: Krieg, endlich Krieg, das ist doch wunderbar! Jetzt zeigen wir es ihnen! Tante Luise schaute mich ernst und mit tränenden Augen an und sagte nur: „Junge, Krieg ist entsetzlich.“ Erwin Neitzert, Jahrgang 1927, Alpen