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Sonderpreis: 1Live ehrt Punkband "Pussy Riot"

Sonderpreis : 1Live ehrt Punkband "Pussy Riot"

Der WDR-Sender verleiht einen Sonderpreis erstmals an eine ausländische Band – nicht für die Musik, sondern für den politischen Protest. Sender-Chef Jochen Rausch würde deutschen Bands gern sagen: "Vielleicht fällt euch auch mal was anderes ein, als über die Liebe zu singen."

Der WDR-Sender verleiht einen Sonderpreis erstmals an eine ausländische Band — nicht für die Musik, sondern für den politischen Protest. Sender-Chef Jochen Rausch würde deutschen Bands gern sagen: "Vielleicht fällt euch auch mal was anderes ein, als über die Liebe zu singen."

Nicht weniger als ein Zeichen will 1Live-Chef Jochen Rausch mit der Verleihung des Sonderpreises an die russische Frauen-Punkband "Pussy Riot" setzen. "Die Musikerinnen haben sich mutig gegen staatliche Bevormundung und für das Recht auf freie Meinungsäußerung in Russland eingesetzt und müssen nun dafür einen hohen Preis bezahlen", so Rausch.

Drei Mitglieder der zehnköpfigen Band waren im August trotz weltweiter Proteste wegen "Rowdytums aus religiösem Hass" zu je zwei Jahren Straflager verurteilt worden, nachdem sie im Februar 2012 in der zentralen Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale mit einem "Punk-Gebet" gegen Präsident Wladimir Putin protestiert hatten. Für eines der drei Bandmitglieder setzte ein Berufungsgericht die Strafe zur Bewährung aus, für die beiden anderen bleibt es bei Straflager. Dieser inakzeptable Vorgang dürfe international nicht in Vergessenheit geraten, so Jochen Rausch.

Seit 2010 verleiht 1Live den "Sonderpreis" statt eines Preises für das Lebenswerk. "Das Problem ist, dass man nach zehn Jahren feststellt: Jetzt haben alle diesen Preis, die ihn verdient haben", so Rausch. Mit den ersten Sonderpreisen, die im Gegensatz zu den "Kronen" nicht vom Publikum, sondern der Redaktion vergeben werden, ehrte 1Live Stefan Raab und die WDR-"Tatorte" Köln und Münster.

Man zeichne nicht die Musik von "Pussy Riot" aus, sondern die Aktion, so Rausch im Gespräch mit unserer Zeitung. Es stehe dem Sender als Medium nicht an, den Künstlern zu sagen: "Vielleicht fällt euch auch mal was anderes ein, als über die Liebe zu singen." Aber "Pussy Riot" stehe in einer Tradition, die etwas in Vergessenheit geraten sei. "Pop kann sich inhaltlich-kritisch mit Dingen auseinandersetzen. Wir leben in einer Phase, in der der Unterhaltungsfaktor von Musik sehr dominant gesehen wird", sagte Rausch weiter.

Es gebe viele Bands, die nicht durch besondere inhaltliche Aussagen auffielen, so der Wellen-Chef, "sich dann aber wundern, wenn sie vielleicht als belanglos wahrgenommen werden". Vor ein paar Tagen habe er den Versuch unternommen, einmal ein paar Bands aufzulisten, die für Protest oder eine kritische Haltung stünden. Rausch: "Da muss man echt lange nachdenken, und dann kommt man irgendwann bei Bob Dylan an. Der Mann ist 70!"

Auch künftig solle der Sonderpreis Leistungen vorbehalten sein, die "aus dem üblichen Promo-Theater" herausragen, so Rausch. 1Live sei entgegen mancher Wahrnehmung kein reiner "Unterhaltungs-Dampfer" und das auch nie gewesen. Verliehen werden die 1Live-Kronen und der Sonderpreis in diesem Jahr an 6. Dezember in Bochum. Wie jedes Jahr zeichnen die Hörer des Senders die nach ihrer Ansicht besten Musiker des Jahres in verschiedenen Kategorien aus, jeweils gleich zweimal nominiert sind diesmal die "Toten Hosen", "Deichkind" und Cro. Sabine Heinrich und Chris Guse werden die Show aus der Jahrhunderthalle moderieren. Noch ist unklar, wie der Sender den Sonderpreis an "Pussy Riot" überreichen kann. Rausch: "Das ist offen. Der WDR hat in Moskau ein großes Studio, wir bemühen uns, die Kontakte der Kollegen dort zu nutzen."

(RP)