Zwei Kämpfer gegen Parkinson

Zwei Kämpfer gegen Parkinson

Birgit Lange aus Moers und Detlev Friedriszik aus Rheinberg haben eine bundesweite Aufklärungskampagne zur "Diagnose Parkinson" gestartet. Ab heute werden über die Apotheken Bücher, DVDs und Hörbücher vertrieben. Denn auch immer mehr junge Menschen erkranken an Parkinson.

Rheinberg Birgit Lange geht ganz kleine Schritte vom Haus durch die Garage bis in den Garten. "Ich kann meinen Gang so am besten kontrollieren", sagt sie. Manchmal, da gehorcht ihr Körper einfach nicht, da will sie rückwärts laufen, aber das Bein bewegt sich nicht in die richtige Richtung. "Am Anfang war das frustrierend", sagt die 47-Jährige. Da war sie 35 – viel zu jung für Parkinson – und hatte gerade ihre Tochter Antonia zur Welt gebracht. Eine junge Mutter mit Parkinson? "Ich wusste nicht, wie das gehen soll", sagt sie. "Aber ich habe gelernt, dass ich dann Geduld haben muss, mich nicht unter Druck setzen darf."

Birgit Lange hat die Art von Parkinson, bei der man nicht zittert. Dafür bekommt man Krämpfe, wird unbeweglich. Aber mit Medikamenten lässt sich die Krankheit in Schach halten. Wie die Moerserin leiden 300 000 bis 400 000 Menschen in Deutschland an Parkinson. Etwa 20 Prozent aller Betroffenen sind jünger als 50. Die Krankheit beginnt meist zwischen dem 40. und 60. Lebensjahr und verläuft langsam fortschreitend. "In den Köpfen vieler ist Parkinson eine Erkrankung, die nur alte Menschen bekommen. Aber das stimmt nicht mehr", sagt Detlev Friedriszik. Der Rheinberger ist Mitglied in der Deutschen Parkinsonvereinigung und hat die Aufklärungsaktion "Diagnose Parkinson" gestartet. Ab heute werden zu dem Thema bundesweit in den Apotheken Bücher, Hörbücher und DVDs verkauft. "Wir wollen allen Erkrankten Mut machen, das Schöne im Leben zu sehen, das Heute zu nutzen und nicht nur zu grübeln, was morgen kommen könnte." Unterstützt wird das Projekt von den Krankenkassen, aber auch von Prominenten und Musikern wie Xavier Naidoo und die Band Unheilig. Maskottchen der Aktion ist die Schildkröte "Gina", die Birgit Lange entworfen hat. Gina steht für "Gib nicht auf!"

Auch Detlev Friedriszik empfand die Diagnose Parkinson als "Vollbremsung". "Ich dachte, jetzt ist alles zu Ende." Der IT-Manager war früher viel unterwegs, absolvierte 300 Flüge im Jahr, ging gerne Skilaufen und unternahm auch privat viele Reisen. "Ich bekam plötzlich Schweißausbrüche und wurde unendlich müde", erinnert er sich. Mit links konnte er die Nägel der rechten Hand nicht mehr schneiden. "Meine Hand zitterte, meine Sprache ließ etwas nach." Für all das gab es zunächst keine Erklärung. Drei Jahre habe es gedauert, bis die Ärzte wussten, was mit dem damals 50-Jährigen los ist.

Warum jemand an Parkinson erkrankt, ist bis heute ein Rätsel. Vererbung könnte eine Rolle spielen. Aber auch bestimmte Medikamente, Vorerkrankungen wie Hirnhautentzündung oder Vergiftungen können zu entsprechenden Beschwerden führen. Wissenschaftlich wird das so erklärt: In einem bestimmten Hirnareal kommt es zum Untergang von Nervenzellen, die den Neurotransmitter Dopamin produzieren. Er ist wichtig für die Weiterleitung in den Nervenfasern. Auch andere Botenstoffe für die Nervenfunktion sind bei der Krankheit vermindert. Es kommt zu Lähmungserscheinungen oder Zittern. "Jeder hat seinen eigenen Parkinson", sagt Birgit Lange.

Aufgeben kam weder für Birgit Lange noch für Detlev Friedriszik infrage. Dieses Wort scheint nicht einmal in ihrem Vokabular zu existieren. "Ich habe mein Leben neu strukturiert", sagt Friedriszik stattdessen. Er ist heute selbstständig und macht viel von zu Hause aus. "Ich musste mit Mitte 50 einen Rentenantrag stellen" – etwas, gegen das der heute 56-Jährige lange ankämpfte. "Es ist schwer zu verstehen, dass einem schon alltägliche Dinge Schwierigkeiten bereiten." Die Gläser in den Schrank stellen, einen Knopf zumachen, den Gürtel durch die Schlaufen fädeln. "Manchmal bin ich so wütend, wenn etwas nicht klappt", sagt auch Birgit Lange, "dass ich dann eine Einladung absage." Wenn sie es nicht aus eigener Kraft schafft, sich schick zu machen, anzuziehen und zu schminken. Auch Einkaufen im Supermarkt ist zu einer Herausforderung geworden. "Viele Menschen haben kein Verständnis dafür, wenn man an der Kasse die Waren nicht so schnell aufs Band legt, wenn man in krummer Haltung über die Kirmes geht." Sie sei schon übel beschimpft worden. Als weiblicher Quasimodo, als Betrunkene. Das sei das Schwierige an ihrer Erkrankung. Jemand Unbeteiligtes wisse nicht, was es ist und wie es sich zeigt. Um so wichtiger sei es, dass ihr Mann und ihre Tochter für sie da sind und sie unterstützen.

Ob es denn auch eine Hilfe ist, dass sich immer mehr Prominente mit der Krankheit outen? Schauspieler Ottfried Fischer, Dirigent Kurt Masur, Körperkünstler Gunther von Hagens, Schauspieler Michael J. Fox und Bob Hoskins haben ihre Erkrankung öffentlich gemacht. Friedriszik findet das gut. Nicht weil es ihm helfe zu sehen, dass auch Prominente nicht vor der Erkrankung gefeit sind. Sondern weil sie die Forschung unterstützen. Fox soll mit seiner Stiftung mehr als 80 Millionen US-Dollar an Forschungsgeldern gesammelt haben. Und noch etwas ist Friedriszik an der Offensive wichtig: Michael J. Fox hat sich nicht aufgegeben. Er wagt ein Comeback, spielt einen Parkinsonkranken in einer TV-Serie. "Und auch wir wollen uns nicht verstecken", sagt Birgit Lange. Ihr Motto lautet: "Wenn du nicht kannst, was du willst, musst du wollen, was du kannst."

(RP)
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