Yvonne Rainers Tanz-Revolte

Yvonne Rainers Tanz-Revolte

Yvonne Rainer hat mit ein paar Kollegen in den 1960er Jahren den Tanz revolutioniert. Sie waren radikal: im Weglassen, Vereinfachen, im Entmystifizieren. Sie begründeten den sogenannten Postmodern Dance in Zeitgenossenschaft zu Robert Rauschenberg und John Cage. Dieser berühmten amerikanischen Künstlerin, die später Filme drehte, widmet das Museum Ludwig in Köln zurzeit eine große Ausstellung. Im Tanzhaus NRW trat die 77-Jährige nun selbst auf die Bühne.

In "Assisted Living: Good Sports 2", einem Werk von 2011, begrüßt sie das Publikum, stellt die fünf Tänzer vor sowie zwei Mitarbeiter, die sich im Folgenden am Bühnenrand bewegen, indem sie eine Matratze, zwei Klappstühle, eine leere Diogenes-Holztonne und einen Scheinwerfer von hinten links bis vorne rechts räumen. Ganz langsam – eine Art sanfte Occupy-Bewegung, die den Tänzern doch noch die Bühne überlässt. Yvonne Rainer liest immer mal kurze Texte vor mit dem Mikrofon, zuweilen kommt ihre Stimme aus dem Off. Man hört Zitatfetzen über Rousseau und Empathie, Menschenrechte, Verschwörungstheorien, Kinderkriegen, Verkehr als Wetterindikator, körperliche Ticks, die Dunkelheit der Unterdrückung, die sich im Zwielicht ankündigt. Man hört auch einen wüsten Musikmix, der von knisternden Schellackplatten stammt. Man sieht die Tänzer, die damit nichts zu tun haben. Als Gruppe oder in Abteilungen gehen oder trippeln sie locker und federnd, halten mal kleine Hanteln, machen Ausfallschritte, bleiben stehen, legen sich hin, tragen jemanden, heben die Arme wie zum Jubel, machen Gesichter und Geräusche, wiederholen sich, einmal lachen sie ausgiebig. Sie führen jene Empathie an der Nase herum.

Ebenso im ersten Stück des Abends, "Spiraling Down" von 2009. Mit unbeteiligtem Ausdruck machen sie schiefe, dribbelnde Schritte, vorwärts, rückwärts, schauen hierhin und dorthin, mal dehnt jemand die Oberschenkelmuskeln, mal hält sich einer das Bein wie im Krampf, Hand aufs Herz, Hände vor den Schritt, vor die Augen, Jubelgrimasse, Jammergeste, Schießen, Werfen, Fangen ohne Ball: Sie speisen den Tanz aus Sportbildern, streifen die Posen immer nur kurz und so lose, dass alles zu Bedeutungslosigkeit verwischt.

Was will dieses Anti-Pathos? Vielleicht, dass wir der Show nicht glauben, der Tünche auf Bewegungen, dem Wichtigtun von Kunst. Der Ansatz ist alt und irritiert immer noch. Ein starkes Gastspiel.

(RP)