"Wir müssen Opfer besser schützen"

"Wir müssen Opfer besser schützen"

Die Übergriffe auf zwei junge Frauen, die im Mönchengladbacher Hauptbahnhof zusammengeschlagen wurden, sind kein Einzelfall. Wenn die Täter schon längst verurteilt sind, leiden die Opfer oft immer noch. Wie Jonas L.: Er wurde vor einem halben Jahr in einem Kölner U-Bahnhof überfallen.

Köln /Mönchengladbach Jonas L. (20) deutet im Kölner U-Bahnhof Friesenplatz auf eine Bank: "Hier war es, hier haben die mich zusammengeschlagen." Die Bilder jenes 5. Dezembers 2011 werden den jungen Betriebswirtschafts-Studenten wohl sein Leben lang verfolgen. Ein Zeuge hatte den Überfall von einem gegenüberliegenden Bahnsteig aus gefilmt. Die Bilder wurden im Zuge der Fahnung im Internet veröffentlicht und inzwischen tausendfach angeklickt.

"Ich kam von einer Weihnachtsfeier im Golf-Club", erinnert sich der junge Mann. "Am Friesenplatz wollte ich auf die U-Bahn warten. Auf der Bank bin ich wohl für einen kurzen Augenblick eingenickt." Er wird wieder wach, hört, dass jemand die Worte "Polizei" und "Ausweis" sagt. "Als ich aufschaute und die beiden Typen sah, war mir sofort klar, dass die es auf mein Portemonnaie abgesehen hatten", sagt L.. Einer der Jugendlichen, die sich vor L. aufgebaut haben, hat seine Hände wie ein Boxer bandagiert.

Schnell wird L. klar, dass Ibrahim P. (17) und Martin T. (21) es ernst meinen. Als L. seine Geldböse nicht herausrückt, schlägt P. Jonas unvermittelt ins Gesicht. Der Schlag ist so heftig, dass die Kieferhöhle bricht. Der 19-Jährige zieht seine Geldbörse hervor und gibt sie den Räubern. "Doch das war denen nicht genug, Ibrahim P. wollte auch noch mein Handy haben. Doch das hatte ich zu Hause gelassen", berichtet L.. Die Schläger glauben ihm nicht. Auf dem Video ist zu sehen, wie P. erneut seinem Opfer mehrfach ins Gesicht schlägt. Als Passanten sie ansprechen, machen sich die beiden Täter auf dem Staub. Ls. Gesicht ist blutüberströmt.

Der Fall schlägt in Köln Wellen. Die Polizei reagiert rasch und veröffentlicht die Handy-Bilder. Wenige Tage später kapitulieren die Täter vor dem Fahndungsdruck und stellen sich. Beide sind polizeibekannt. Trotzdem lässt die Justiz die Verdächtigen laufen. Es bestehe weder Flucht- noch Verdunkelungs- oder Wiederholungsgefahr, teilt die Staatsanwaltschaft lapidar mit. Im Fall des aus Dormagen stammenden Ibrahim P. ist das eine Fehleinschätzung. An Heiligabend schlägt der Jung-Gangster erneut zu. Er hält zwei 18-Jährigen ein Messer an die Kehle und erpresst so ein Handy. Die Polizei fasst ihn. Dieses Mal geht er in Untersuchungshaft. "Hätte man ihn beim ersten Mal nicht freigelassen, wäre der zweite Überfall gar nicht passiert", sagt L..

L. muss sich einer schweren Gesichtsoperation unterziehen. In zwei Wochen kommt der heute 20-Jährige erneut unters Messer. Dann werden ihm im Krankenhaus die Stahlplatten entfernt, die ihm nach der Tat eingesetzt wurden. Doch damit scheint der Leidensweg für den jungen Mann noch nicht zu Ende zu sein. "Die Ärzte haben festgestellt, dass durch den Schlag vier Zahnnerven beschädigt wurden. Wahrscheinlich werde ich die Zähne verlieren und benötige Zahnersatz." Zwar hat L. gegenüber dem Schläger Anspruch auf Schmerzensgeld und Schadenersatz. Doch bei P. ist nichts zu holen. Die Hauptschule hat er abgebrochen. Er ist arbeitslos.

Immerhin hat L. die Möglichkeit, einen Antrag nach dem Opferentschädigungsgesetz zu stellen. Darauf macht Karl-Heinz Schayen (67), stellvertretender Landesvorsitzender des "Weißen Rings", aufmerksam. Dann werden ihm möglicherweise Kosten erstattet, die ihm im Zusammenhang mit der Tat entstanden sind.

"Trotz einer positiven Entwicklung müssen wir Opfer noch besser schützen", meint Schayen. Er denkt dabei vor allem an die Art und Weise, in der vor Gericht mitunter mit Geschädigten umgegangen wird. "Da sind die Opfer nur ein Beweismittel", sagt Schayen. Das zugefügte Leid spiele oft nur eine untergeordnete Rolle.

Entscheidend ist, welcher Richter die Verhandlung führt und wo der Prozess stattfindet. Zum Glück für L. musste P. sich nicht in Köln verantworten. Den Kölner Jugendrichtern eilt der Ruf voraus, sich bei der Strafzumessung eher zurückzuhalten. Doch da der Schläger P. aus Dormagen stammt, sah er sich mit einem Neusser Amtsrichter konfrontiert. Der schickte ihn für zwei Jahre und drei Monate hinter Gitter – ohne Bewährung. Dagegen legte der Verurteilte Berufung ein.

Vor dem Landgericht Düsseldorf erlebte L. seine zweite positive Überraschung. Der dortige Richter bestätigte das Urteil aus erster Instanz. Laut L. habe er dem Angeklagten sogar zu verstehen gegeben, dass das Urteil leicht noch höher hätte ausfallen können, falls auch die Staatsanwaltschaft in die Berufung gegangen wäre. Ps. Komplize, der in Köln abgeurteilt wurde, kam günstiger weg. Das Urteil gegen ihn: ein Jahr auf Bewährung.

Jonas L. findet, dass im Jugendstrafrecht Urteile auch Abschreckungs-Charakter haben sollten: "Jemand, der als Jugendlicher Straftaten begeht, macht damit sonst als Erwachsener weiter, wenn er die Erfahrung gemacht hat, dass er billig davon kommt."

Er selbst versucht, sich wieder auf sein Studium zu konzentrieren. "Aber wenn ich nachts U-Bahn fahren oder auf der Straße an einer Gruppe Jugendlicher vorbeigehen muss, habe ich seit der Tat ein mulmiges Gefühl."

(RP)
Mehr von RP ONLINE