Wer wird Weltkulturerbe?

Wer wird Weltkulturerbe?

Schloss Benrath, Kaiserswerth oder doch das Neandertal? In diesem Jahr wird die Unesco eine Vorentscheidung darüber treffen, was in ihre berühmte Welterbe-Liste einzigartiger Kulturstätten aufgenommen wird. Weltweit hat sind derzeit 725 Kultur- und 183 Naturdenkmäler dort verzeichnet.

Das ist schon ein Wort wie ein Donnerschlag: "Weltkulturerbe". Es verlangt nach Ehrfurcht und Staunen. Und wenn man auf der Kölner Domplatte vor dem gewaltigen Bauwerk steht, dann begreift man dieses Wort in seiner ganzen Wucht. Ja, das ist ein Erbe für uns und die ganze Welt und für unser aller Nachkommen.

Zum offiziellen Begriff wurde das Wort durch die Kulturabteilung der Vereinten Nationen, die Unesco. Seit den 1970er Jahren verleiht sie diesen Titel, und bisher sind über neunhundert Stätten in mehr als 150 Staaten in die begehrte Liste aufgenommen. Davon sind über 700 Kulturdenkmäler und knapp zweihundert Naturdenkmäler wie zum Beispiel das Wattenmeer der Nordsee.

Niemand hätte für möglich gehalten, welch dramatischen Erfolg diese Aktion der Unesco hatte. Der globale Tourismus orientiert sich an dieser Liste, und das erklärt die Anstrengungen, in sie aufgenommen zu werden. Vom Kommerziellen aber abgesehen ist die Liste des Weltkulturerbes ein Beleg dafür, dass eine wirkliche Weltkulturpolitik möglich ist.

Inzwischen deutet sich freilich ein Problem an. Die großartige Idee ist in Gefahr, zum Opfer ihres Erfolges zu werden. Denn die Unesco und die etwa zweihundert nationalen Weltkulturerbe-Bürokratien denken natürlich nicht daran, ihre Tätigkeit einzustellen. Im Gegenteil, sie weiten sie aus. So sehen sich alle Mitgliedsländer jährlich aufgefordert, neue Vorschläge für die Aufnahme in die Liste zu machen. Außerdem wurde seit 2003 der Begriff des Weltkultur- und -naturerbes ausgeweitet auf das sogenannte immaterielle Welterbe, also Tanz, Theater, Bräuche, Handwerkstraditionen. Deshalb ist inzwischen der Tenorgesang sardischer Schäfer ebenso Teil des Welterbes wie die französische Esskultur. Spötter vermuten, dass es auch die Thüringer Rostbratwurst bald schaffen wird.

Es liegt in der Natur der Sache, dass jetzt auch zunehmend B-Vorschläge gemacht und aufgenommen werden. Anderseits darf man die Liste nicht einfach schließen. Denn bisher sind in der Mehrzahl jene Stätten in der Liste vertreten, die aus der Sicht eines europäischen Kulturbegriffs bedeutsam sind. Und da wieder vorwiegend französische und deutsche Kirchen und Schlösser.

Bei uns ist jetzt die Landesregierung für die anstehende Nominierung am Zuge. Ihre Vorschläge werden dann vom Bund noch einmal gesiebt. Aus Düsseldorf und der Region sind drei Benennungen auf dem Tisch: Schloss Benrath, Kaiserswerth und das Neandertal als Fundort des Urmenschen. Was das zauberhafte Lustschloss in Benrath angeht, so wird man sich fragen müssen, ob man es in denselben Rang erheben will wie den Kölner Dom. Man kann höhnische Kommentare aus der Nachbarstadt vorhersehen.

Mehr Chancen dürfte Kaiserswerth haben, einfach deshalb, weil Stadtkerne es noch nicht so häufig auf die Liste schafften. Kaiserswerth wäre im Falle der Wahl dann Weltkulturerbe zusammen mit der Hansestadt Lübeck, den Altstädten von Bamberg, Quedlinburg, Stralsund und Wismar. Das ist ein erlesener Kreis und ihm anzugehören eine wirkliche Herausforderung.

Noch einmal anders verhält es sich mit dem Neandertal – international meist mit dem altdeutschen h, also Neanderthal, geschrieben. Einem großen Teil der Menschen auf dieser Erde, die lesen und schreiben können, ist das Wort Neanderthaler bekannt. Nicht immer in nur schmeichelhafter Bedeutung. Aber die wenigsten wissen, dass es einen konkreten Ort auf unserem Planeten gibt, von dem dieser Name herkommt.

Menschheitsmythos Neandertal

So ist das Neandertal in einem sehr ernsten Sinne ein mythischer Ort; man darf wohl sagen: ein mythischer Weltort wie nur wenige. Dieses Tal zwischen Erkrath und Mettmann ist längst ein Weltkulturerbe – auch ohne das offizielle Unesco-Dokument.

Das Drama, das sich um dieses Tal rankt und das zum Menschheitsmythos wurde, ist schnell erzählt. Hier – und nirgendwo anders – ist die Menschheit zum ersten Mal der bestürzenden Gewissheit begegnet, dass sie Vorfahren hat, die dem Affen so nahe sind wie dem Menschen. Hier – und nirgendwo anders – werden zum ersten Mal die Kernsätze der Schöpfungsgeschichte ("Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde") in Zweifel gezogen. Hier – und nirgendwo anders – entdeckt die Menschheit die Überreste ihrer vorzeitlichen Vorfahren und versteht das sofort als einen Angriff auf die Autorität der Kirche und der Bibel. Und darin hat das Neandertal unmittelbar mit dem Kölner Dom zu tun. Dort die imposanteste Gottesbehauptung, die baulich möglich war, hier im Neandertal der Fund, der den Zweifel an der Wahrheit der Schöpfungsgeschichte zu belegen schien und der es vielen Menschen leichtmachte, ihre Gotteszweifel zu äußern.

Dieser Kampf "Biblische Schöpfungsgeschichte gegen Neanderthal" ist keineswegs erledigte Historie. Er ist bedrängende Gegenwart, vor allem in den Vereinigten Staaten. Der Autor dieser Zeilen hat selbst erlebt, auf wie viel Aggression man in den USA stoßen kann mit einem unschuldigen Vortrag über das neue Neanderthalmuseum. Es sind nicht nur die sogenannten fundamentalen Christen, sondern – wenn man den Erhebungen glauben darf – weite Kreise der Bevölkerung, die die Theorie einer langsamen Evolution der Gattungen ablehnen, ja geradezu als Verletzung ihrer Würde empfinden. So erstaunt es nicht, dass in vielen amerikanischen Bundesstaaten die Evolutionstheorie in den Schulen als dekadente europäische Erfindung abgetan wird. Auch in Europa hat der Zweifel an der Evolution Boden gewonnen. Es ist nicht übertrieben, von den Ansätzen eines weltweiten neuen Kulturkampfes zu sprechen. Der Name Neanderthal ist, ohne dass der idyllische Ort sich je danach gedrängt hat, zu einem Kampfbegriff über unsere Herkunft geworden.

Man könnte mit einem gewissen Recht sagen, dass das Neandertal so wenig wie der Kölner Dom eine Urkunde benötigt, welche bestätigt, dass es zum kulturellen Welterbe gehört. Aber das wäre wohl allzu flapsig. Denn die offizielle Urkunde hat erhebliche Auswirkungen sowohl auf den Tourismus als auf mögliche Förderungen durch die Bundesregierung. Allein im letzten Jahr standen für die ausgewählten Orte rund 180 Millionen Euro zu Verfügung. Deshalb steht also auch das weltberühmte Tal bei Düsseldorf in aller Bescheidenheit für eine Urkunde an und hofft auf die Einsicht mehrerer hoher Gremien.

(RP)
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