Düsseldorf: Was Kitas zu schaffen macht

Düsseldorf: Was Kitas zu schaffen macht

Wachsende Kinderarmut, Integration der Flüchtlinge und fehlende Wertschätzung - beim Kitaleitungskongress gibt es genug Themen.

Der kleine Ort Hövelhof wirkt wie die pure Idylle. Umgeben von Wäldern, unweit der Quelle der Ems hat sich das 16.000-Einwohner-Städtchen im Tecklenburger Land seinen dörflichen Charakter bewahrt. Wer hier groß wird, so scheint es, hat gute Chancen, eine glückliche Kindheit zu erleben. Sieben Kitas gibt es hier, eine davon ist in der Schatenstraße.

Deren Leiterin Barbara Nolte aber zeichnet ein anderes Bild von der Realität: "Das Thema Kinderarmut nimmt zu." Immer öfter müssten die Erzieherinnen die Kinder mit Frühstück versorgen. "Es gibt die überversorgten Kinder, deren Eltern ganz, ganz besorgt sind und die ihren Kindern so viel mitgeben, dass diese es gar nicht aufessen können", sagt Nolte auf dem Deutschen Kitaleitungskongress in Düsseldorf. Zugleich gebe es immer mehr Kinder, die nie etwas dabei haben oder nur Ungenießbares. Dass die Kinderarmut zunehme, zeige sich auch an der wachsenden Zahl der Kita-Flohmärkte, wo Eltern günstig Kleidung kaufen könnten.

Noltes Erfahrung deckt sich mit den jüngsten Ergebnissen der repräsentativen Kitaleiter-Befragung für die Pädagogengewerkschaft Verband Bildung und Erziehung (VBE). 53 Prozent der bundesweit fast 2400 befragten Erzieher gaben an, dass die Zahl armer Kinder und Familien steige. "Kinder und Familien, die von Armut bedroht sind, sind keine Ausnahmen mehr, sondern eher die Regel", heißt es in der Analyse. Das Ergebnis deute darauf hin, dass die verdeckte Armut verbreiteter ist, als gängige Studien vermuten ließen.

Auf die wachsende Armut sind die Kitas demzufolge jedoch bisher nicht gut vorbereitet: 28 Prozent der Befragten erklärten, über Hilfsmöglichkeiten für solche Familien nicht gut informiert zu sein. Nur die Hälfte der Einrichtungen habe spezielle Angebote, sagte Ralf Haderlein, Sozialwissenschaftler an der Hochschule Koblenz, gestern bei der Vorstellung der Studie.

Besonders häufig von Armut betroffen seien Familien mit Migrationshintergrund, ergänzte der VBE-Landesvorsitzende in Nordrhein-Westfalen, Stefan Behlau, "Kitas wären ein großartiger Integrationsmotor." Dort seien frühe Integration und Sprachförderung sehr gut möglich. Das ist auch das Ziel der rund 25 Teilnehmer des Coachings zum Thema "Integration von Flüchtlingsfamilien" auf dem Kongress in der Düsseldorfer Messe. Im Alltag aber sind die Erzieher oft mit ganz banalen Schwierigkeiten konfrontiert: Wie mache ich einem albanischen Vater, der kein Wort deutsch spricht, verständlich, wann der nächste Elternabend stattfindet? Was kann ich tun, wenn Eltern einen Dolmetscher ablehnen, weil sie bei einem persönlichen Gespräch keine Unbeteiligten dabei haben wollen? Wie kann ich ein traumatisiertes Kind auffangen? Volker Abdel Fattah, Referent bei der Arbeiterwohlfahrt, hat fast auf jede Frage eine Antwort. Er nennt Hilfsorganisationen, die den Kita-Leiterinnen zur Seite stehen, macht ihnen Mut: "Wenn Sie Kindern mit Flüchtlingsgeschichte Sicherheit bieten können mit nachvollziehbaren Strukturen, also ein kuscheliges Nest, dann ist das schon sehr, sehr viel wert."

In der evangelischen Kita der Düsseldorfer Diakonie in der Gerresheimer Vereinsstraße gibt es spezielle Angebote für traumatisierte Kinder. Fachleute, die sich kümmern, Fortbildungen für Mitarbeiter. Damit ist die Kita allerdings eher die Ausnahme, allein wegen Personalmangels: Bis 2025 droht laut VBE in NRW eine Fachkräftelücke von rund 70.000 Beschäftigten. Dabei zählt NRW beim Betreuungsschlüssel schon jetzt im Bundesvergleich zu den Schlusslichtern.

International liegt Skandinavien vorn: Während dort bei den Über-Dreijährigen eine Betreuerin für maximal sieben Kinder zuständig ist, sind es in Deutschland zehn bis zwölf. Zudem werden in Nordeuropa Erzieherinnen genauso bezahlt wie Grundschullehrer; in Deutschland hingegen verdienen sie 800 bis 1000 Euro im Monat weniger. Um die deutschen Kita-Verhältnisse an europäische Standards anzugleichen, bräuchte es laut Haderlein sage und schreibe acht bis zehn Milliarden Euro jährlich. Der Sozialwissenschaftler beklagt die nach wie vor mangelnde Wertschätzung für den Beruf in Deutschland - trotz der hohen Verantwortung.

Das sehen auch die Kita-Leiter so: 76 Prozent der Befragten haben den Eindruck, die Öffentlichkeit habe immer noch das Bild der "Basteltante" vor Augen. Von der Politik fühlen sie sich alleingelassen.

(RP)