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Walter Kohls Weg zu sich selbst

Walter Kohls Weg zu sich selbst

Nein, es ist keine Abrechnung mit dem Übervater, dem Altbundeskanzler, dem Patron der deutschen Einheit. Mit all dem hat das Buch von Walter Kohl nichts zu tun. Der älteste Sohn von Helmut Kohl, Jahrgang 1963, schreibt in "Leben oder gelebt werden" von Versöhnung, vor allem aber über den langen Weg zu sich selbst. Im Breidenbacher Hof zeigte sich der Mann, der heute als selbstständiger Unternehmer in der Automobil-Zulieferindustrie arbeitet, als eloquenter Philosoph, der souverän zwischen Lesung und Diskussion pendelnd tiefe Einblicke in seine Seele gewährte, ohne dabei die eigene Intimsphäre zu verletzen.

"Papa, ist das Leben schön?"

"Manchmal gibt es Situationen, in denen eine Mauer unüberwindlich scheint", lautete der Eröffnungssatz des Mannes, der von Beginn an klar stellte, dass er endlich nicht mehr nur der "ewige Sohn vom Kohl" ist: "Bis ich sozusagen Walter 2.0 gefunden hatte, waren sechs, sieben Jahre vergangen." Kohl berichtete aus einer viel zu behüteten Kindheit im permanenten Ausnahmezustand zwischen Polizeischutz und Paparazzi, zwischen dem Terrorismus der RAF und der Unmöglichkeit von Freundschaften mit Gleichaltrigen angesichts der dauerhaften Abschirmung. In seiner Lesung sparte er auch den Freitod seiner Mutter Hannelore im Juli 2001 nicht aus und schilderte die anschließende zerreißende Suche nach sich selbst: "Alles begann, als mich mein fünfjähriger Sohn fragte: Papa, ist das Leben schön? Der Kleine hatte die Probleme der Erwachsenen noch nicht zu seinen eigenen gemacht." Die Frage zog ihm den Boden unter den Füßen weg. "Ich gab eine unüberlegte, oberflächliche Antwort und wusste: Mein kleiner Junge hatte mich geprüft, und ich war durchgefallen."

Kohl wollte immer sein eigenes Leben führen und konnte es nicht. "Ich war nicht auf dem Fahrersitz meines Lebens", bekannte der gläubige Christ, "ich fand mich im Opferland wieder und musste sehen, wie ich rauskam. Opferland ist kein Land, in das du ziehst, du findest es auf keiner Karte. Opferland kommt zu dir."

Voraussetzung für das Buch sei das Primat der konstruktiven Versöhnung gewesen, sagte Kohl, "ich brauchte Zeit und Raum und innere Ruhe. Ich habe einen langen Prozess hinter mir, ein wenig wie das Schälen einer Zwiebel." Tatsächlich ist Walter Kohl heute mehr als der Sohn von Helmut Kohl und seiner verstorbenen Frau Hannelore. Wer ihm zuhörte, gewann rasch den Eindruck, dass Helmut Kohl vielmehr zufällig der Vater eines Mannes ist, der endlich zu sich selbst gefunden hat.

(RP)