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Berlin: Um 4.51 Uhr gab es nur noch Sieger

Berlin : Um 4.51 Uhr gab es nur noch Sieger

Sie ringen 17 Stunden lang und schrammen mehrfach an einem Scheitern vorbei, dann verabreden CDU, CSU und SPD die große Koalition. Den Vertrag präsentieren die Parteichefs mit Humor – nun schielen sie auf die Basis.

Sie ringen 17 Stunden lang und schrammen mehrfach an einem Scheitern vorbei, dann verabreden CDU, CSU und SPD die große Koalition. Den Vertrag präsentieren die Parteichefs mit Humor — nun schielen sie auf die Basis.

17 Stunden dauern die Schlussverhandlungen über die große Koalition an, als Unionsgeschäftsführer Michael Grosse-Brömer beim Kurznachrichtendienst Twitter meldet: "Knoten durch! Einigung erreicht." Da ist es 4.51 Uhr — zuvor hatten die Beteiligten noch befürchtet, dass der bewusste Knoten die Beine der Beratenden derart fesselt, dass sie ins Stolpern hätten geraten können. Doch das Scheitern ist abgewendet.

Mittags hatten sich die Chefverhandler mit einem klaren Plan in der SPD-Parteizentrale zusammengesetzt: bis 19.30 Uhr Vorschläge erarbeiten und dann mit der auf 77 Köpfe angewachsenen großen Runde alles glatt ziehen. Doch es kommt alles gründlich anders. Schon vor 19.30 Uhr ist klar, dass der viel bemühte "Vorrat an Gemeinsamkeiten" sich allenfalls auf Kleinigkeiten und die gemeinsame Neigung zum Scherzen und Frotzeln bezieht. Die große Runde findet Beschäftigung mit Buletten im fünften und Champions-League-Fernsehen im sechsten Stockwerk.

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Dabei kommen sich selbst geübte Scharfmacher näher, wie Ex-CDU-Generalsekretär Peter Hintze und Schleswig-Holsteins SPD-Chef Ralf Stegner überrascht feststellen. Sie empfinden die Verbesserung des persönlichen Koalitionsklimas als "bedeutsam". Zu dem Zeitpunkt ahnen sie noch nicht, dass sie weitere sieben Stunden Smalltalk pflegen müssen, bevor sie endlich die Kompromisse absegnen dürfen.

In der kleinen Runde werden unter anderem die Finanzen zum Mega-Problem, bis die Union die 15-Milliarden-Grenze von Mehrausgaben um acht Milliarden lockert und die SPD einwilligt, das ohne jede Art von (auch versteckten) Steuererhöhungen stemmen zu wollen. Weit über eine Stunde stecken die Unterhändler beim Thema Doppelpass fest. "Richtig schwer" sei das, lautet eine SMS um 0.30 Uhr. Weitere 90 Minuten später berichtet ein SPD-Mann: "Alles sehr zäh hier, ich brauche mehr Wein!"

Die Posten-Bescherung, auf die alle Teilnehmer mit persönlichen Karriere-Erwartungen am meisten hoffen, wird ihnen um 2.15 Uhr vom Tisch gezogen. "Nix is fix", meldet ein Christsozialer. Und so soll es nun noch 14 Tage bleiben, bis der SPD-Mitgliederentscheid durch ist.

Die große Beratungsrunde wird am frühen Morgen zu einer Abnickveranstaltung. Die meisten kennen jetzt nur noch einen Koalitionswunsch: ein wenig Schlaf. Um sechs Uhr sei er im Bett gewesen, berichtet CSU-Chef Horst Seehofer. "Allein", ergänzt SPD-Chef Sigmar Gabriel. So weit geht das großkoalitionäre Kuscheln dann doch nicht.

Es ist 11.45 Uhr, als die beiden zusammen und mit CDU-Chefin Angela Merkel zumindest formal die Frage klären, wessen "Handschrift" der Koalitionsvertrag denn nun wohl trage: Alle drei unterschreiben, aber nur "vorläufig". Erst muss noch die Basis zustimmen. Die CSU erledigt das schon morgen mit Vorstand und Landesgruppe. Er habe die Delegierten "mehrfach" gefragt, ob es dazu noch eines neuen Parteitages bedürfe. Das Ergebnis laute, dass das nicht nötig sei, berichtet Seehofer. "Bei uns würde das nicht passieren", sagt Gabriel, und Seehofer gibt ihm den Rat, auf diesen "Zustand hinzuarbeiten".

Da sind sie schon mitten in der offiziellen Vorstellung des Vertrages vor der Hauptstadtpresse. Es wird zu einer großen Koalition der kleinen Lacher. So als Seehofer meint, er kenne eine Person, die den gesamten 185-seitigen Koalitionsvertrag bereits gelesen habe, aber die sei nicht im Saal — und Merkel neben ihm trocken bemerkt: "Doch, ist sie."

Knapp zehn Minuten redet Merkel, markiert als Zweck der großen Koalition, "Großes für Deutschland zu erreichen", und feiert nun die "Willkommenskultur" für Kinder ausländischer Eltern und den Wegfall aller Hürden vor einer Doppelstaatlichkeit, als wäre es immer schon das Anliegen der Union gewesen. Wenig später wird Gabriel an das Ringen in der Nacht erinnern und vom "langen Weg" sprechen, den CDU und CSU hier zurückgelegt hätten. Und er wagt die Prognose, dass es in Deutschland auf diesem Weg weitergehen werde.

Eigentlich hätte er auch einfach nach den Worten der Kanzlerin sagen können "Ich stimme allem zu", meint Gabriel, als er an der Reihe ist. Doch dann braucht er fast 20 Minuten, weil er einen Koalitionsvertrag "für die kleinen und fleißigen Leute" erklären will. Immer wieder scheint er weniger zu den Journalisten als vielmehr zu den Mitgliedern der SPD zu reden, die nun zu bestimmen haben, ob dieses Bündnis überhaupt regieren darf. Seine Formel: Es wäre "Wahnsinn" gewesen, auf diesen Mitgliederentscheid zu verzichten.

Angela Merkel vermittelt den Eindruck, dass das neuerliche Warten auf den Neustart kein Problem für sie sei: "Ich sitze ruhig und mache meine Arbeit." Aber sie stachelt zugleich die Neugierde an. Natürlich hätten die Parteichefs Neuzuschnitt und Personalien besprochen, diese würden nur noch nicht bekanntgegeben. Damit gibt sie zumindest den Startschuss für neue Spekulationen.

"Sehr, sehr zufrieden" ist Seehofer. Auch wenn er seine müden Augen reibt, freut er sich doch jedes Mal, dass die Maut nun vereinbart sei. Er habe am frühen Morgen ein "schönes Gefühl" gehabt, weil das CSU-Wahlprogramm "Bayernplan" gewissermaßen der Vorgänger des Koalitionsvertrages gewesen sei.

Während die Partner Seehofer und Guido Westerwelle (FDP) vor vier Jahren in der entscheidenden Schlusssitzung zum Du übergingen, kamen Gabriel und Seehofer dieses Mal nicht so weit. Aber dieser Zustand könne sich ändern, "wenn Gabriel den Mitgliederentscheid gewonnen hat", stellt Seehofer in Aussicht.

Noch ist also nichts entschieden. Vorsichtshalber hat sich Merkel zur Präsentation des schwarz-roten Vertrages für ein grünes Jackett entschieden. Weniger ein Hinweis auf koalitionäre Alternative als auf die "Farbe der Hoffnung".

(brö, mar, may-, qua)