Grevenbroich: TV-Polizist zieht Hilflosen von Gleisen

Grevenbroich: TV-Polizist zieht Hilflosen von Gleisen

Am Bahnhof Kapellen in Grevenbroich haben zwei Männer einen Radfahrer gerettet, der auf die Gleise gestürzt war. Einer der beiden Helfer ist der Schauspieler Erwin Lennartz, bekannt aus dem "Tatort".

Samstagabend, 20.40 Uhr, es ist stockdunkel am Bahnhof Kapellen in Grevenbroich. Erwin Lennartz (40) freut sich auf einen Abend in der Disco und wartet auf die Regiobahn RB 38. Einzig Christian Wiesner, Handwerker aus Kapellen, wartet ebenfalls am sonst menschenleeren Gleis 1. Plötzlich werden die beiden Männer auf einen Radfahrer aufmerksam: Dieser nimmt den leicht ansteigenden Weg zum Gleis, schwankt, strauchelt – und stürzt kopfüber in das Gleisbett, sein Fahrrad hinterher. "Wir haben unseren Augen nicht getraut, das war alles eine Sache von nur wenigen Sekunden", sagt Lennartz.

In den folgenden Minuten erwies sich der Grevenbroicher Lennartz, einst "Tatort"-Schauspielkollege von Axel Prahl und Jan Josef Liefers, auch im echten Leben als Freund, Helfer – und Lebensretter. Durch seine schnelle Reaktion konnte der 55-jährige Mann in Sicherheit gebracht werden, ehe der nächste Zug anrollte. "Ich hätte nie gedacht, dass mir so etwas mal passiert", sagt der SPD-Politiker und Schauspieler Lennartz, der 2011 im 831. "Tatort" ("Hinkebein") einen namenlosen Polizisten gespielt hatte.

Am Samstagabend schauen er und Wiesner einander an und denken dasselbe: "Wir müssen den Mann vor der nächsten Regiobahn retten." Sofort rennen beide zu dem Verunglückten. "Als wir ankamen, rührte sich der offenbar betrunkene Mann nicht. Er lag bewegungslos im Gleis, am Kopf hatte er eine Platzwunde, er blutete", sagt Erwin Lennartz.

Per Handy alarmieren die Männer den Notruf. Sie sind sich unsicher, was zu tun ist, wollen natürlich helfen, aber den Bewusstlosen auch nicht noch mehr verletzen: "Mit einer Schädelverletzung hätten wir ihn zwar normalerweise nicht bewegen dürfen – aber die Anweisung des Notrufs war klar: ,Sofort runter von den Gleisen'", berichtet Lennartz. Rasch wuchten er und Christian Wiesner den immer noch Bewusstlosen auf den Bahnsteig; auch sein Rad holen sie von den Schienen, damit der einfahrende Zug nicht damit kollidiert.

Nach sieben langen Minuten können die couragierten Helfer aufatmen: Rettungswagen und Polizei treffen am Bahnhof ein. Ein Streifenwagen sperrt den Bahnübergang ab, die Sanitäter kümmern sich um den inzwischen wieder zu sich gekommenen Verletzten, seine Kopfwunden näht ein Notarzt mit einigen Stichen. Statt nach Hause geht es für den 55-Jährige erst mal in ein Krankenhaus. Erst danach realisieren auch die beiden Kapellener Lebensretter langsam, was passiert ist. Wären sie nicht vor Ort gewesen, hätte niemand den unglücklichen Sturz bemerkt und dem Bewusstlosen helfen können, ehe der nächste Zug angerollt wäre.

  • Große Sperrung in Mönchengladbach : Weltkriegsbombe ohne Probleme entschärft

Ein Mitarbeiter der Feuerwehr bestätigt den Beinahe-Unfall am Bahngleis: "Durch ihren Anruf haben die beiden Männer Schlimmeres verhindert." Ihr Notruf habe dafür gesorgt, dass die Helfer von Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst alarmiert wurden. Noch wichtiger: Dadurch konnte auch das Gleis gesperrt werden, so dass kein Zug mehr in den Bahnhof Kapellen fahren konnte. "Sobald wir erfahren, dass sich eine Person auf den Gleisen befindet, wird das Gleis automatisch für den Zugverkehr gesperrt", erläutert ein Mitarbeiter der Rettungswache.

Für Polizei und Feuerwehr war der Einsatz am Kapellener Bahnhaltepunkt ein kurzer, denn der Vorfall wurde als "medizinischer Notfall" eingestuft. Die Feuerwehr kehrte sogar noch auf dem Weg zum Bahnhof wieder um. Die Polizei habe keinen Hinweis auf Fremdverschulden oder eine Straftat, sagte gestern ihr Sprecher Hans-Willi Arnold.

Und Erwin Lennartz? Er hat an diesem Abend keinen Zug mehr nach Mönchengladbach genommen. "Nach Feiern war mir nicht mehr zumute. Nach so einem Erlebnis muss man erst mal wieder runterkommen", meint der 40-Jährige. Er hofft jetzt, dass es dem Geretteten wieder besser geht.

Helfen würden würde genau wie Christian Wiesner auch Erwin Lennartz immer wieder – nicht nur im Fernsehen als Polizist im "Tatort" aus Münster, sondern auch an einem Samstagabend am fast menschenleeren Bahnhof in Kapellen.

(RP)
Mehr von RP ONLINE