Neuss: Streit um Strom-Autobahnen

Neuss: Streit um Strom-Autobahnen

Um mehr Ökostrom aus dem Norden zu transportieren zu können, planen Netzbetreiber neue Leitungstrassen mit gigantischen Masten. Diese sind mit 70 Metern doppelt so hoch wie die bisherigen. Bürger und Verbände wehren sich. Eine Alternative gebe es nicht, sagt die Bundesnetzagentur.

Nur 30 Meter vor Willi Trauts Wohnung in Neuss-Reuschenberg steht ein 32,50 Meter hoher Strommast. Die Stromleitung war vor ihm da. Deshalb hat es der 71-Jährige damals hingenommen. Bald allerdings sollen doppelt so hohe Riesenmasten direkt vor dem Wohngebiet aufgestellt werden. Um mehr Strom in die Region zu transportieren, plant die RWE-Tochterfirma Amprion eine Strom-Autobahn, die quer durch NRW verlaufen soll. Dabei sollen die alten Leitungen mit 220 Kilovolt durch Höchstspannungsfreileitungen mit 380 Kilovolt ersetzen werden – und die sind bis zu 70 Meter hoch. Dagegen wehrt sich Traut. "Der Elektrosmog macht krank, das können wir unseren Enkeln nicht antun", sagt er.

Ab 2014 sollen in NRW rund 250 Kilometer an Höchstspannungsleitungen über gigantische Stromtrassen neu verlegt werden. Mit den neuen Riesenmasten wollen die deutschen Netzbetreiber künftig mehr Ökostrom von der Küste in den Süden leiten. Nach dem Atomausstieg hatte die Bundesregierung im Netzausbaubeschleunigungsgesetz den Bau von Strom-Autobahnen gefordert. "Durch die Energiewende fallen im Süden die Kraftwerke aus, das heißt, wir brauchen den Strom von den Offshore-Parks der Küste", sagt Amprion-Sprecher Andreas Preuß.

Die wichtigste Strecke der erneuerten Stromtrassen durch große Teile von NRW soll von Meppen über Wesel nach Koblenz führen. Dafür investiert Amprion 230 Millionen Euro. Die zweite große Strecke verläuft von Dortmund nach Frankfurt. In Wesel und Moers hat das Projekt bereits begonnen. Dort stehen wichtige Umspannanlagen, die zurzeit ausgebaut werden, um auf die künftig deutlich höheren Stromkapazitäten vorbereitet zu sein. Alleine diese Maßnahme kostet 65 Millionen Euro.

Die Bürgerinitiative "Pro Erdkabel Neuss", in der sich auch Traut engagiert, ist gegen die Strom-Autobahnen. Sie monieren, dass die Freileitungen in Neuss bereits jetzt Umweltverträglichkeitswerte erreichen, die in Deutschland zwar erlaubt sind, in den Niederlanden, wo viel geringere Grenzwerte gelten, aber durchfallen würden. "Oberirdische Verlegungen sind schädliche Steinzeittechniken", so der Aufruf der Initiative.

Stefan Wenzel, Vertreter vom Naturschutzbund NRW (NABU) warnt davor, die gigantischen Strommasten auch in Naturschutzgebieten aufzubauen. "Wir wissen, dass das Netz ausgebaut werden muss, aber sensible Bereiche sollten umgangen werden", so Wenzel. Am liebsten wäre dem NABU, wenn der Strom zumindest in diesen Gebieten unter der Erde verläuft. "Das wäre für die Vögel am besten, aber Erdkabel sind sehr teuer", sagt er.

Die Erdverkabelung ist eines der Modelle, über die zurzeit im Rahmen der Energieszenarien der Bundesnetzagentur nachgedacht wird. So testet Amprion in Raesfeld auf einer drei Kilometer langen Pilotstrecke Erdverkabelungen, die Strommasten zumindest streckenweise ersetzen könnten. Doch die Methode stecke laut Unternehmenssprecher Preuß noch in den Kinderschuhen. "Erdkabel sind bis zu sieben Mal teurer als Freileitungen", sagt er. 30 Meter breite Schneisen müssten unter der Erde freigeräumt werden. Zudem wüsste niemand, wie störungsanfällig diese Leitungen sind und ob die Fläche über den Erdkabeln landwirtschaftlich genutzt werden könnte.

Sicher ist laut Angaben der Bundesnetzagentur, dass auch künftig überirdische Freileitungen den Großteil des Stroms in NRW transportieren werden. "Eine Alternative gibt es nicht", sagt Sprecherin Renate Hichert. Eine wichtige Rolle könnten dabei überirdische Gleichstromtrassen spielen. Die unterscheiden sich von den zurzeit genutzten Wechselstromtrassen dadurch, dass sie beim Transport weniger Strom verlieren. Für den Netzentwicklungsplan 2012 möchte Amprion Pläne für solche Trassen vorlegen. Doch diese seien kein Ersatz, sondern eine Ergänzung zu Wechselstromtrassen, stellt Preuß klar.

Laut Bundesnetzagentur könnte der Einsatz von Erdkabeln aber eine Möglichkeit sein, um sensible Bereiche zu schützen. Wenn Willi Trauts Wohngebiet dazugehören würde, wäre er der Letzte, der die Bauarbeiten stoppen würde. "Von mir aus könnten die sofort los buddeln", sagt Traut. Er würde sogar selbst Hand anlegen.

(RP)
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