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Essen: Straßen erhalten Generals-Namen zurück

Essen : Straßen erhalten Generals-Namen zurück

Essen muss zu einer Nazi-Namensgebung zurückkehren, weil Bürger sich von der Politik übergangen fühlten.

Mit einer Mehrheit von 79,7 Prozent der abgegebenen Stimmen haben Essener Bürger gestern die Rückbenennung zweier Straßen im Stadtteil Rüttenscheid erzwungen – zu einer Namensgebung der Nazis aus dem Jahr 1937. Die Frage "Sind Sie dafür, dass die Von-Seeckt-Straße und die Von-Einem-Straße ihre Namen weiterhin behalten sollen?" beantworteten mehr als 10 000 Essener mit "Ja".

Wahlberechtigt in Essen waren gestern rund 45 500 Einwohner der Stadtteile Bergerhausen, Rellinghausen, Rüttenscheid und Stadtwald. Das nötige Quorum zum Erreichen einer Entscheidung lag genau bei 6829 Stimmen. Die zuständige Essener Bezirksvertretung II, in der es eine hauchdünne rot-rot-grüne Mehrheit gibt, hatte im Mai 2012 beschlossen, die Nazi-Namensgebung nach den preußischen Generälen Hans von Seeckt (1866–1936) und Karl von Einem (1853–1934) rückgängig zu machen und den Straßen ihre ursprünglichen Namen Irmgardstraße und Ortrudstraße zurückzugeben.

Doch damit brachten die Lokalpolitiker die Mehrheit der rund 1400 Anwohner der beiden Straßen gegen sich auf, die über die Entscheidung über die Rückbenennung ihrer Straßen im Vorfeld nicht einmal informiert worden waren und sich aus Ärger über die Politik zu der Initiative "ProVon" zusammenschlossen. Die Initiative stellte klar, dass sie "keine Sympathien für jene Namensgeber unserer Straßen" hege, denn: "Sie waren gewiss keine Demokraten, sondern Repräsentanten einer dunklen Periode der deutschen Geschichte." Das ist eher untertrieben. Hans von Seeckt, zuletzt Generaloberst, war von 1920 bis 1926 Chef der Heeresleitung und Planer der heimlichen Aufrüstung. Er befürwortete ein "Verschwinden Polens von der Landkarte" und sagte über sein erstes Zusammentreffen mit Hitler 1923: "Im Ziel waren wir uns einig; nur in den Wegen dorthin unterschieden wir uns." Karl von Einem war als preußischer Kriegsminister während der Jahre 1904 bis 1908 mitverantwortlich für den Völkermord deutscher Kolonialtruppen an den Herero und Nama im heutigen Namibia, später forderte er die "Vernichtung" von Homosexuellen in der Reichswehr und begrüßte die Machtübernahme der Nazis.

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Die "ProVon"-Aktivisten argumentierten nicht nur mit den Kosten einer Umbenennung und der Gewöhnung an die Straßennamen über viele Jahrzehnte. Sie führten für den Namenserhalt auch ins Feld, dass die Konfrontation mit den problematischen Namensgebern "wesentlich zur Sensibilisierung gegenüber Demokratie gefährdende Entwicklungen" beitrage.

Gegen die Befürworter der Generals-Namen formierte sich das Netzwerk "Irmgard und Ortrud", das ähnlich wie bereits Rot-Rot-Grün in der Bezirksvertretung argumentiert hatte: "Geistig-politische Wegbereiter der Nationalsozialisten können keine Vorbilder für unser jetziges freiheitlich-demokratisches System auf der Grundlage des Grundgesetzes sein. Gerade in Zeiten, in denen angesichts der NSU-Morde in Deutschland wieder Menschen durch Rechtsextremisten zu Tode kommen können, darf es auch bei uns in Essen keinen Platz für die Erinnerung oder gar Verehrung von Antidemokraten, Gesinnungsgenossen und Unterstützern des Nationalsozialismus geben."

Unterstützung holte sich das Netzwerk in Münster bei der "Schlossplatz-Initiative", die dort im vergangenen Jahr erfolgreich die Rückkehr zu Paul von Hindenburg (1847–1934) als Namensgeber verhindert hatte: Der Reichspräsident war einer der Totengräber der Weimarer Republik und ermöglichte Hitler die Machtergreifung. Dennoch erreichte das Münsteraner Bündnis lediglich eine Mehrheit von 59 Prozent; etliche vermeintliche Hindenburg-Anhänger fühlten sich eher vom politischen Eifer der Schlossplatz-Befürworter bedrängt.

Als sich abzeichnete, dass in Essen der Ärger der Bürger ihr Interesse an politisch korrekten Straßennamen überwiegen könnte, schalten SPD, Grüne und Linke auf stur, riskierten den Bürgerentscheid und wurden von den Bürgern für die Kosten verantwortlich gemacht. Geschickt fragten die "ProVon"-Aktivisten: "Haben die derzeit für die Politik Verantwortlichen mit ihrer mehr als angespannten Haushaltslage und den sozialen Nöten vieler Bürger wirklich keine anderen Sorgen?"

(RP)