Stéphane Hessel im Heine-Haus

Stéphane Hessel im Heine-Haus

Beschwingt und mit geradezu jugendlichem Charme betritt Stéphane Hessel das Heine-Haus. Der 94-Jährige ist in Begleitung Manfred Flügges gekommen, und der hat die Biografie seines Freundes geschrieben. Das Buch gibt dem Abend seinen Titel: "Stéphane Hessel. Ein glücklicher Rebell", heißt es, und über Glück und Rebellion sprechen die beiden an der Bolkerstraße.

Zur Einführung in das Thema gibt es eine kurze Lesung aus dem Band. "Kritiker werfen mir vor ich bewundere ihn zu sehr, aber ich habe auch versucht, Schatten zu finden", erklärt Flügge danach. Neben ihm macht Hessel große Augen und bestätigt mit einem lang gezogenen "Jaaaa" – denn bewundert zu werden, das habe er gar nicht gern. Das Publikum lacht.

Die Passage behandelt Hessels Buch "Indignez-vous!", zu Deutsch "Empört euch!". Darin beschreibt Hessel, wie verunsichert die Bürger heute sind, weil sie sich nicht auf die Politik verlassen können. Dies ist für den Holocaust-Überlebenden und ehemaligen Diplomaten jedoch kein Grund zur Resignation. Mit dem Hesselschen Imperativ, wie Flügge "Empört euch!" nennt, möchte er die jungen Generationen beruhigen: "Habt Mut, denn die aktuellen Gefahren sind nicht unüberwindbar. Wir sind acht Milliarden Menschen auf der Erde. Das macht acht Milliarden Gehirne, die acht Milliarden gute Ideen hervorbringen können."

Überhaupt strahlt Hessel Zuversicht aus, und Flügge lässt ihn strahlen. Er übernimmt die Rolle des Interviewers, nun kommt Hessel selbst zu Wort. Sie sprechen über seine Zeit in der UNO und über ein Thema, das Hessel sehr am Herzen liegt: der Konflikt zwischen Israel und Palästina.

Er sei ein Befürworter der Ursprungslösung von 1967, erklärt er, denn jedes Volk habe ein Recht auf einen Staat. Die Kolonisierung des palästinensischen Gebietes kann der für Gewaltfreiheit plädierende Zeitzeuge nicht gut heißen, und so macht er ein mutiges Versprechen: "Ich habe den Tod ganz lieb", sagt Stéphane Hessel, "aber ich möchte nicht sterben, bevor dieser Konflikt beigelegt ist."

In Kürze wird von Héssel ein Buch erschienen, in dem Gespräche zwischen ihm, dem unparteiischen Aktivisten, und dem Dalai Lama zu lesen sind. Auf die Frage, was für ihn im Leben das wichtigste sei, antwortet er aber weder Politik noch Engagement, sondern: "Dichtung".

Und er gibt seinem Publikum Hölderlins "Am Morgen" und Apollinaires "Sur le Pont Mirabeau" frei rezitiert mit auf den Heimweg.

(RP)
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