Duisburg: Steinfraß bedroht Hunderte Häuser

Duisburg: Steinfraß bedroht Hunderte Häuser

In Nordrhein-Westfalen sind zwischen 1987 und 1996 mindestens 382 Häuser mit schadhaften Kalksandsteinen des Duisburger Unternehmens Haniel gebaut worden. Sie müssen saniert werden. Möglicherweise sind sogar Tausende betroffen. Ein Hausbesitzer klagt gegen den Konzern.

Anfang der 1990er Jahre erfüllte sich Erwin K. den Traum von den eigenen vier Wänden: Gemeinsam mit seiner Frau baute er in Duisburg ein Haus für rund 250 000 Euro – es sollte auch als Altersvorsorge dienen. Doch 20 Jahre später ist das Haus so gut wie nichts mehr wert, gilt derzeit als unverkäuflich. Dafür ist nach seiner Auffassung schadhafter Kalksandstein der Haniel Baustoffwerke (heute Xella) verantwortlich, der Risse in den Steinen und Fugen seines Hauses verursacht hat. K. verklagt Xella deswegen unter anderem auf Schadenersatz und die Erstattung möglicher weiterer Schäden in der Zukunft. Gestern begann vor dem Duisburger Landgericht der Prozess um einen der womöglich größten Bauskandale der vergangenen Jahrzehnte.

In Nordrhein-Westfalen könnten zwischen 1987 und 1996 etwa 40 000 Häuser mit schadhaften Kalksandsteinen der Firma Haniel gebaut worden sein, sagt Rechtsanwalt Stefan Kortenkamp, der das Duisburger Ehepaar K. vor Gericht vertritt. "Nach unseren Erkenntnissen könnten 300 Millionen solcher Steine in der Zeit verbaut worden sein, was zig Tausende Häuser in NRW betreffen würde", sagt der Jurist.

Das Duisburger Unternehmen Xella, dem Rechtsnachfolger der Haniel Baustoffwerke, räumte bislang 382 Fälle zwischen der niederländischen Grenze und dem Bergischen Land ein – betroffen sind allein davon tausende Menschen. Besonders viele Doppelhaushälften und Reihenhäuser sind in Duisburg und Umgebung marode. Aber auch in Düsseldorf, Krefeld, Moers und Leverkusen wurde der schadhafte Kalksandstein beim Bau häufig verwendet. Neben Wohnhäusern sind auch öffentliche Einrichtungen betroffen: In Neukirchen-Vluyn wurde ein evangelisches Altenheim mit dem Gestein errichtet, in Kaldenkirchen ein Freizeitbad.

Durch den offenbar minderwertigen Wertstoff entstehen laut Kortenkamp an den betroffenen Gebäuden Risse und Verformungen, wenn das Gestein über einen längeren Zeitraum Feuchtigkeit ausgesetzt ist. Die Schäden werden oft erst Jahre später sichtbar und können sich auf 100 000 Euro und höher belaufen. Es gebe Fälle, bei denen schon ganze Mauern herausgerissen und gegen neue ersetzt werden mussten. "Und das Schlimmste ist: Die meisten Hausbesitzer wissen noch gar nicht, dass ihr Haus marode ist", sagt Kortenkamp. Deswegen seien bislang auch nur 382 Fälle vom Unternehmen offiziell bestätigt worden.

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Der Duisburger Konzern soll die Steine trotz bekannter Mängel und Risiken jahrelang vertrieben haben. Sie wurden in drei Baustoffwerken in Kalscheuren, Ratingen und Issum produziert. Der Konzern bestreitet nicht, bei der Herstellung der Steine andere Baustoffe als Kalkersatz verwendet zu haben. "Wir haben nichts zu verbergen und vertuschen nichts", sagt Xella-Sprecher Ernst Arelmann.

Nachdem bereits 1991 erste Risse an Häusern aufgetreten waren, warnten Experten seinerzeit schon vor den Risiken des brösligen Gesteins. Dennoch sollen die schadhaften Steine weiter an regionale Baufirmen ausgeliefert worden sein, die damit ganze Siedlungen hochzogen. Gefahr für die Bewohner hat nach Angaben des Unternehmens nie bestanden. "Es ist uns bislang kein Fall bekannt, bei dem das Tragwerk des Hauses durch Einsturz gefährdet ist", sagt Arelmann. Der Duisburger Konzern will für sämtliche Schäden aufkommen. "160 Häuser haben wir schon saniert", sagt Arelmann. Bislang liegt der wirtschaftliche Schaden für Haniel bei 28 Millionen Euro. "Das wird aber deutlich mehr werden, sollte erst die ganze Tragweite bekannt werden – dann könnten sich die Forderungen auf Milliarden Euro belaufen", sagt Anwalt Stefan Kortenkamp.

Für den Duisburger K. endete der erste Prozesstag gestern enttäuschend. Für mögliche künftige weitere Schäden an seinem Haus und den entstandenen Wertverlust aufzukommen, lehnte die Gegenseite ab. Der Prozess wird im nächsten Jahr fortgesetzt. "Es gibt aber schon weitere Klagen", sagt sein Anwalt.

(RP)
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