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Xanten: Theo Hoffacker feiert 70. Jahrestag seiner Priesterweihe

Priester Theo Hoffacker aus Xanten : „Eine Schicksalsstunde meines Lebens“

Vor 70 Jahren wurde Theo Hoffacker aus Xanten-Marienbaum zum Priester geweiht. In einem Sonderheft der Menzelener Dorfchronik schildert er seinen Lebensweg und wie er Pfarrer wurde.

Der emeritierte Pfarrer Theo Hoffacker (94) aus Xanten-Marienbaum feiert am Sonntag, 29. November, ein seltenes Jubiläum: Vor 70 Jahren wurde er zum Priester geweiht. Den Gottesdienst zum sogenannten Gnadenjubiläum zelebriert im Xantener Dom Erzbischof Heiner Koch aus Berlin gemeinsam mit Weihbischof Rolf Lohmann. Beginn ist um 14 Uhr, aufgrund der Corona-Pandemie gibt es nur eine begrenzte Zahl an Sitzplätzen.

Anlässlich dieses Jubiläums hat der Verein für Geschichte und Brauchtum aus Menzelen ein Sonderheft herausgegeben, in dem Theo Hoffacker seinen Lebensweg beschreibt. Der Jubilar hat eine enge Verbindung zu dem Ort, in dem er seine Kindheitsjahre verbrachte. Wir veröffentlichen einen Auszug. Darin berichtet Hoffacker, wie er am Ende des Zweiten Weltkriegs von einem amerikanischen Soldaten gefangengenommen wurde. Es sollte „das größte Ereignis“ seiner Soldatenzeit werden:

Es war kurz vor Ostern im April 1945. Unsere Einheit (3. Fallschirmjäger-Division) kam nach dem „planmäßigen Rückzug“ (so die Sprache der Nazis) aus der Ardennenoffensive (der deutsche Deckname lautete „Wacht am Rhein“). Es war ein Versuch der deutschen Streitkräfte, den westalliierten Armeen eine große Niederlage zuzufügen und den Hafen von Antwerpen zurückzuerobern. Ohne den Hafen hätten die Alliierten nicht die Nachschubmengen anlanden können, die sie für ihren weiteren Vormarsch brauchten. So kamen wir in den nächsten „Schlamassel“ im Hürtgenwald (Kreis Düren) mit den Stahlgewittern (Artilleriebeschuss) der Alliierten. Sie schnürten den Kessel immer enger ein, so dass wir keine Verstärkung durch neue Bodentruppen und auch keine Verpflegung mehr bekamen. Für die amerikanischen Soldaten wurde allein der Name „Hürtgenwald“ mit seiner ersten Silbe „Hürt“, was im Englischen wie „hurt“ (Schmerzen zufügen) klingt, zum Sinnbild für Verwundung und Tod.

Theo Hoffacker wurde am 17. Juli 2020 in Marienbaum zum Ehrendomkapitular ernannt. Foto: Bistum Münster/Christian Breuer

Bei Vlatten (der Ort liegt eingebettet in ein sanftes Tal der Voreifel am Stadtrand von Heimbach) hatten wir vor dem Rheinübergang sämtliche Geschütze und einen großen Teil unserer Mannschaft verloren. Ich selbst kam mit dem Leben davon, weil ich auf der „VB“ (vorgeschobener Beobachter) lag; so gingen die Artilleriesalven über mich hinweg. Wir wurden dann mit Granatwerfern ausgerüstet, die aber nur noch einmal zum Einsatz kamen. Für den zu erwartenden Nahkampf wurden wir zum Schluss mit Hand- und Eierhandgranaten ausgerüstet. Die amerikanische Infanterie hatte bald unsere Stellung entdeckt und eröffnete das Feuer.

Wir liefen ihnen in der abendlichen Dunkelheit mit dem Ruf entgegen: „We surrender!“ (wir ergeben uns). Gleich kam von der anderen Seite der Ruf: „Hands up!“ Was wir sofort befolgten. Mit erhobenen Händen wurde ich dann gefilzt. Alles wurde von einem amerikanischen Offizier aus meiner Tasche gezogen, bis er auf die Eierhandgranaten in meiner Springertasche stieß, die sonst nur für das Kappmesser der Fallschirmjäger benutzt wurde. Ich habe ihn gewarnt und dann selbst die Munition entschärft. Aber dann kam das größte Ereignis meiner Soldatenzeit: Der junge Offizier entdeckte in eben dieser Tasche unter den Eierhandgranaten den Rosenkranz. „Du Katholik!“ kam ganz erstaunt aus seinem Mund und er fügte sogleich hinzu: „Ich auch Katholik.“ Er durchsuchte dann meinen Waffenrock und fand darin eine kleine Ausgabe des Neuen Testamentes. Er sagte dann: „Du studierst die Bibel?“ Was machst Du?“ Ich habe auf Englisch dann geantwortet: „Ich studiere Theologie.“ Der Amerikaner sagte dann: „Ich auch Student (Economics – Wirtschaftswissenschaft).“ Dann gab er mir meinen Wehrsold wieder, den er zuvor „entsorgt“ hatte.

Anschließend führte er uns in eine kleine Küche eines leerstehenden Hauses und stellte seine Thompson Maschinenpistole (M.P.) unter das Fenster. Er sagte zu mir: „Du musst jetzt aufpassen, dass keiner deiner Kameraden wegläuft. Ich muss noch einmal zu meinem Panzer.“ Den Rosenkranz und die Bibel durfte ich behalten, und er schenkte mir und meinen Kameraden zwei Packungen Scho-ka-kola (koffeinhaltige Zartbitterschokolade), die im Zweiten Weltkrieg auch als „Fliegerschokolade“ bezeichnet wurde. Als er zurückkam, sagte er zu mir: „Die musst Du jetzt an deine Kameraden verteilen! Ihr habt ja schon tagelang nichts Vernünftiges zu essen bekommen.“ Wir tauschten unsere Heimatadressen aus. Er gab mir seine Visitenkarte und sagte: „See you later!“ (Auf Wiedersehen). In diesem Moment wurde eine Feindschaft zur Freundschaft. So sieht Völkerverständigung aus. Der junge Offizier war der Erste, der von meinem Theologiestudium erfahren hat. Bei meinem Abitur habe ich die Fakultät „Theologie“ bewusst nicht angegeben, denn 18 Prozent aller Priester und Theologiestudenten des Niederrheins sind meist an der vordersten Front umgekommen. Leider habe ich später auf meine Briefe nie eine Antwort von diesem großartigen Offizier bekommen. Wir sind uns nie mehr begegnet. Ich kam danach mit meinen Kameraden ins Kriegsgefangenenlager bei Remagen.