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Xanten: Tafel wird durch Corona noch wichtiger

Armut in Xanten : Tafel wird durch Corona noch wichtiger

Seit Ausbruch der Krise versorgen die Ehrenamtlichen deutlich mehr Xantener Haushalte mit Lebensmitteln. Sie vermuten sogar einen noch größeren Bedarf. Doch viele Bürger trauten sich nicht zur Tafel – aus Scham.

Die Folgen der Corona-Krise lassen sich jeden Monat in der Statistik der Arbeitsagentur ablesen, auch für Xanten, wo genauso wie anderswo viele Menschen ihren Job verloren haben oder in die Kurzarbeit wechseln mussten. Aber den Tabellen und Zahlen ist nicht anzusehen, welche Folgen das für die Betroffenen und ihre Familien hat. Das zeigt sich dafür an der Boxtelstraße. Die Mitarbeiter der Tafel erleben es Woche für Woche.

Sie versorgen mittlerweile 30 bis 40 Haushalte mehr als noch vor Beginn der Corona-Pandemie, berichten die Leiter Gudrun und Harald Rieberer. In den vergangenen Monaten hätten junge Menschen vor ihnen gesessen und geweint, weil sie ihre Arbeit verloren hätten, Hilfe bräuchten und sich schämten. Und wahrscheinlich seien es noch viel mehr, die in Not geraten seien. Aber viele trauten sich nicht zur Tafel – aus Scham. „Es dürfte eine hohe Dunkelziffer geben.“

Insgesamt unterstützt die Tafel rund 160 Haushalte in Xanten und Umgebung mit Lebensmitteln. Das dürften um die 450 Menschen sein, weil auch viele Familien mit Kindern darunter sind. Der Großteil wird mittlerweile beliefert: Wegen der Corona-Pandemie hat die Tafel einen Fahrdienst eingerichtet, weil viele ältere Menschen von ihr versorgt werden und diese zur Risikogruppe gehören. Sie sollen sich keinem Ansteckungsrisiko aussetzen müssen, nur um die Lebensmittel zu bekommen, die sie brauchen.

In einigen Fällen bringt die Tafel die Waren auch zu einem vereinbarten Treffpunkt anstatt nach Hause. Den Grund erklärt Gudrun Rieberer an einem Beispiel: Eine Frau habe darum gebeten, dass sie die Sachen auf einem Parkplatz entgegennehmen dürfe, damit der Wagen der Tafel nicht vor dem Mehrfamilienhaus parke, in dem sie wohne – sie befürchte, dass in der Nachbarschaft sonst getuschelt werde. Rieberer hört so etwas häufiger von den Menschen, die von ihnen unterstützt werden. Sie spricht von Mobbing gegen diejenigen, die sowieso schon an den Rand der Gesellschaft gedrängt worden seien.

Sie und ihr Mann beklagen auch eine gewisse Gleichgültigkeit und ein Desinteresse in Teilen der Bevölkerung für diejenigen, denen es nicht so gut gehe. Einmal im Jahr zum Beispiel mache die Tafel einen Tag der offenen Tür (wenn er nicht gerade wegen der Corona-Pandemie ausfällt). Das sei eine Gelegenheit, sich umzusehen und Vorurteile zu hinterfragen, aber er sehe immer nur dieselben bekannten Gesichter auf dem Gelände, sagt Harald Rieberer.

Dabei würde er dann direkt erklären können, wem die zum Teil schicken Autos gehören, die vor dem Gebäude manchmal stehen: Entweder jemandem, der die Tafel ehrenamtlich unterstützt. Oder es habe sich jemand den Wagen eines Nachbarn geliehen, um überhaupt zur Essensausgabe zu gelangen, sagt Rieberer, als er mit dem Bundestagsabgeordneten Bernd Reuther und dem Xantener Kommunalpolitiker Dieter Kluth (beide FDP) am Tisch sitzt.

Es ist Donnerstagnachmittag. Die beiden Politiker besuchen die Tafel. Anlass ist ein Zuschuss, den der Bund überwiesen hat – Reuther und Kluth wollen sehen, ob die Hilfe angekommen ist und wo es noch hakt. Rieberers haben von dem Geld Regale und Tische gekauft. „Endlich können wir die Lebensmittel vernünftig lagern“, sagt Gudrun Rieberer. Sie und ihr Mann führen die beiden Politiker herum, zeigen ihnen das Lager und den Raum, in dem die Tüten gepackt werden. Dabei wird deutlich, welcher Aufwand dahinter steckt, um Hunderte Menschen wöchentlich mit Lebensmitteln zu versorgen. Reuther und Kluth zeigen sich beeindruckt davon, wie gut alles organisiert ist. Sie loben die „wichtige Arbeit“ der Tafel, wirken aber auch mitgenommen. „Betroffen“, sagt Kluth. Wegen der Not vieler Menschen, die hier spürbar wird. „Das war mir so nicht bewusst.“