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Xanten: Schüler gedenken der Opfer der Pogromnacht 1938

Gegen das Vergessen der Nazi-Verbrechen : Unterrichtsstunde am Stolperstein

Schülerinnen und Schüler besuchten Orte in Xanten, an denen früher Juden lebten. Mit weißen Rosen gedachten sie der Opfer der Nazi-Diktatur.

„Sie haben mitgemacht und geschwiegen, manche haben sich gewehrt. Letzteres war leider in Xanten nicht der Fall“: Wolfgang Schneider,  bis zu seiner Pensionierung 2011 Oberstudienrat am Xantener Stiftsgymnasium, ließ am Mittwoch keine Frage unbeantwortet, als er die 25 Schülerinnen und Schüler der Klasse 9 d seines ehemaligen Gymnasiums auf ihrem Weg durch die Innenstadt begleitete. Das Ziel: die Stolpersteine vor den Hausnummern 30, 65 und 71 an der Marsstraße. Diese Steine erinnern an Menschen, die früher dort lebten und von den Nazis verfolgt, deportiert oder ermordet worden sind, weil sie Juden waren.

Geschichtsreferendarin Alina Moulla hatte mit den Schülerinnen und Schülern im Unterricht den „Weg gegen das Vergessen“ vorbereitet, auf den sie sich am Mittwoch machten – 83 Jahre nach der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 in Deutschland. Ein Datum, mit dem sich die Jugendlichen in vielen Unterrichtsstunden auseinandergesetzt haben und auch noch auseinandersetzen.

Damals war es im gesamten Deutschen Reich zu massiven Gewalttaten gegen Juden gekommen. Anhänger von Adolf Hitler zogen durch die Straßen, zerstörten jüdische Geschäfte und Wohnungen, raubten sie aus, zündeten mehr als 1400 Synagogen an. Hunderte Menschen wurden ermordet, weitere nahmen sich das Leben. Diese Nacht war das offizielle Signal für den Beginn des größten Völkermordes in Europa, wie die Landeszentrale für politische Bildung berichtet.

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Nese Demir, Elias Karsim und Julian Janßen (alle 14 Jahre alt) lasen an der Marsstraße 71 aus einem Brief vor, den Johanna Seldis geschrieben hatte. Sie war am 19. Mai 1926 in Xanten geboren worden und lebte mit ihren Eltern und dem Onkel in der Stadt. Nach der Pogromnacht floh die Familie am 11. November 1938 aus Xanten, ihr gelang die Auswanderung. Johanna Seldis lebte bis zu ihrem Tod in Israel. Die meisten ihrer Verwandten wurden in Konzentrationslagern ermordet.

„Am 10. November 1938 morgens um 7 Uhr weckte mich ein schrecklicher Lärm“, heißt es in dem Bericht von Johanna Seldis. „Mit den Stiefeln wurde gegen die Haustür geschlagen. ‚Macht auf!’ Schon wurde die Tür aufgebrochen und im vorderen Teil des Hauses begann die Verwüstung. Meine Mutter kam in mein Schlafzimmer (…), und schon sprangen wir durch das Fenster in den hinteren Hof. Mein Vater war schon draußen. Wir hörten, wie alles kleingeschlagen wurde.“ Nachmittags, so schreibt sie an anderer Stelle, habe die Hitlerjugend vor dem Haus skandiert: „Wenn das Judenblut vom Messer spritzt, ja dann geht’s noch mal so gut.“ Weitere Sprechchöre seien zu hören gewesen. „Die Angst steigerte sich, die Verzweiflung war groß. Mein Onkel sprach davon, sich im Stall aufzuhängen.“

Aufmerksam hörten die Schülerinnen und Schüler zu, nahezu andächtig und still setzten sie ihren Weg fort, machten Halt vor dem Haus Nummer 30 an der Marsstraße, in dem die fünfköpfige Familie Alexander wohnte. Alle Familienmitglieder wurden am 22. April 1942 deportiert und in Vernichtungslagern in Lodz und Izbica ermordet. Vor der ehemaligen Synagoge, dem jüdischen Gebetshaus an der Scharnstraße, trug Elias Karsim ein Gedicht von Johanna Seldis vor. Anschließend legten die Schülerinnen und Schüler weiße Rosen nieder.

Geschichtslehrer André Stach und Referendarin Alina Moulla legten ein Gesteck mit der Aufschrift „Im stillen Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus“ dazu. Auch hier war es mucksmäuschenstill, genauso wie an den anderen Stätten der Erinnerung und bei der letzten Station ganz besonderen Unterrichtsganges, der Krypta im Dom. Hier, so erfuhren sie von Wolfgang Schneider, sind in drei Gräbern Urnen mit Asche aus den Konzentrationslagern Bergen-Belsen und Dachau sowie dem Vernichtungslager Auschwitz eingelassen.

Es sei wichtig, dass die Schülerinnen und Schüler einen regionalen Bezug zu dem schweren, abstrakten Thema herstellen, begründete Referendarin Alina Moulla den Unterrichtsgang gegen das Vergessen. Dass sie sehen und erfahren, dass Antisemitismus vor ihrer Haustür stattgefunden hat. Jetzt wird das „Erlaufene“ nachbereitet: Die Schülerinnen und Schüler haben die Stolpersteine und auch die Gedenktafel am Haus Scharnstraße als Erinnerung an die ehemalige Synagoge fotografiert. Auf Stadtplänen vermerken sie nun, wo diese Orte zu finden sind. Ihre weitere Hausaufgabe: Eigene Ideen gegen das Vergessen zu entwickeln und zu überlegen, welche Orte des Gedenkens man in Xanten neu installieren könnte.

Der Gang gegen das Vergessen gehört zu einer Unterrichtsreihe, an der Geschichtslehrer André Stach derzeit mit der 9 d des Stiftsgymnasiums arbeitet. Diskriminierung, Entrechtung, Völkermord, Gedenken, Deutscher Widerstand sind die Themen der Reihe. Auch das Leben und Wirken von Hans und Sophie Scholl sowie deren Widerstand im Nationalsozialismus werden noch thematisiert.

(jas)