Xanten: Radeln gegen Rechts: Räder rollen zurück in die Niederlande

Niederrhein: Abstrampeln gegen das Vergessen

In Essen startet am Samstag die politische Aktion „Radeln gegen Rechts“. Ziel ist Utrecht in den Niederlanden. Rheinberg und Xanten sind Stationen.

Fahrräder für Utrecht? Das ist doch wie Eulen nach Athen tragen. Denn wenn es eines zur Genüge gibt in den Niederlanden, dann sind es doch Fahrräder, sollte man meinen. Und vielleicht noch Wohnwagen.

Dass sich Jochen Baier, Professor für Literatur und Didaktik an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch-Gmünd, gemeinsam mit einigen seiner Studenten, Bekannten, Freunden und weiteren Fahrrad fahrenden Menschen, die er noch nicht kennt, am Samstagmorgen um 9 Uhr im Café Extrablatt auf dem Kennedyplatz in Essen trifft, um sich nach einem gemeinsamen Frühstück auf den Sattel zu schwingen und Richtung Holland zu radeln, hat allerdings einen besonderen Grund: Die 24-köpfige Gruppe will gegen das Vergessen radeln, mit dem Fahrrad von Essen über Rheinberg, Xanten, Kleve nach Amsterdam und von dort aus weiter nach Utrecht fahren und die Räder dort dem Vluchtelingenwerk spenden, einem Flüchtlingsheim. „Radeln gegen Rechts“ hat Hochschullehrer Baier die bewegte und bewegende Aktion überschrieben.

„Fahrräder für Utrecht“ heißt sein Buch, das Basis für die Aktion ist und das er im vorigen Jahr auf den Markt gebracht hat. Im Mittelpunkt: Hauke. Als der seinen Großvater zum letzten Mal im Krankenhaus besucht, offenbart ihm dieser ein dunkles Kapitel seiner Vergangenheit: Im Zweiten Weltkrieg war er in den Niederlanden stationiert und unter anderem für die Registrierung der verhafteten Juden und die Beschlagnahmung ihrer Fahrräder verantwortlich. In die Trauer um seinen Opa mischt sich schnell der Gedanke an Wiedergutmachung: Hauke startet mit seinen Freunden Safi und Lars die Aktion „Gebt den Holländern ihre Fahrräder zurück“.

Der Fahrradtour nach Holland schließen sich immer mehr Teilnehmer an, die ihre eigenen Geschichten erzählen. Fröhliche, aber auch traurige Geschichten. Entstanden ist ein rasanter Roadtrip mit ungewöhnlichen Begegnungen. Eine sympathische und praktische Auseinandersetzung der jüngeren Generation mit der Schuld ihrer Großeltern. „Eine viel zu kurze Geschichte der Schuld, ein vager Versuch und ein ernst gemeinter dazu“, schreibt Jochen Baier in seinem Vorwort.

  • Politische Aktion: Studenten starten am Samstag
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Dass er das Buch geschrieben hat, lag an den Fahrrad-Witzen, die ihm einmal bei einer Grillparty bei Freunden aus Holland erzählt wurden („Bring das Fahrrad von Oma zurück“). Und genau das ist der ernste Hintergrund sowohl des Buches als auch der Aktion „Radeln gegen Rechts“, die am Samstag in Essen startet:

Im Zweiten Weltkrieg haben Nazis in größeren niederländischen Städten Fahrräder konfisziert, um damit während des Krieges mobil zu sein. Die Reaktionen auf sein Buch seien übrigens gemischt gewesen, erzählt der 49-Jährige. Nicht alle seien positiv gewesen: „Es waren auch einige Rechtsausleger dabei“, sagt er und meint damit Kommentare, „die auch von damals stammen könnten“. Und als er via Facebook seine Aktion startete, sei auch dort die Resonanz unterschiedlich gewesen. „Gut, dass Sie das machen – das hätte die Merkel schon viel früher tun sollen“ sei eine von vielen Reaktionen gewesen.

Den Großteil der Räder, die die Gruppe um Jochen Baier jetzt nach Utrecht bringt, haben er und seine Studenten vorher übers Internet gesammelt, repariert, wieder fahrtüchtig gemacht. Der Initiator holt für die Tour sein „total tolles, altes Mountainbike“ aus der Garage, das er dann auch spenden will. Und natürlich tanzt er in vorderster Reihe mit beim Flashmob „Fietsendance“, mit dem die Tour in Essen beginnt: „Fiets‘s coming home” statt „Football’s coming home”.