Xanten: Mit Witwe Schwarz in der Stadt unterwegs

Xanten: Der Kamm als wichtigstes Reiseutensil

Wie reisten Menschen vor 250 Jahren? Dieser Frage nähert sich eine Themenführung der Tourist Information Xanten, bei der die Teilnehmer mit in die damalige Zeit genommen werden – ganz ohne Smartphone und Navigationsgerät.

Ohne Handy ist heute keiner mehr unterwegs. Und einen Stadtplan, der sich immer verhedderte, wenn man ihn zusammenfalten wollte, hat wohl auch niemand mehr in der Tasche. Kaum zu glauben, dass man sich früher trotzdem zurechtfand. Früher, das ist in diesem Fall vor etwa 250 Jahren, als es noch kein Telefon geschweige denn Smartphone gab, genauso wenig wie Autos oder Fahrräder. Man reiste zu Fuß oder mit dem Zug und der Postkutsche, ohne Navigationsgerät selbstverständlich. „Über Stock und Stein“ hat die Tourist Information Xanten daher eine besondere Stadtführung überschrieben, bei der es mit einer reiselustigen Dame 250 Jahre in der Zeit zurück geht.

Die „Dame“ gab es wirklich: Sie hieß Lisbeth Schmitz, war die Witwe eines Xantener Tuch- und Textilhändlers und musste nach dessen Ableben das florierende Geschäft weiter führen. Und dafür musste sie sich auf den Weg nach Frankfurt machen, zu einer Messe, auf der es die neueste Mode, das beste Tuch zu kaufen gab. Dabei durften Frauen vor 250 Jahren eigentlich gar nicht alleine auf den Straßen unterwegs sein, erfuhren die interessierten Teilnehmer einer Kostümführung, zu der sie Annemarie Ricken am Samstag in historischer Kleidung mitnahm. „Ich muss auf Reisen gehen für mein Geschäft – in meinem Jahrhundert keine einfache Sache“, erzählte sie zu Beginn. Und sie erzählte auch von ihren acht Kindern, von denen vier früh verstorben sind. „Und der älteste, der wird mal was ganz besonderes: Der wird Jurist“.

Auf dem Weg durch Xanten, vom Meerturm aus an den alten Stadtmauern entlang, erzählt die Witwe Schwarz den Frauen und Männern, die sich ihr angeschlossen haben, einiges über die Zeit und das Leben vor 250 Jahren. Und über die Probleme, wenn man als Frau alleine unterwegs war, in Herbergen oder Wirtshäusern übernachten musste. Oder sich gegen Übergriffe schützen oder das Bett mit einer Fremden teilen musste und deswegen unbedingt einen Kamm dabei haben sollte – wegen der Läuse, die die Fremde haben könnte.

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Bevor man sich früher auf den Weg machte, wurde gebetet. Dafür ging Witwe Schwarz in den Dom, betete, dass alles gut gehen und die Lieben daheim unversehrt vorfinden werde, wenn sie zurück kommt. Und weil man das nicht immer wissen konnte, machte man vor 250 Jahren vor einer Reise erst sein Testament. Kinderwagen oder Koffer, die gab es nicht: Alles musste in die Kiepe, die man auf dem Rücken trug. „Eine Frau geht niemals mit unbedecktem Haar auf die Straße: Das schickt sich nicht“, erklärt Witwe Lisbeth Schwarz alias Annemarie Ricken.

Dass ihr Rock unter der Schürze so ausladend sei, liege daran, dass man früher noch weitere Unter-Röcke trug (in deren Saum man auch die Geldmünzen einnähte) und das Unterhemd, in dem Frau dann auch schlief. Wollstrümpfe, die Füße in bequemen Lederschuhen, über der Schulter der Reisebeutel. Darin das Reisebüchlein, ein Hemd, ein Paar Socken, Proviant, einen Feuerstein nebst Eisenplättchen und Zunder, außerdem einen Löffel, den Kamm – und ein Messer: „Ein ungemein nützliches Instrument“. Was denn mit der Hygiene sei, will ein Teilnehmer wissen. „Die kennen wir nicht, eine Zahnbürste gab es zu unserer Zeit nicht“.

„Über Stock und Stein“ (rund zwei Stunden): Auskunft und Buchung bei der Tourist Information: 02801 772200