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Xanten: Marienschülerinnen erinnern an Opfer der Nazis

Gedenkfeier im Xantener Dom : „Wie kann man zu so etwas Grauenhaftem fähig sein?“

Marienschülerinnen erinnerten im Xantener Dom an die Verbrechen der Nazis und den Massenmord an den Juden. „Gerade in diesen Tagen“ sei das wichtig, sagte Schulleiter Michael Lemkens. Denn Corona-Leugner versuchten, den Holocaust zu relativieren.

Drei Monate ist es her, dass 21 Schülerinnen der Xantener Marienschule in Auschwitz waren. Nun stehen zwei von ihnen vor anderen Jugendlichen und Erwachsenen im Xantener Dom und sprechen über das Vernichtungslager der Nazis. „Was mich besonders bedrückt und verärgert hat, waren die Gaskammern“, sagt Celine Krieg. „Ich frage mich, wie man zu so etwas Grauenhaften fähig sein kann.“ Katie van Haren nickt. „Warum haben so viele Leute dabei mitgeholfen?“, fragt sie. Eine Antwort darauf haben sie nicht. Was sie aber wissen: „Wir sollten darüber nachdenken, was wir selber dafür tun können, um so etwas zukünftig zu verhindern.“

Ihr Dialog ist am Donnerstagabend Teil einer Gedenkfeier im Xantener Dom. Anlass ist die Befreiung von Auschwitz vor 77 Jahren am 27. Januar 1945. Das Vernichtungslager ist zum Symbol für den Holocaust geworden. Bundesweit wird deshalb an diesem Tag an die Verbrechen und Opfer des Nationalsozialismus erinnert. In Xanten laden die Kirchengemeinden dazu ein. Dieses Mal haben 21 Marienschülerinnen das Programm der etwa 45 Minuten gestaltet.

 Katie van Haren und Celine Krieg (l.) berichteten von ihrem Besuch der Marienschülerinnen in Auschwitz.
Katie van Haren und Celine Krieg (l.) berichteten von ihrem Besuch der Marienschülerinnen in Auschwitz. Foto: Ostermann, Olaf (oo)
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Im vergangenen Schulhalbjahr hatten sie sich mit dem Thema auseinandergesetzt. Dafür trafen sie sich nach dem Unterricht in einer AG und fuhren im Herbst für eine Woche nach Polen. Sie besichtigten an zwei Tagen die Vernichtungslager Auschwitz und Auschwitz-Birkenau. Anschließend fuhren sie weiter nach Krakau, wo es eine jüdische Gemeinde gibt.

„Wir wurden sehr herzlich aufgenommen“, berichten am Donnerstagabend die Lehrkräfte Ute Heinrich und Jörg Heinemann, die die AG leiten. Die Marienschülerinnen lernten jüdische Musik, jüdisches Essen und jüdische Kultur kennen. So endete die Woche nach dem Grauen der Vernichtungslager mit dem Leben in Krakau – und mit einer Erfahrung, die Hoffnung macht: Die Marienschülerinnen erlebten, dass es den Nazis zum Glück nicht gelungen ist, das jüdische Leben auszurotten.

Davon berichten sie am Donnerstagabend. Sie lesen auch Gebete vor und bitten die Anwesenden, dass sie einen Stein nehmen und ihn neben die Kerzen am Altar leben. Es ist ein jüdischer Brauch. An diesem Abend erinnern die Menschen damit an die Millionen Opfer der Nazis. Die Kieselsteine dafür hatten die Schülerinnen mitgebracht.

Schulleiter Michael Lemkens spricht von einem „wichtigen Zeichen“, dass die jungen Frauen diese Gedenkfeier vorbereitet haben. „Ihr zeigt damit nicht nur, dass es euch wichtig ist, etwas über die Vergangenheit zu erfahren, sondern leistet auch einen ganz wichtigen Beitrag zur Verständigung darüber, wie unsere Gegenwart und wie unsere Zukunft aussehen soll.“ Gerade in diesen Tagen sei es wichtig, an Auschwitz und alle anderen Lager zu erinnern und „sich der Bagatellisierung, ja Verhöhnung dessen, was war, entgegenzustellen“.

Als Beispiel nennt Lemkens ein Plakat auf einer Demonstration von Impfgegnern und Corona-Leugnern. „Impfen macht frei“, habe darauf gestanden, und zwar in großen Buchstaben auf einem Schild, das unverkennbar den Bogen über dem Eingangstor des ehemaligen Stammlagers Auschwitz darstellen sollte, auf dem die Nazis „Arbeit macht frei“ hatten schreiben lassen.

„Überall und längst nicht vereinzelt“ seien Menschen anzutreffen, die sich als „die neuen Juden“ bezeichneten, sagt Lemkens. „Dieses Verhalten banalisiert und nivelliert den millionenfachen, geplanten und durchgeführten Mord an Menschen.“ Wer so rede, stelle keinen zulässigen historischen Vergleich an. „Er relativiert den Holocaust und verharmlost einen Völkermord.“

Es gebe keine Möglichkeit, den Holocaust abzumildern, sagt Lemkens weiter. „Dies erkennt und weiß, wer Opferberichte gelesen oder Auschwitz besucht hat: Auschwitz ist ein realer Ort mit realen Verbrechen und realen Opfern und Tätern.“ Er zitiert Henryk Mandelbaum, einen Auschwitz-Überlebenden: „Es war eine Maschine, eine Fabrik, eine Fabrik des Todes. Ein Gigant des Todes. Das Ende.“

Für Mandelbaum sei es nicht das Ende gewesen, daraus sei für ihn die Verantwortung entstanden zu berichten, was geschehen sei, um zu verhindern, dass es sich wiederhole, sagt Lemkens. „Auch wir Nachgeborenen haben eine nicht endende Verantwortung für das Erinnern an Auschwitz und für ein menschliches Miteinander.“

Auch deshalb gehöre es zum Programm der Marienschule, dass sie es den Schülerinnen der zehnten Klassen ermögliche, sich mit Auschwitz, „diesem Symbol der Menschenvernichtung“, auseinanderzusetzen, erklärt der Schulleiter. „Wir erhoffen uns davon, junge Menschen auf diese Weise zu immunisieren gegen Versuche, die Geschichte umzudeuten, zu relativieren oder zu bagatellisieren.“ Wenn dann eine Schülerin zu ihm sage, wie schrecklich sie es finde, dass Corona-Leugner den Holocaust für ihre Sicht der Welt missbrauchten, „dann haben wir zusammen vieles richtig gemacht“.

(wer)