Xanten: Lars Lindemann ist Polizeiseelsorger im Kreis Wesel und Kleve

Xanten: Immer ein offenes Ohr für die Polizei

Lars Lindemann ist seit Februar Polizeiseelsorger in den Kreisen Wesel und Kleve. Der frühere Pastoralreferent hört zu, tröstet und gibt Anstöße.

„Die Schränke sind voller Bücher, obendrauf reiht sich Kiste an Kiste: Material für die Kinder- und Jugendarbeit.“ Anfang des Jahres war die Rheinische Post zu Gast im Haus Michael am Dom in Xanten – bei Lars Lindemann. Damals, da war der Pastoralreferent noch in Diensten der St.-Viktor-Gemeinde. Sieben Jahre lang hat der gebürtige Gronauer hier gearbeitet. Seit dem 1. Februar ist er Polizeiseelsorger für die Kreise Wesel und Kleve. Da hat sich einiges geändert – auch im Büro natürlich.

Die Bibeln, die theologischen Bücher stehen weiter in Reih‘ und Glied, füllen den Raum wieder bis unter die Decke. Doch in seinem „Reich“, das er in der katholischen Ehe-, Familien und Lebensberatung in Xanten bezogen hat, werden Flipchart, Bastelutensilien und Co. nicht mehr benötigt. Sein großes Kruzifix hat der 44-Jährige natürlich mitgenommen, auf dem Schreibtisch dominieren zwei PCs die Wand gegenüber der „händischen Literatur“. An dem einen arbeitet der dreifache Familienvater weiter an einer seiner früheren Aufgaben und erarbeitet gemeinsam mit den katholischen Kirchengemeinden am Niederrhein deren Zukunftsmöglichkeiten – „Pastoralpläne“ werden erfasst. Der andere ist für sein neues Aufgabengebiet reserviert: Polizeiseelsorge, und diese erstmals für die Kreise Kleve und Wesel.

Wie geht das? Lindemann zieht zunächst den Vergleich zwischen der Organisation Kirche und der Organisation Polizei. „Beide haben ihre Gemeinsamkeiten.“ Beide Organisationen müssten sich mit dem ständig ändernden Wertebewusstsein in unserer Gesellschaft auseinandersetzen. Beiden Organisationen sei eine gute Beziehung zu den Menschen vor Ort wichtig und rängen um den richtigen Weg.

„Ich habe mir trotz meines ohnehin schon großen Respekts vor der Polizeiarbeit nie eine solch große Offenheit und Kollegialität der Beamten untereinander und mir gegenüber vorstellen können.“ Lindemann versteht daher seine neue Aufgabe als einen Dienst an und mit den Menschen. „Es schafft eine besondere Beziehung zwischen den Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten und mir, wenn man sich überlegt, nur für ihre Belange da zu sein.“ Das definiere sein langfristiges Ziel in Bezug auf möglichst viele der fast 2000 Angehörigen im Polizeidienst der beiden Kreise, sagt der Theologe, der neben dem Studium in Münster auch Verhaltenswissenschaften und Psychologie an der Fernuniversität Hagen studiert hat und sich zudem zum systemischen Berater und Organisationsberater weitergebildet hat.

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Lindemann weiß sehr wohl, dass dieses Ansinnen noch Zeit benötigt und auch den Einsatz über die Dienstzeit erfordere – wie in der Gemeindearbeit. Aktuell begleitet er nach Möglichkeit die Beamten in den einzelnen Direktionen bei ihrer Arbeit und lernt so die vielen verschiedenen Einsatzbereiche der Polizei kennen. So erfährt er, was es bedeutet, wenn sich Anspannung und Entspannung während der Arbeitszeit permanent abwechseln, wie Dienstpläne erstellt werden, was eine Spurensuche im Fall von Kindermissbrauch und -pornografie im Internet mit einem Menschen machen, was bei einer Obduktion abläuft und was dies für die beteiligten Personen bedeutet. „Die Einsatzkräfte am Ort spüren es hautnah, und auch jede weitere Person, die mit der Bearbeitung der Akten bis hin zum Statistiker beschäftigt sind, müssen irgendwie mit den Bildern leben lernen.“

Lindemann lobt in diesem Zusammenhang die längst eingeführte kurz- und langfristige Betreuung der Einsatzkräfte durch geschulte Kräfte mit sofortigen Gesprächen, regelmäßigen Supervisionen und Schulungen. Was Lindemann wichtig ist: Er ist nicht allein in seinem Dienst. Gemeinsam mit einem weiteren katholischen und evangelischen Polizeiseelsorger versuchen sie ein offenes Ohr für alle Belange zu haben. Als Polizeiseelsorger vergesse er sicher nicht seine Religionszugehörigkeit. „Aber auch und vor allem hier es geht um die Menschen, um grundsätzliche ethische Fragen: Einfach ums Zuhören, um Anstöße.“

Es geht auch um das miteinander Reden – dann, wenn es nötig ist. Bis er alle Polizisten in dem Gebiet kennengelernt habe, das so groß wie das Saarland ist, werde es wohl noch mehrere Jahre dauern. Aber das Projekt ist auf Dauer angelegt. Jedes Gespräch, jeder Kontakt sei wichtig, betont Lindemann. „Und ehrlich gesagt: Mit so vielen Menschen, die ihre Arbeit ernst nehmen und ehrlich miteinander umgehen, macht es sehr viel Freude.“

Mit Fernsehkrimis habe das überhaupt nichts zu tun. „Gucken kann man sie ja trotzdem“ – lediglich der Blickwinkel ändere sich gänzlich.

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