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Xanten. Klassentreffen 75 Jahre nach Einschulung im Jahr 1946 - Lesen, Schreiben, Hühner schlachten

Einschulung 1946 in Xanten : Lesen, Schreiben, Hühner schlachten

Drei Frauen und vier Männer haben sich 75 Jahre nach ihrer Einschulung in Xanten wieder getroffen und Erinnerungen ausgetauscht. 1946 hatten sie zusammen die katholische Grundschule in Wardt besucht.

Nein, Herbert Dissen hat in der ehemaligen katholischen Grundschule nicht viele Fleißkärtchen gesammelt, um sie gegen ein Heiligenbildchen einzutauschen. Das gibt der 81-Jährige unumwunden zu, als er sich 75 Jahre nach der Einschulung mit weiteren ehemaligen Mitschülerinnen und -schülern am Mittwochnachmittag im Café de Fries traf, um die gemeinsamen Schulzeiten aufleben zu lassen. Das mit den Fleißkärtchen schiebt der ehemalige FBI-Vorsitzende aber nicht nur darauf, dass er nicht unbedingt der Fleißigste in der Schule war, sondern auch darauf, dass er den falschen Glauben hatte: Dissen ist evangelisch, genau wie sein damaliger Schulfreund Jürgen Schmitz-Hübsch.

Und genau deswegen mussten die beiden auch zwei Jahre nach der Einschulung die katholische Grundschule in Wardt verlassen und fortan die neu errichtete evangelische Volksschule hinter dem Klever Tor besuchen. „Jeden Morgen fünf Kilometer mit dem Rad hin und mittags wieder zurück“, erinnern sich die beiden, die das Klassentreffen organisiert haben und jetzt mit Johannes Angenend, Josef Seelen, Elfriede Müller, Gertrud Zumkley und Regina Lohmann an schöne, aber auch harte und entbehrungsreiche Zeiten damals zurückdenken.

 Klassentreffen nach 75 Jahren – vordere Reihe (v.l.): Herbert Dissen, Jürgen Schmitz-Hübsch, Elfriede Müller. Hintere Reihe (v.l.): Josef Seelen, Regina Lohmann, Johannes Angenend und Gertrud Zumkley.
Klassentreffen nach 75 Jahren – vordere Reihe (v.l.): Herbert Dissen, Jürgen Schmitz-Hübsch, Elfriede Müller. Hintere Reihe (v.l.): Josef Seelen, Regina Lohmann, Johannes Angenend und Gertrud Zumkley. Foto: Ostermann, Olaf (oo)
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Damals, das war 1946. Der Zweite Weltkrieg war zu Ende, Xanten lag in Schutt und Asche. „Drohend ragte ein stehengebliebener Eckpfeiler vom Nordturm des Domes in den Himmel, als wenn er sagen wollte: Was habt ihr mir angetan!“, beschreibt es Herbert Dissen. Ein Jahr nach Kriegsende wurden sie eingeschult, drückten zusammen mit etwa 40 weiteren Kindern zwischen sechs und zehn Jahren die Schulbank. „Die vom ersten bis zum vierten Schuljahr gingen in eine Klasse und die vom fünften bis achten in eine“, erzählt Johannes Angenend. Und dann wandern die Gedanken aller zurück, an die Wintertage zum Beispiel, als man nachmittags auf der zugefrorenen Woy Eishockey spielte und Elfriede Müller meistens im Tor stand. „Einer ist mal mit dem Gesicht durch den Zaun, seitdem hat der diesen Schmiss auf der Wange.“

Bis in die Puppen hätten sie auf Haus Grint Verstecken gespielt, „wenn es früh dunkel wurde, haben wir ‚Wer hat Angst vorm schwarzen Mann’ gespielt“, berichtet Elfriede Müller. Johannes Angenend (81) kann sich noch gut an den Schulausflug zur Villa Reichswald erinnern – „zu Fuß. Da haben wir dann Räuber und Gendarm gespielt.“ Und der Lehrer, der hatte hinter der Schule einen Garten, „den mussten wir regelmäßig umgraben. Und wenn der mal ein Huhn schlachten wollte, mussten wir es fangen und köpfen.“ Überhaupt wurde nicht nur das Schreiben, Rechnen und Lesen gelernt und gelehrt. „Wir mussten beim Bauern auch beim Rüben-Ziehen auf dem Acker helfen und bei der Kartoffelernte.“

Jürgen Schmitz-Hübsch hat auf dem Schulweg mit seiner selbst gebastelten Schleuder immer die Pöttkes zerschossen, erinnert sich der 81-Jährige, den es nach der Schulzeit in verschiedene Länder – „in Afrika habe ich meine Frau kennengelernt, die ist wie ich über den Deutschen Entwicklungsdienst nach Afrika ausgewandert und hat als Krankenschwester gearbeitet“ – und schließlich in die Lüneburger Heide verschlagen hat. Was er als Kind nie verstanden hat: „Alle bekamen bei der Schulspeisung etwas zu essen – nur ich nicht. Ich gehöre zu den Selbstversorgern, haben die Lehrer immer gesagt.“

 Nach zwei Jahren mussten die Protestanten Herbert Dissen und Jürgen Schmitz-Hübsch auf die neue evangelische Volksschule wechseln.
Nach zwei Jahren mussten die Protestanten Herbert Dissen und Jürgen Schmitz-Hübsch auf die neue evangelische Volksschule wechseln. Foto: Ostermann, Olaf (oo)

Ein ums andere Mal hätten sie mit dem Zeigestock von zwei Lehrerinnen eins auf die Finger bekommen, aber das sei halt so gewesen früher, erinnern sich die Ehemaligen. Die beiden Pädagoginnen hätten ein strenges Regiment geführt. Ein anderer Lehrer habe auch mal seinen dicken Schlüsselbund durchs Klassenzimmer geworfen. Und wenn die Prozession nach Marienbaum anstand, „da konntest du nicht sagen, du hast keine Lust: Da musstest du mit“, so Johannes Angenend. Aber alles in allem, befinden alle rückblickend, „war es eine schöne Zeit damals, die wir auch nach 75 Jahren nicht vergessen werden“.

(jas)