1. NRW
  2. Städte
  3. Xanten

Xanten: Heinz Roters, der ehemalige Rektor der Viktor-Grundschule, im Interview über die Probleme der Inklusion

Xanten : Inklusion ist ein Langzeitprojekt

Der ehemalige Rektor der Viktor-Grundschule spricht im Interview über die Probleme der Inklusion.

Heinz Roters. Seit 1985 hat er als Schulleiter gearbeitet – in Düsseldorf, Hamminkeln und seiner Heimatstadt Xanten. Hier war der jetzt 67-Jährige 17 Jahre lang als Rektor an der Viktor-Grundschule tätig. Und wie die Katze das Mausen nicht lässt, so lässt den Mann die Schule auch nach einem Jahr als Pensionär nicht los. Eins der seiner Meinung nach größten ungelösten Probleme an deutschen Bildungsinstituten ist die Inklusion. Weil sie so, wie sie seit einigen Jahren in Nordrhein-Westfalen praktiziert wird, nicht funktioniere.

Herr Roters, was treibt Sie an, dieses Thema immer wieder auf den Tisch zu bringen?

Roters Ganz wichtig, zunächst: Ich spreche hier ausschließlich von der Grundschule, auch wenn es in weiterführenden Schulen ähnliche Schwierigkeiten geben soll. Aber grundsätzlich: Es ist eine Zumutung, nicht nur für den Regelschullehrer, junge Menschen mit ausgeprägtem sonderpädagogischem Förderbedarf einfach in einer Regeschulklasse aufzunehmen, nur mit dem Verweis auf eine UN-Konvention. Das können wir so sozialpädagogisch, methodisch-didaktisch und vor allem räumlich nicht stemmen. Vier nachweislich stark lernbeeinträchtigte Kinder zu anderen 20 Grundschulkindern in eine Klasse zu setzten und neben dem Klassenunterricht nur mit wenigen Stunden Sonderpädagogik zu versorgen, ist unverantwortlich, zumal ja auch die anderen 20 Regelschulkinder auch nicht „einfacher“ werden.

  • Foto: Pixabay
    Kritik am Kreis Wesel : Lehrer wollen endlich geimpft werden
  • Abriss der Grundschule in NiederkrŸchten
    In Niederkrüchten : Grundschule an der Dr.-Lindemann-Straße wird abgerissen
  • Eine Lehrerin liest die Gebrauchsanleitung für
    Schulministerium in NRW : Grundschüler sollen ab 10. Mai regelmäßig mit „Lolli-Tests“ getestet werden

Das heißt?

Roters Wir haben Kinder mit Migrationshintergründen oder mit teils starken Verhaltensauffälligkeiten. Auch denen müssen wir gerecht werden.

Und das alles, indem der Klassenlehrer beziehungsweise die Klassenlehrerin allein damit steht.

Roters Das werfen Sie in den Ring. Aber im Grunde trifft es das. Ein Lehrer steht die meiste Zeit ohne Hilfen in der Klasse. Inklusion aber geht nicht ohne durchgängige fachkompetente Unterstützung für die betroffenen Kinder. Was wir haben, sind die ausgebildeten Sonderschullehrer, die sich oft nur vier Stunden in der Woche um diese Schüler kümmern und auch noch als „Kofferpädagogen“ an verschiedenen Schulen unterwegs sind. Zusätzlich haben sie einen enormen Aktenaufwand mit Bewertungen, Gutachten und Hilfeplangesprächen.

Hört sich nicht nach Konzept an.

Roters Das geht noch viel, viel weiter: Natürlich bemühen sich die Regelschullehrer um diese Schüler. Sie entwerfen Arbeitsblätter, holen sich im Internet Rat, die Schule bemüht sich um angemessene Bücher und Medien. Aber es gibt nicht mal eine ausgereifte „Inklusionsdidaktik“, keine Maßgabe, wie man hilfreich arbeiten kann, um gleichzeitig allen Schülern im Klassenverband gerecht werden zu können. Und das alles in einem rechteckigen Raum mit Lese-, Experimentier-, Computerecke und „Freiarbeitsangeboten“, der als „Lerngemeinschaft“ definiert wird. Das ist die Handschrift, die bei der Einführung der Offenen Ganztagsschule davon ausging, dass mit Plastiktischdecken auf Schulbänken und Anlieferung von Essen ein Mensabetrieb kompensiert werden könnte.

Was folgt daraus?

Roters Zunächst einmal: Der Ansatz der Inklusionsarbeit an Schulen ist im Grunde richtig. Nur müssen die Voraussetzungen stimmen. Wir brauchen mehr Lehrer, mehr Sozialpädagogen, noch viel mehr Integrations- oder auch Inklusionshelfer wie die CDU-/FDP-Landesregierung schon richtig erkannt hat. Die Fachkräfte gibt es aber derzeit auf dem Arbeitsmarkt nicht. Da ist erst mal ein langer Atem nötig.

Also holen wir tief Luft…

Roters …und halten zunächst fest, dass die Karre so tief im Dreck steckt und es noch nicht mal den Ansatz eines Stricks gibt, an dem man ihn herausziehen könnte. Das wird niemandem gerecht. Ich bin Inklusionsbefürworter, aber 20 Jahre wird es bis zur vollen Verwirklichung der Pläne brauchen. Bis dahin brauchen wir eine bessere Personalsituation. Und wir benötigen eine angepasste räumliche Ausstattung. In Bezug auf Sprache und Mathematik zum Beispiel brauchen bestimmte Kinder eine ganz besondere Förderung, die sie nur in eigenen geschützten Räumen erfahren können. Sie brauchen Rückzugsmöglichkeiten. Dafür wäre in Schulzentren ein Gebäudetrakt notwendig. In einigen Fächern wie zum Beispiel Kunst, Musik oder Sport können sogenannte Inklusionskinder sogar überdurchschnittlich gut mitarbeiten Dann sind sie im Klassenverband voll integrierbar.

Und in der Zwischenzeit?

Roters Ich hoffe, dass die Politik, endlich einmal verstärkt auf die Lehrerverbände hört, die ausnahmslos und egal welcher Richtung längst die Reißleine ziehen möchten. Ein Mensch ist wichtiger als Gesetze und Verordnungen, die alle paar Jahre wieder geändert werden.

Da liegt aber noch was auf der Zunge…

Roters Ja. Und das ist ganz wichtig. Ich möchte, dass auch Eltern eine Einsicht haben, wenn wir Pädagogen sie bitten, ihren Willen für die Einschulung ihres Kindes in eine Regelschule zu überdenken. Es gibt sie Gott sei Dank noch, die Förderschulen, die mit ihrer Ausstattung und ihrem Personalstand von zum Beispiel 12 Kindern mit vier Fachkräften den Kindern viel weiter helfen als andere es können. Bitte: Es geht um die Kinder und ihr Wohl, und wir dürfen das „zarte Pflänzchen der Inklusion“ nicht zertrampeln.