Xanten: Führung durch die Muna

Xanten : Die Muna hautnah

Zum ersten Mal seit 70 Jahren gab es eine Führung auf dem Gelände der ehemaligen Munitionsanstalt. 100 Wanderer nahmen das Angebot wahr.

Eichen überschatten den Trampelpfad mitten im herrlich modrig riechenden Wald. 70 bis 80 Jahre alt dürften die Bäume sein. In diesem Waldstück in Birten haben einmal 1200 Menschen gearbeitet – in der Munitionsanstalt der deutschen Luftwaffe Anfang der 40er Jahre. Jetzt sind 100 Wanderer einer Einladung des SPD-Landtagsabgeordneten René Schneider zum Abschluss seiner Sommertour gefolgt. Zum ersten Mal seit rund 70 Jahren wird einer Gruppe Eintritt ins ehemalige Muna-Gelände gewährt.

Der Weg führt zunächst vorbei am „Haus Katharina“ des St-Josef-Krankenhaus. Die frühere Entbindungsstation war 1939 als Hauptquartier der Muna errichtet worden; der alte Bauernhof (heute ist „Haus Ermland“ Schwesterwohnheim) beherbergte das Offizierskasino, erklärt Historiker Ralph Trost den Ursprung jener Anlage, die 1938 genehmigt, ab 1939 gebaut und 1940 in Betrieb ging.

Florian Zieseniß von der Bundesforstverwaltung Rhein-Weser führt die Gruppe durch ein Schiebetor zu einem langgestreckten Bau. Der gehört zu einer von noch zwei stehenden ehemaligen Fertigungshallen, die gemeinsam mit 111 Bunkern Überbleibsel der Anlage sind. Eine Außentreppe führt in einen Bunker, in den sich nach dem Krieg britische, später Nato-Soldaten und danach Angestellte der deutschen Fernleitungsbetriebsgesellschaft hätten verkriechen sollen. Von dort aus wurde seit den 50er Jahren die unterirdisch verlaufende 5300 Kilometer lange mitteleuropäische Nato-Leitung überwacht, die von Nordseehäfen kommend, militärische Anlagen mit Kerosin versorgt.

Die Brennnesseln am Haus reichen in Brusthöhe. Die Bundesforstverwaltung kümmert das wenig. Die Leitungswächter sind nach Bonn umgezogen. Und der Waldbestand in Xanten mache einen Klacks aus angesichts von 18.000 Hektar aufgegebenen Militärgeländes im Zuständigkeitsbereich, erklärt Zieseniß.

Früher allerdings, so Trost, habe es eine Reihe von Interessenten für das Areal gegeben. Die Pflugfabrik Lemken zum Beispiel wollten die Briten wegen der möglichen Nähe zu einer Waffenproduktion nicht, Farbenlager stießen gleichfalls auf wenig Gegenliebe und in neuerer Zeit hatte ein Dino-Park keine Chance. Ohnehin: Die Stadt hat hier das Planungsrecht. Da tue sich seit langem nichts mehr, weiß der Förster. Allerdings konnte Xanten eine Zeitlang aus den Kriegshinterlassenschaften Kapital schlagen: Pflastersteine wurden in den 50ern in die Niederlande zum Deichbau verkauft.

Von solchen Steinen, so Trost, gab und gibt es auf dem 140 Hektar großen Gebiet zwischen Veen und dem Röschen reichlich. 25 Kilometer Straßenflächen wurden Ende der 30er Jahre in Rekordzeit gepflastert oder asphaltiert. Schienen wurden verlegt und über Birten an Wesel sowie über Winnenthal an Duisburg angeschlossen. „Diese Lage machte Xanten für eine Muna interessant“, sagt Trost, der seine Doktorarbeit über Xanten im Zweiten Weltkrieg geschrieben hat. Per Bahn wurden die mit Sprengstoff gefüllten Hülsen der 1000-Kilogramm-Bomben angeliefert, die dann mit Lkw in die heute noch zu sehenden Hochbunker transportiert wurden, fernab von den Zündern. Das „Scharfmachen“, also das Anschrauben und Anbohren der Zünder, gehörte zu den richtig gefährlichen Tätigkeiten der Arbeiter, von denen nur gut 20 Prozent Soldaten waren. Dazu kamen die zum Arbeitsdienst verpflichteten Männer und zum überwiegenden Teil Angestellte aus der Umgebung. In Stoßzeiten gingen Hunderte von Tonnen scharfe Munition per Bahn raus. Die Beleuchtung der Anlage kam wegen der Funkengefahr nicht aus der Steckdose. Die Arbeiter trugen Helmlampen.

Ob eine von diesen dennoch das größte Muna-Unglück in deren kurzer Geschichte auslöste? Am 20. November 1942 sollten in einer Fertigungshalle 150 Granaten abwurffertig gemacht werden. Gegen 12 Uhr gab es eine Explosion, die das Haus und die nähere Umgebung ausradierte. Im kilometerweiten Umkreis barsten Scherben. 45 Menschen wurden getötet. Ihre Särge, die in der Innenstadt Xantens von einer riesigen Trauergemeinde begleitet wurden, waren nur noch mit Sand gefüllt.

Ein halbes Jahr später wurde der Betrieb angesichts der anrückenden Roten Armee nach Thüringen verlegt. In Birten blieb ein Munitionsdepot. Als die Alliierten hier näher kamen, versenkten deutsche Truppen 8000 Tonnen Munition im Altrhein. Die liegen heute noch im Schlamm.

Entschärfungskommandos der Briten schafften später nicht explodierte Munition heran und sprengten schließlich die gefüllten Lagerstätten. Ins „Haus Katharina“ zogen die Alliierten-Befehlshaber. Später betreuten Katharinenschwestern dort Kriegswaisen. 1953 wurde das Innenstadt-Krankenhaus nach Birten verlegt.

Die Wanderer lauschen dem Historiker auf der dreistündigen Wanderung gebannt. Und dieser nimmt Josef Röös in den Arm. Zum 1790. Mal pflegt der Victor-Schütze das Denkmal für die Toten des Muna-Unglücks: „Das ist unsere Geschichte.“

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