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Xanten: Bauer Quernhorst füttert 120 Kühe in seinem Stall

Xanten : Gutes Futter für gute Milch – ein  knappes Gut

„Im Märzen der Bauer“ – dieses berühmte Volkslied steht Pate für eine Serie der Rheinischen Post und der Volksbank Niederrhein. Ein Jahr lang begleiten wir Bauern aus der Region. In der sechsten Folge sind wir im Kuhstall von Ludger Quernhorst (49) aus Xanten zu Gast.

Nummer 274 ist die älteste Kuh auf dem Hof von Ludger Quernhorst. Sie wird im Dezember zwölf. „Im Schnitt leben Kühe 4,9 Jahre, bei uns sind es 5,2 Jahre“, sagt Quernhorst. Er streichelt ihren tiefschwarzen Kopf. Er blickt zufrieden drein. Nummer 274 hat ihm vor wenigen Tagen zwei Kälbchen geschenkt. Zwillinge. Ihr Rezept für ein langes Leben.

Ludger Quernhorst aus Xanten ist Milchbauer. Und Milch fließt eben nur – so hat es Mutter Natur vorgegeben – wenn Kälbchen geboren werden. „Wie beim Menschen wird dadurch die Milchproduktion in Gang gesetzt. Und wie beim Menschen gibt es auch bei Kühen zuerst die Vormilch, auch Biestmilch genannt. Danach kommt die richtige Milch“, erklärt Quernhorst. Nummer 274 gibt 8500 Kilogramm jährlich. Insgesamt hat Quernhorst 120 Milchkühe, hauptsächlich schwarz-bunte. Im Schnitt produzieren diese 10.000 Liter Milch pro Jahr. Damit liegt er obenauf. So lag die Milchleistung in Nordrhein-Westfalen bei 8977 Kilogramm im Jahr 2017. So steht es zumindest im Jahresbericht des Landeskontrollverbandes Nordrhein-Westfalen (LKV), ein staatlich anerkannter Milchkontrolldienst.

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Quernhorst ist einer von 6264 Milchvielhaltern in Nordrhein-Westfalen (Stand: 1. März 2016). „Mittlerweile sind es nur noch 5694. Im Kreis Wesel sieht es ähnlich aus. Von fast 350 Betrieben mit 29.000 Milchkühen sind jetzt nur noch gut 300 aktiv, bei gleichbleibender Anzahl von Kühen“, sagt Gerhard Hartl von der Landwirtschaftskammer NRW, Kreisstellen Kleve und Wesel. Als Berater für die Bereiche Futterbau und Milchvieh weiß er um die Sorgen und Nöte der Bauern. War es jahrelang der niedrige Milchpreis, so sind es ganz aktuell die Trockenheit und der dadurch resultierende Futtermangel sowie die Futterlagerstättenverordnung. Doch dazu später mehr.

 Im Doppelsechser-Fischgrätmelkstand werden jeden Morgen und Abend 2,5 Stunden lang die Kühe gemolken.
Im Doppelsechser-Fischgrätmelkstand werden jeden Morgen und Abend 2,5 Stunden lang die Kühe gemolken. Foto: Fischer, Armin (arfi)

Ludger Quernhorst, 49 Jahre alt, ist staatlich geprüfter Landwirt. Er führt mit derzeit fünf Teilzeitkräften in fünfter Generation den Hof, der in unmittelbarer Nähe des Naturschutzgebietes Bislicher Insel liegt. Zusammen mit seiner Lebensgefährtin Yvonne Arnold hat er zwei Kinder – Philip, sechs Jahre alt, und Henri (3). Ob sie einmal den Hof übernehmen werden, weiß er nicht. „So sehr ich meinen Beruf liebe und schätze, bei all’ den strukturellen Entwicklungen, bürokratischen Verordnungen und Vorschriften weine ich alledem hier keine Träne nach, wenn sie es nicht machen“, sagt Quernhorst.

Er schaut sich um. Das Haus stammt aus dem Jahr 1899. Dazu stehen vier Ställe auf dem Hof. Erweitern möchte er nicht mehr. „Wenn 120 Kühe mich nicht satt machen, kann irgendetwas nicht stimmen“, sagt Quernhorst. Allenfalls möchte er in moderne Technik wie in einen Melkroboter investieren, aber nur dann, wenn es mit dem Personal nicht mehr klappt. „Momentan melken wir noch jeden Tag von 5.30 bis 8 Uhr und von 16.30 bis 19 Uhr in einem Doppelsechser-Fischgrätmelkstand aus dem Jahr 2001.“

 Silage – bestehend aus Pressschnitzel, Getreide, Gras und Mais.
Silage – bestehend aus Pressschnitzel, Getreide, Gras und Mais. Foto: Fischer, Armin (arfi)

Damit liegt er derzeit noch im Trend. So nahm die Anzahl der Bestände mit bis zu 100 Kühen von 2010 bis 2016 um 2395 Betriebe ab. Dagegen ergab sich ein Plus von 522 Betrieben in der Größenklasse 100 und mehr Kühe. Das, so schreibt es die Landwirtschaftskammer NRW im Bericht „Zahlen zur Landwirtschaft in Nordrhein-Westfalen 2017“, verdeutliche den massiven Strukturwandel. Denn in diesen größeren Milchviehherden wurden 2016 im Schnitt 161 Kühe gemolken. Vornehmlich sind große Einheiten von 100 und mehr Kühen in den Kreisen Kleve mit 232 Betrieben, in Borken mit 141 Betrieben, in Wesel mit 112 sowie im Oberbergischen Kreis mit 74 Beständen angesiedelt. Dies entspricht zusammen einem Anteil von 41 Prozent aller Halter und 44 Prozent aller Milchkühe der landesweiten 1353 Höfe mit 100 und mehr Kühen.

Ludger Quernhorst hat rund 220 Tiere im Bestand – 120 Milchkühe, der Rest ist Jungvieh. Damit ist die Nachzucht gemeint. So wird aus einem Kalb nach einem halben Jahr ein Jungrind bis es im Alter von 24 bis 27 Monaten zum ersten Mal kalbt. „Dann ist es eine Färse. Wenn das Tier zum zweiten Mal kalbt, ist es eine Kuh“, erklärt Quernhorst. Um überhaupt zu kalben, wird es besamt. Wie ein Mensch trägt eine Kuh neun Monate. Sechs bis sieben Wochen vor der Geburt wird sie trocken gestellt. Das ist die wichtigste Zeit im Zyklus einer Milchkuh. In dieser Zeit werden Kuh und Euter für die folgende Laktation, also die Milchabsonderung, vorbereitet.

 Die neue Futtermittellagerstätte hat Ludger Quernhorst für 300.000 Euro errichtet.
Die neue Futtermittellagerstätte hat Ludger Quernhorst für 300.000 Euro errichtet. Foto: Fischer, Armin (arfi)

Alle weiblichen Kälbchen behält Quernhorst übrigens für seine Nachzucht, die männlichen gehen an einen Viehhändler. Nach wenigen Stunden werden sie von der Mutterkuh getrennt und in sogenannten Kälber-Iglus aufgezogen. „Im Schnitt haben wir 15 bis 20 Kälber auf dem Hof, die jeden Tag mit Vollmilch getränkt werden“, sagt Quernhorst. Und die brauchen Milch und für Milch braucht es gutes Grundfutter. Das aktuell wohl größte Problem der Landwirtschaft.

 Kuh Nummer 274 ist mit zwölf Jahren die älteste Kuh im Stall.
Kuh Nummer 274 ist mit zwölf Jahren die älteste Kuh im Stall. Foto: Julia Lörcks

Ein Blick auf die Erntebilanz 2018 des Landes Nordrhein-Westfalen klärt auf. Beim Mais wird von Ertragsrückgängen von bis zu 75 Prozent berichtet. Bei den Kartoffeln liegen die Einbußen bei bis zu 50 Prozent. Nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums hat das Land verhältnismäßig wenig Verluste bei den Getreideerträgen. Das kann Ludger Quernhorst nicht bestätigen und blickt auf ein Stück Land hinter seinem Hof, auf dem er vor wenigen Tagen Gras eingesät hat: „Auf der 2,5 Hektar großen Fläche ernte ich normalerweise acht Tonnen Getreide pro Hektar. In diesem Jahr waren es nur drei. Ein wirtschaftlicher Totalschaden.“

 Vor wenigen Tagen brachte sie zwei Kälbchen zur Welt.
Vor wenigen Tagen brachte sie zwei Kälbchen zur Welt. Foto: Julia Lörcks

Nun hofft er auf gutes Wetter. Auf Regen. Quernhorst: „Das bisschen, das wir bis jetzt gehabt haben, reicht noch lange nicht aus.“ Und auf Glück mit den Wildgänsen. „Unsere sibirischen Freunde können sich in diesem Jahr ruhig Zeit lassen. Leider ist es meist andersherum. Von Jahr zu Jahr kommen sie früher. Es gibt zwar eine Entschädigung, aber mit Geldscheinen kann ich meine Kühe nicht füttern.“

Und dann ginge es auch wieder nur ums Geld. „Subventionen, Prämien, Ausgleichszahlungen – all das kann der Normalbürger nicht nachvollziehen. Das stellt uns Landwirte in ein schlechtes Licht“, sagt Quernhorst. Er blickt dabei auf seine Fahrsiloanlage auf der anderen Seite der Straße. Insgesamt 300.000 Euro hat ihn das Ganze gekostet. „Vor vier Jahren habe ich damit angefangen und das alles nur, um der aktuellen Verordnung für Futterlagerstätten zu entsprechen.“ Das heißt: Jauche, Gülle und Sickersaft dürfen nicht ins Grundwasser gelangen.

Quernhorst hat dazu vier neue Fahrsilos gebaut, die jeweils eine zehn Zentimeter dicke Schicht Asphalt sowie eine vier Zentimeter dicke säurebeständige Schicht haben. Dazu Fertigbetonelemente und Gullis, die das kontaminierte Wasser in entsprechende Sickergruben leiten. „Natürlich alles nur geprüfte Bauteile von zertifizierten Unternehmen“, wie Hartl aus der Verordnung zitiert. Geld verdienen die Landwirte damit nicht. „Aber es ist sauberer geworden, ein schöneres Arbeiten“, sagt Quernhorst. Das kann er bestätigen.

In den vier Fahrsilos lagert er das Futter für seine Tiere. Sandwich-Silagen, bestehend aus Zuckerrüben-Pressschnitzel, Gras, Getreide und Mais. Bis auf die Zuckerrüben baut er alle anderen Feldfrüchte auf 80 Hektar Land selber an. Doch voll werden die Silos, die jeweils 1200 Kubikmeter Futter fassen können, in diesem Jahr nicht. „Dafür war die Ernte viel zu schlecht. Wir haben zwar noch Reserven, aber im nächsten Jahr wird das alles nicht ausreichen, da werden wir ordentlich Futter dazu kaufen müssen.“ Ein Glück also, dass der Milchpreis wohl steigen wird. „Momentan liegt der Grundpreis bei 31 Cent, bereits eine Molkerei hat angekündigt, zum Herbst auf 40 Cent zu erhöhen.“