1. NRW
  2. Städte
  3. Xanten

Xanten: Ärger im Rettungswesen im Kreis Wesel

Ärger im Rettungswesen : Es rumort beim Rettungsdienst

Wie ist es um den Rettungsdienst in Xanten bestellt? Dieser Frage gingen wir nach einem anonymen Schreiben nach. Darin beklagen „Mitarbeiter“ Missstände, bitten gar den Landrat um Hilfe. Vor Ort stellt sich ein anderes Bild dar, hier schiebt man den Schwarzen Peter auf den Kreis.

Um es vorwegzunehmen: Es geht um den Rettungsdienst im Kreis Wesel. Um die Männer und Frauen, die helfen, Leid lindern und Leben retten, wenn er oder sie im Notfall die 112 gewählt hat. Ein lebenswichtiges System – auch in Xanten.

Dort, in der Rettungswache am Sankt-Josef-Hospital um genau zu sein, soll jedoch ein schlechtes Arbeitsklima herrschen. So ist es zumindest in einem anonymen Schreiben an Landrat Ansgar Müller nachzulesen. Der Brief, den Mitarbeiter der Rettungswache Xanten verfasst haben sollen, liegt der Redaktion vor. Sie beklagen unter anderem hohe Krankheitsausfälle wegen Überlastung, fehlendes Vertrauen zur Verwaltung und Wachleitung sowie eine hohe Arbeitsbelastung wegen der gestiegenen Anzahl an Einsätzen. Zudem seien sie gebeten worden, zu unterschreiben, weiterhin im 24-Stunden-Dienst tätig zu sein. Damit haben wir Xantens Bürgermeister Thomas Görtz konfrontiert, der das Ganze nicht glauben will. Mehr noch: Er sagt: „Dieser Brief stammt definitiv nicht von meinen Mitarbeitern.“ Ordnungsamtsleiter Tobias Fuß und Jan Neukäter, stellvertretender Leiter der Rettungswache Xanten, pflichten ihm bei. Auch sie sagen: „Das Schreiben ist nicht echt.“

Zum Hintergrund: Träger des Rettungsdienstes in Xanten ist der Kreis Wesel, der diesen in einem sogenannten Rettungsdienstbedarfsplan regelt. Darin steht zum Beispiel, wie viele Rettungswagen an welcher Stelle vorgehalten werden müssen und wie viel Personal nötig ist. Der Rettungsdienstbedarfsplan muss alle fünf Jahre fortgeschrieben werden. Nach Angaben des Kreises Wesel stammt der jüngste aus dem Jahr 2017. Görtz spricht hingegen nur von einer „Interimslösung, die per Dringlichkeitsbeschluss beim Kreis durchgepaukt und von den Krankenkassen auch nicht anerkannt wird. Deshalb muss 2018 dringend ein neuer her“. Davor wurde wegen des Notfallsanitätergesetzes und der für 2016 angekündigten Neufassung des Rettungsgesetzes NRW sieben Jahre lang nichts getan. Das stieß auf Kritik. Wegen ungesicherter Finanzierung würden viele Träger derzeit keine Notfallsanitäter ausbilden, hieß es. Der Kreisverband des Deutschen Roten Kreuzes befürchtete Personalnot (wir berichteten).

Nach dem aktuellen Rettungsdienstbedarfsplan, der nach Angaben des Kreises derzeit durch einen externen Gutachter grundlegend überarbeitet und den aktuellen Gegebenheiten angepasst wird, gibt es sechs Rettungswachen – und zwar jeweils eine in Dinslaken, Kamp-Lintfort, Moers, Rheinberg, Wesel und Xanten. Letztere deckt das Gebiet von Xanten, Teile von Alpen und Sonsbeck ab. Das macht fast 164 Quadratkilometer und 34.500 Einwohner. Zum Vergleich: Die Rettungswache Rheinberg, die das Stadtgebiet und ebenfalls Teile von Alpen beackert, hat ein deutlich kleineres Einsatzgebiet mit knapp 100 Quadratkilometern und 39.000 Einwohnern. In Xanten arbeiten hauptamtliche Rettungsassistenten, zur Verfügung stehen ihnen zwei Rettungstransportwagen (RTW) und ein Notarzteinsatzfahrzeug (NEF). Pro Jahr gibt es ungefähr 970 Einsätze mit dem NEF, fast 1800 mit dem RTW und noch einmal 900 Einsätze mit dem Krankentransporter, der nur unter der Woche im Einsatz ist.

Das hört sich alles erst einmal gut an, doch – wie so häufig – steckt der Teufel im Detail. „Wegen hohen Ausfallzeiten und Personalnotständen beim Deutschen Roten Kreuz haben wir seit Januar 2017 damit begonnen, unsere Rettungswache komplett auf städtisches Personal umzustellen. Zum 1. Juli 2018 arbeiten nun 16 eigene Mitarbeiter für uns“, sagt Tobias Fuß und ergänzt: „Das hat dem Kreis ganz und gar nicht geschmeckt.“ Fuß stützt sich jedoch auf den immer noch gültigen öffentlich-rechtlichen Vertrag zwischen dem Kreis Wesel und der Stadt Xanten aus dem Jahr 1986. In diesem verpflichtet sich die Verwaltung, das erforderliche Personal für die Durchführung der rettungsdienstlichen Aufgaben zur Verfügung zu stellen. „Dieser Verpflichtung kommen wir gerne nach. Vorher gab es eine Zweiklassengesellschaft auf der Rettungswache in Xanten, jetzt werden alle Mitarbeiter nach dem gleichen Tarif und somit teilweise besser bezahlt“, sagt auch Görtz. Mit Zweiklassengesellschaft meint er die Mitarbeiter des Deutschen Roten Kreuzes auf der einen Seite und die Mitarbeiter des Rathauses auf der anderen Seite. Letztere hätten bessere Arbeitsbedingungen und deshalb seien DRK-Mitarbeiter gerne zur Stadtverwaltung gewechselt.

Einer davon ist Jan Neukäter. Der 31 Jahre alte Notfallsanitäter aus Voerde arbeitet seit acht Jahren auf der Rettungswache in Xanten und wollte dort auch bleiben. Also hat er seinen Arbeitgeber gewechselt. „Und zwar freiwillig, ich habe jetzt viel bessere Bedingungen als zuvor“, sagt Neukäter, der stellvertretender Wachleiter ist. Die Kritik, die in dem anonymen Schreiben geäußert wird, kann er überhaupt nicht nachvollziehen. „Die Stimmung ist gut, selbst die Krankgeschriebenen kommen regelmäßig vorbei, um sich mit den Kollegen zu unterhalten.“ Zum 24-Stunden-Dienst sagt er: „Das verstehe ich überhaupt nicht. Wir alle wollen den 24-Stunden-Dienst. Denn dadurch lassen sich Familie und Beruf viel besser vereinbaren“, sagt Neukäter, der in wenigen Tagen zum ersten Mal Vater wird. Beim Besuch auf der Rettungswache bestätigen sich diese Zeilen. Alle spreche sich für den 24-Stunden-Dienst aus. Mittlerweile liegt Bürgermeister Thomas Görtz zum diesem Thema sogar ein Schreiben vor, das alle Mitarbeiter unterschrieben haben. Auf der Wache wird gefrotzelt, was das Zeug hält, jeder Kollege wird mit einem Handschlag begrüßt. Schlechte Stimmung? Keine Spur. Mangelndes Vertrauen in die Stadt Xanten? Auch nicht. Im Gegenteil, dort bekommt vielmehr der Kreis Wesel den Schwarzen Peter zugeschoben. „Wir haben schon mehrmals darauf aufmerksam gemacht, dass der Rettungsdienstbedarfsplan überarbeitet werden muss“, sagen Fuß und Görtz unisono. So sei es zum Beispiel nicht zu verantworten, dass am Wochenende nur ein Rettungswagen in Xanten stationiert ist. „Wir haben eine Vielzahl an Veranstaltungen im Stadtgebiet. Wenn dazu noch ein Notruf aus einem Ortsteil kommt, sieht es schlecht aus“, sagt Fuß. Er verweist auf zahlreiche Protokolle, die er an den Kreis zu diesem Thema weitergeleitet hat. Ohne Erfolg.

Klaus-Peter Roelvinck, zuständiger Sachbearbeiter beim Kreis Wesel, sagt dazu: „Inwieweit die Besetzung eines weiteren Rettungstransportwagens in Xanten erforderlich ist, wird im Rahmen der aktuellen Überarbeitung des Rettungsdienstbedarfsplans gegebenenfalls festgestellt.“ Mit einer Fertigstellung wird, so Roelvinck, zum Ende des Jahres gerechnet. Andere Kreise sind da schon weiter. So wurde im Kreis Kleve zum Beispiel festgestellt, dass weitere 45 Notfallsanitäter gebraucht werden. Zu dem anonymen Schreiben selbst sagte er noch nichts. Nur so viel: „Die Vorwürfe zur Rettungswache Xanten liegen mir soeben erst vor. Ich habe die Angelegenheit aufgegriffen und werde die angesprochenen Dinge zeitnah prüfen.“