Neues Ausstellungsstück Siegfriedmuseum zeigt „Versenkung des Nibelungenschatzes im Rhein“

Xanten · Das Siegfriedmuseum in Xanten ist nach einer erfolgreichen Schatzsuche an ein Wandbild aus den 1930er Jahren gelangt. Es zeigt eine der bekanntesten Szenen aus dem Nibelungenlied: die Hortversenkung im Rhein.

Siegfriedmuseum Xanten zeigt die „Versenkung des Nibelungenschatzes“​
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Siegfriedmuseum Xanten zeigt die „Versenkung des Nibelungenschatzes“

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Foto: SiegfriedMuseum Xanten/Christoph van Leyen

Eine der meistgestellten Fragen im Siegfriedmuseum Xanten ist die Frage nach dem Verbleib des Nibelungenschatzes. Museumsleiterin Anke Lyttwin antwortet dann: „Der Schatz ist hier.“ Im Museum. Allerdings hat sie ein anderes Verständnis davon als diejenigen, die nach Gold und Juwelen suchen. Lyttwin sieht das Nibelungenlied und dessen Wirkungsgeschichte als Schatz, und genau darum geht es im Museum. Der Besucher erfährt also, „was dieses Werk ausgelöst hat“, erklärt Lyttwin. Wie die Sage über Jahrhunderte weitererzählt und wie sie instrumentalisiert wurde.

Seit dem Frühjahr kann das Siegfriedmuseum die Wirkungsgeschichte des Nibelungenliedes mit einem weiteren Ausstellungsstück erzählen – und dieses Ausstellungsstück ist selbst ein Schatz, auch wenn er ebenfalls nicht aus Gold und Juwelen besteht, sondern aus Fliesen und Putz. Es ist ein fünf mal zwei Meter großes Keramikwandbild des Künstlers Gustav Heinkel, das die „Versenkung des Nibelungenschatzes im Rhein“ zeigt. Jahrelang lag es in Einzelteilen in einem Archiv. Vielleicht wäre es dort irgendwann vergessen worden. Stattdessen aber „ist der Schatz wieder sichtbar“ sagt Lyttwin.

Die Geschichte, wie das Siegfriedmuseum an das Wandbild gekommen ist, erinnert sie an eine Schatzsuche – nur mit dem Unterschied, dass diese Schatzsuche erfolgreich ausging, anders als die Suche nach dem Nibelungenschatz bisher.

Die Suche nach dem Wandbild begann vor einigen Jahren, wie Lyttwin berichtet. Und diese Suche hat eine Vorgeschichte. Von Dezember 2003 bis März 2004 zeigte das badische Landesmuseum im Karlsruher Schloss eine Ausstellung zum Nibelungenlied und veröffentlichte einen Katalog dazu. Diesen Katalog schaute sich einige Jahre später der Nibelungen-Experte Prof. Gunter Grimm an. Darin stieß er auf eine Foto-Reproduktion der „Hortversenkung“. Also begann er zu recherchieren, wo das Original geblieben war. Ende 2020 erschien auf seiner Webseite Nibelungenrezeption.de ein Artikel darüber.

Bei den Recherchen sei herausgekommen, dass die „Hortversenkung“ in der Rheinkaserne in Knielingen gehangen habe, zusammen mit drei weiteren Wandbildern von Gustav Heinkel, berichtet Lyttwin weiter. Der Künstler habe sie zwischen 1936 und 1938 angefertigt. Es sei ein staatlicher Auftrag der NS-Regierung an die Karlsruher Majolika-Manufaktur gewesen. Nach dem Zweiten Weltkrieg hätten die US-Streitkräfte die Kaserne übernommen. 1995 seien die Amerikaner abgezogen. Einige Jahre später sei das Militärgelände von einer Tochterfirma der kommunalen Wohnungsbaugesellschaft Volkswohnung gekauft worden. Sie habe die Gebäude abgerissen. Auf dem Gelände sei ein Wohngebiet entstanden. Und die Wandbilder?

Das Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg habe auf Grimms Nachfrage Entwarnung geben können, erklärt Lyttwin. Die Wandbilder stünden unter Denkmalschutz. Sie seien fachmännisch abgebaut, vorausschauend nummeriert und im Verwaltungsgebäude der Volkswohnung eingelagert worden. Da eines der Wandbilder die „Hortversenkung“ zeigt, sei die Idee entstanden, es im Siegfriedmuseum auszustellen. Die zuständigen Behörden, das Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg sowie die beiden Denkmalschutzbehörden in Karlsruhe und Xanten, hätten den Transfer an den Niederrhein genehmigt, allerdings unter der Auflage, dass alle vier Bilder zusammenbleiben. Die Volkswohnung habe sie dem Siegfriedmuseum in Form einer Schenkung übertragen.

Dann habe der Transport und der Aufbau des Bildes im Siegfriedmuseum finanziert werden müssen, erklärt Lyttwin. Der Förderverein Siegfriedmuseum-Nibelungen(h)ort Xanten habe mit einer „großzügigen Summe“ geholfen. Mit der Künstlerin Christel Verhalen aus Kalkar sei eine „ausgewiesene Spezialistin“ gefunden worden, die das Wandbild aufgebaut habe. Geholfen habe, dass die Einzelteile durchnummeriert gewesen seien. Eine Herausforderung habe darin bestanden, dass die Fliesen unterschiedlich groß, dick und schwer gewesen seien. An einigen habe noch Putz gehangen, an anderen nicht. Die Stücke seien dann Schicht für Schicht platziert worden. „Vom ersten Handgriff bis zur Versiegelung dauerte es fast acht Wochen, bis das Werk vollbracht war“, berichtet Lyttwin. Sie dankt allen, die daran beteiligt waren. Die anderen drei Wandbilder liegen gut verpackt im Archiv.

Nun ist das Siegfriedmuseum um eine Attraktion reicher, wie die Leiterin sagt. Das Wandbild zeige eine der bekanntesten Szenen aus dem Nibelungenlied: Am felsigen Ufer stehend, befiehlt Hagen von Tronje die Versenkung des Nibelungenschatzes in den Rhein. Das Spektakel vor dem Wormser Dom wird von geharnischten Rittern überwacht. Zeitgleich zieht der Tross der Burgunden gen Osten zum Hof von König Etzel. „Das Rheingold entschwindet im Fluss und man kann nur tatenlos zusehen“, schreibt Lyttwin in einer Erklärung zum Wandbild.

Obwohl das Bild im Auftrag der NS-Regierung zwischen 1936 und 1938 entstand, und obwohl die Nazis das Nibelungenlied für ihre Propaganda missbrauchten, sei das Wandbild konsequent in der Bildsprache des Art déco gehalten, einer Stilrichtung vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die 1920er Jahre hinein, erklärt Lyttwin. Gustav Heinkel habe sich also nicht der damals herrschenden NS-Ideologie angebiedert. Dafür „kann dem Künstler aus heutiger Perspektive nicht genug Respekt entgegengebracht werden“, sagt die Museumsleiterin.

Heinkel erlebte nicht mehr, was aus seinen Wandbildern wurde: Im Herbst 1944 sei er von der Wehrmacht eingezogen worden, im Januar 1945 habe sich seine Spur in Polen verloren. Seither gelte er als vermisst. Er sei nur 38 Jahre alt geworden und habe zwei Söhne hinterlassen. Sie seien inzwischen ebenfalls gestorben. Der jüngere Sohn habe sich gewünscht, dass die Werke des Vaters wieder der Öffentlichkeit gezeigt würden, hat Lyttwin erfahren. Sie hätte ihn gern zur offiziellen Eröffnung des Wandbildes – der Termin steht noch an – eingeladen. Aber er sei 2021 gestorben.

 Das fünf mal zwei Meter große Wandbild war vor einigen Jahren in viele Einzelteile zerlegt worden. Jetzt wurde es im Siegfriedmuseum Xanten wieder zusammengefügt. Es zeigt die „Versenkung des Nibelungenschatzes im Rhein“ und stammt von Gustav Heinkel. Hagen von Tronje ist am Flügelhelm zu erkennen.

Das fünf mal zwei Meter große Wandbild war vor einigen Jahren in viele Einzelteile zerlegt worden. Jetzt wurde es im Siegfriedmuseum Xanten wieder zusammengefügt. Es zeigt die „Versenkung des Nibelungenschatzes im Rhein“ und stammt von Gustav Heinkel. Hagen von Tronje ist am Flügelhelm zu erkennen.

Foto: SiegfriedMuseum Xanten/Christoph van Leyen

Zurück zum Nibelungenschatz. Kann im Wandbild ein Hinweis versteckt sein, wo er liegen könnte? Lyttwin winkt ab. Wenn es den Schatz gegeben haben sollte, müsste er um 500 versenkt worden sein, und seitdem habe der Rhein seinen Lauf mehrfach geändert, erklärt sie. Aber für sie ist die Suche auch beendet. „Der Schatz ist hier.“

(wer)