Xanten: Willkommen im "normalen" Schandfleck

Xanten: Willkommen im "normalen" Schandfleck

Im Stationsbericht des Verkehrsverbundes Rhein-Ruhr schneidet Xantens Bahnhof schlecht ab. Ein "nicht akzeptables Erscheinungsbild" urteilten die Tester. RP-Volontär Philipp Jacobs hat sich als Nicht-Xantener ein Bild gemacht.

"Modernisierung erforderlich, Finanzierung nicht gesichert". So lautet das Urteil des diesjährigen Stationsberichts des Verkehrsverbundes Rhein-Ruhr (VRR) über den Xantener Bahnhof. Freilich kein anmaßendes Urteil, es entspricht der Wahrheit. Bahnhöfe und Flughäfen haben nun mal die Eigenheit, dass sie häufig das Erste sind, was Besucher von einer Stadt zu Gesicht bekommen.

Wer in Xanten aus dem Zug steigt, findet sich vor einem rot-braunen Backstein-Bau wieder. Mit seinen Eisengittern vor den Fenstern erinnert das Bahnhofs-Gebäude an eine Zweigstelle der JVA Geldern. Die Gitter sind Überbleibsel aus der Zeit, in der die Deutsche Bahn noch den Bahnhof ansteuerte. Wegen zurückgehendem Pendlerverkehr zog sich die Bahn 2009 jedoch zurück. Seit Dezember 2009 hat die NordWestBahn (NWB) die Nahverkehrsleistungen auf der Strecke Duisburg und Xanten übernommen. Die NWB hatte die Ausschreibung des Niers-Rhein-Emscher-Netzes gewonnen. "Wir sind jedenfalls froh um die Gitter", erzählt mir eine der beiden Fahrkartenverkäuferinnen. Zu mancher Stunde könne es schon mal heikel werden. Die Gitter sind trotzdem hässlich.

Über die Sauberkeit kann ich an diesem Tag nicht meckern. Bis auf die üblichen Kaugummis, die auf jedem Bahnsteig dieser Welt kleben, ist nichts auszusetzen. Vor dem Eingang zum Café "Cafedo" ärgert mich ein Zettel dann jedoch umso mehr: "Keine öffentlichen Toiletten, Toilettengebühr 50 Cent". In Zeiten, in denen mobiles Internet so teuer ist wie ein gebrauchtes Buch, ist das frech. Apropos mobiles Internet: Den Telekom Hotspot entdecke ich als Smartphone-Nutzer schnell, doch scheitere ich rasch, als es heißt: bitte einmal registrieren.

Während das Bahnhofs-Gebäude als solches gar nicht so schrecklich aussieht, ist es eher das Umfeld, das einen negativen Eindruck hinterlässt. So wurde es zuletzt auch von der Xantener CDU beschwört. Der Ortsverband Mitte macht sich für die Aufhübschung des Umfelds stark. Die FBI sieht das Problem auch und fordert zudem eine öffentliche Toilette.

Das Trafohäuschen ist beklebt mit zahlreichen Postern, die wiederum auf alten Postern kleben. Die Ecken sind nahezu alle abgerissen - eine Vorliebe von Halbstarken.

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An den Ständern am Fahrradunterstand hängen teilweise alte Drahtesel an Kettenschlössern wie tote Pferde an ihren Pfählen. Bei einem verrosteten Fahrrad ist der Lenker verbogen, die Gabelung gebrochen. Die Fahrradboxen sind so neben den Dächern positioniert, dass Regenwasser an den Rändern hinunterläuft. Überall hat sich Moos wie ein grüner Teppich ausgebreitet.

Die Boxen selbst sind mit grünen Graffitis besprayt. Mit schwarzem Edding sind Sprüche aufgemalt - die Kreativität dahinter reicht von verletzend bis schwachsinnig. Ein Anwohner ärgert sich ebenfalls: "Wenn der Erste 'Fuck you' schreibt, ist die Hemmschwelle für den Nächsten geringer." In meiner Kölner Studienzeit kam es oft vor, dass den Jugendlichen erlaubt wurde, Teile von Bahnhöfen mit Graffitis zu besprayen, eben kunstvoll, nicht im Verbotenen, mit Unterstützung der Stadt. Jede Fahrradbox (deren Rot ohnehin nicht die schönste Farbe ist) wäre plötzlich einzigartig und kein hässliches Entlein mehr. Aber vor solchen Initiativen scheuen sich viele Städte. In gewisser Hinsicht auch verständlich, doch was hätte man jetzt eigentlich zu verlieren? Die Jukuwe hat doch guten Kontakt zu Graffitis-Künstlern.

Allerdings: Xanten verdient Lob. Zwar gelten Bahnhöfe als Eingangstor zu einer Stadt, doch wenn dem so sei, müsste Xanten eine semi-einladende Stadt sein. Stattdessen wird man als Nicht-Xantener in jedem Geschäft, bei jedem Pressetermin, sogar teils auf der Straße freundlich angesprochen. Die kleine, offene Stadt ist herzenslieb. Ins Gespräch kommt man ohne Skrupel. Der Bahnhof schadet Xanten nicht, er wird der Stadt "nur" nicht gerecht. Doch alle Bahnhöfe meiner Kindheit waren schrecklich. Wenn sich Städte künftig nur noch an ihrem Bahnhof messen lassen würden, könnten auch Welt-Metropolen einpacken.

Sollten in der Stadtkasse hingegen noch einige Euros ungenutzt liegen bleiben, würde eine kleine Investition in das Bahnhofsumfeld sicher nicht schaden.

(RP)
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