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Verschickungskind erinnert sich: „Ich bekam erstmal ein paar Ohrfeigen“

Erinnerungen eines Verschickungskindes vom Niederrhein : „Ich bekam erstmal ein paar Ohrfeigen“

Nach dem Zweiten Weltkrieg und auch später noch wurden viele Mädchen und Jungen zur Kur geschickt. Verschickungskinder wurden sie genannt. Die einen haben gute Erinnerungen, die anderen nicht. So wie dieser Leser.

Nachdem sich mehrere Menschen aus der Region in unserer Zeitung daran erinnert haben, welche Erfahrungen sie als Verschickungskind in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg machten, hat sich ein weiterer Leser gemeldet und seine Erinnerungen aufgeschrieben. Seinen Bericht schickte er unserer Redaktion, verbunden mit der Bitte, über die Kinderverschickung zu berichten, ohne seinen Namen zu nennen.

Wie er schrieb, wurde er im August 1949 im Alter von fünf Jahren zur Kur in das Haus Warteberg in Bad Sachsa im Harz geschickt. „Ich kann mich nicht mehr an alles erinnern, aber einige Vorgänge sind bis heute im Gedächtnis verblieben.“ Er sei zur Kur geschickt worden, weil er zu dünn gewesen sei und häufig Erkältungen im Nasen-Nebenhöhlen-Bereich und den Bronchien gehabt habe. „Da ich wenig Hunger hatte, bekam ich bei Verweigerung der Nahrungsaufnahme erstmal ein paar saftige Ohrfeigen und Schläge auf die Finger“, berichtet der Mann. Er sei angebrüllt worden. „,Du, iss den Teller auf!“ Nach der erzwungenen Nahrungsaufnahme „musste ich mich in die Zimmerecke stellen“. Das habe er wiederholt erlebt. „Seitdem kann ich Gries- und Linsensuppe bis heute nicht mehr essen.“

Am 21. August 1949 habe er Geburtstag gehabt und von seinen Eltern ein Päckchen mit Süßigkeiten bekommen. „Außer einem Riegel Blockschokolade wurde der Rest vom Personal aufgezehrt mit der Bemerkung, dass die Sachen sehr gut schmecken würden.“

Nach dem Mittagessen sei Ruhezeit gewesen. Man habe auf einer Pritsche in einer offenen Veranda gelegen, wobei vom Teerdach bei Sonneneinwirkung dicke Teertropfen auf den Körper tropften, was sehr schmerzhaft gewesen sei, erzählt der Mann. Ihm sei gesagt worden, dass er sich nicht so anstellen solle. „Abends nach dem Essen musste man Stuhlgang haben und bekam zur Säuberung eine halbe Seite Zeitungspapier“, berichtet der Mann weiter.

Die Gewichtszunahme habe an erster Stelle gestanden. Am Ende der sogenannten Kur seien sie nackt einer Art Doktor vorgestellt worden, „der außer, dass er mich betrachtete, lediglich meine Vorhaut zurückschob“, erinnert sich der Mann an die Zeit im August 1949. „Mit einem ,Hm, Hm’ war die Untersuchung dann beendet.“

Sicherlich gebe es gegenteilige Berichte. „Aber die vielen negativen Erlebnisse haben bei den Betroffenen Traumata hinterlassen, die bis heute noch nachwirken.“ Daher freue er sich über den Leserbrief von Barbara Kleinpaß sowie über die Ankündigung aus der Politik und von einer Betroffenen-Initiative, dass eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Kinderverschickung geplant sei. „Hierzu will ich meinen Beitrag leisten.“

Barbara Kleinpaß aus Xanten hatte sichKostenpflichtiger Inhalt in einem Leserbrief bei Maria Ehren für deren Mut bedankt, über ihre Erlebnisse in den 1950er Jahren als Verschickungskind zu berichten. Auf Ehrens Schilderungen hatten weitere Leser mit Berichten aus ihrer Verschickungszeit reagiert. Einige betonten, sie hätten nur gute Erinnerungen.

(wer)