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Upcycling-Workshop in Xanten: Klimaschutz geht auch an der Nähmaschine

Upcycling-Workshop in Xanten : Klimaschutz an der Nähmaschine

Im Upcycling-Workshop der Stadt wurden aus alten Sachen wie Hemden und Röcke neue Kleidungsstücke hergestellt. Die Resonanz auf das Angebot von Klimaschutzmanagerin Lisa Heider war ausgezeichnet.

Lebendige Geschäftigkeit herrscht im lichtdurchfluteten Eingangsbereich im Haus der Begegnung an der Karthaus. Neun Frauen sitzen an Tischen. Jede hat vor sich eine Nähmaschine. „Jung, dynamisch, jung geblieben“, antwortet eine Frau auf die Frage nach dem Alter der Teilnehmerinnen des Upcycling-Workshops, den die Klimabeauftragte der Stadt, Lisa Heider, organisiert hat. „Aus Alt mach Neu“ lautet die Devise an den beiden Nachmittagen, die für den Workshop angesetzt sind. Ihre eigene Nähmaschine, Kurzwaren, Stoffe oder ausrangierte Kleidungsstücke haben die Frauen von zu Hause mitgebracht.

Eine von ihnen ist Ruth Hampf-Biebersdorf aus Kamp-Lintfort. Die 54-Jährige ist gerade dabei, sich aus einem alten rot-karierten Baumwoll-Hemd einen Hut zu nähen. „Das wird ein Sommerhut.“ Der soll, wenn er fertig ist, genauso aussehen wie ihr schwarzer, wasserfester Schlapphut, den sie vor einiger Zeit gekauft hat und der jetzt Modell steht. Oder besser: liegt. Sicher, sie könnte den Hut auch zu Hause nähen. Aber dann könnte sie sich keine neuen Ideen holen, sich nicht mit anderen Näherinnen austauschen oder eine der drei Frauen um Rat bitten, die langjährige Erfahrung mit Nadel, Faden und Schnittmustern haben.

 Klimaschutzmanagerin Lisa Heider probiert die Länge des Tragegurts bei einer schicken Tasche, die aus einem alten Jeansrock genäht worden ist.
Klimaschutzmanagerin Lisa Heider probiert die Länge des Tragegurts bei einer schicken Tasche, die aus einem alten Jeansrock genäht worden ist. Foto: Ostermann, Olaf (oo)
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Ruth Hampf-Biebersdorf hat schon einmal einen Nähkurs besucht, im Haus der Familie in Kamp-Lintfort. „Mein erstes Werk war eine Hose. Ohne Reißverschluss, mit seitlichen Taschen und einem Gummizug am Bund.“ Die Hose habe vorne und hinten nicht gesessen, sagt sie und lacht. Ihr gefällt die schöne Atmosphäre im Haus der Begegnung. Wie alle Näherinnen geht sie zwischendurch immer mal wieder an den Nachbartisch oder zur Theke, um sich eine Tasse Kaffee einzuschenken oder ein Stück Kuchen vom Blech zu holen. Den hat die Klimabeauftragte gebacken, zusammen mit ihrer Nachbarin Margret Remen, die wie Petra Langenberg zu den drei erfahrenen Näherinnen gehört, die Hilfestellung geben, wenn die ein oder andere nicht mehr so recht weiter weiß.

Zwei Tische weiter sitzt Konny Heller aus Vynen an ihrer Nähmaschine. Sie hat aus einem alten Jeans-Rock „mal eben“ eine Tasche gemacht, mit Innenfutter und -taschen. Jetzt braucht sie nur noch einen Umhängegurt. „Vielleicht nehme ich den hier“, überlegt sie und zeigt auf den Ledergürtel mit Nieten, den sie mitgebracht hat, genau wie die Bluse aus schwarzer Seide. Die hat sie kurzerhand unter den Armen abgeschnitten. Aus dem unteren Teil der Bluse will sie sich einen „Unterzieher“ nähen, 37 Zentimeter lang, mit Gummizug in der Taille. Der guckt schön unter jedem T-Shirt hervor und kaschiert dezent Problemzonen an Bauch, Po und Hüfte.

An einem anderen Tisch arbeitet eine der drei erfahrenen Näherinnen, die viele Jahre im westfälischen Oelde gelebt hat, 2014 mit ihrem Mann nach Xanten gezogen ist und für ihr Leben gerne quiltet. Aus Stoffresten, die sie von Freundinnen geschenkt bekommt, hat sie im Haus der Begegnung etwa 7,5 Zentimeter lange farbenfrohe und mit schönen Kindermotiven versehene Quadrate geschnitten, die sie patchwork-artig zusammennäht.

Die so entstandene Decke verbindet sie dann mit Volumenflies und einem Unterstoff. 70 mal 70 Zentimeter groß wird die Decke, die sie mit weiteren Decken wie so oft schon nach Leopoldshafen schicken wird. Adressat ist eine Frau, die diese Decken in drei Kliniken zu Frühchen-Stationen bringt. Seit 2006 näht sie Patchwork-Decken für Babys, die zu früh auf die Welt gekommen sind.

Sie strickt auch Socken für Menschen in Rumänien, näht Herzkissen für Brustkrebs-Patientinnen. „Acht Stunden Charity-Nähen“ nennt sie ihr Hobby. Geld will die Xantenerin dafür nicht haben, ein Dankeschön reicht ihr. Zurzeit näht sie daheim „XanTaschen“, Taschen für den Teeladen Xantee an der Klever Straße. „Ich verwerte, was mir an Baumwollstoffen in die Finger kommt“, sagt sie und lacht.

Genau wie Erika Althoff und Tanja Doeren. Die beiden kennen sich von der Arbeit, engagieren sich beim Repair-Café in Bocholt. Im Haus der Begegnung haben sie ein Schnittmuster für kleine Stoffhasen entdeckt. Die eine schneidet die Stoffe – eine Tischdecke und einen Pullover – zurecht, die andere näht daraus die Häschen, die dann mit Watte gefüllt werden. Zwei davon sind für das Zwillingspärchen, das die Tochter des Lebensgefährten von Erika Althoff im Juli erwartet. Sie legt den Hasen, den sie gerade füllt, kurz beiseite und holt ihr Handy aus der Tasche. „Diese Kissen und Mitteldecken haben wir aus Corona-Masken genäht“, erläutert sie die Fotos. Von einer Firma, die die weißen Masken hergestellt hat, haben sie eine ganze Palette geschenkt bekommen.

Experiment gelungen: Lisa Heider, die Frau, die im Rathaus das Klima managt, ist zufrieden mit der Resonanz auf den Upcycling-Workshop, den sie auf Anregung der Dame mit den Patchwork-Decken organisiert hat. Jeweils neun Frauen hatten sich für einen der beiden Tage angemeldet – halt, stopp: Am Sonntag war auch ein Mann dabei. Die meisten hätten über die Zeitung davon erfahren, erzählt sie. Am kommenden Samstag fährt Klimaschutzmanagerin Heider mit Interessierten nach Bocholt zum Repair-Café. Denn das könnte sie sich auch für Xanten vorstellen.

(jas)