Stolpersteine in Xanten verlegt NS-Opfer bekommen wieder einen Namen

Xanten · Über das Schicksal jüdischer Menschen in Xanten liegen neue Erkenntnisse vor. Deshalb sind weitere Stolpersteine verlegt worden. Sie erinnern an Frauen, Männer und Kinder, die von den Nazis drangsaliert, verfolgt, deportiert oder ermordet wurden.

 Gunter Demnig war extra aus Hessen angereist, um die zehn Stolpersteine in Xanten zu verlegen. Der städtische Dienstleistungsbetrieb hatte die Stellen in den Bürgersteigen dafür vorbereitet. Schülerinnen und Schüler des Stiftsgymnasiums und der Marienschule lasen dazu Texte vor und erinnerten damit an die Menschen, die hier früher lebten.

Gunter Demnig war extra aus Hessen angereist, um die zehn Stolpersteine in Xanten zu verlegen. Der städtische Dienstleistungsbetrieb hatte die Stellen in den Bürgersteigen dafür vorbereitet. Schülerinnen und Schüler des Stiftsgymnasiums und der Marienschule lasen dazu Texte vor und erinnerten damit an die Menschen, die hier früher lebten.

Foto: Armin Fischer (arfi)

In Xanten wird seit dem Wochenende an weitere zehn Opfer der NS-Zeit erinnert. Dafür verlegte der Künstler Gunter Demnig am Samstag sogenannte Stolpersteine an der Marsstraße, der Scharnstraße und an der Ecke Südwall / Orkstraße. Auf ihnen stehen die Namen und Lebensdaten von Menschen, die in Xanten wohnten und die in den 1930er Jahren ihre Heimatstadt verlassen mussten, weil sie von den Nazis drangsaliert wurden und um ihr Leben fürchten mussten oder von ihnen in ein Konzentrationslager gebracht und ermordet wurden.

Die Stolpersteine bestehen aus einer Messingtafel auf einem etwa zehn mal zehn mal zehn Zentimeter großen Betonwürfel. Meistens werden sie vor den letzten frei gewählten Wohnhäusern der Frauen, Männer und Kinder in den Boden vor dem Gebäude eingesetzt. Sofern die letzte Anschrift nicht bekannt ist, werden die Stolpersteine an zentralen Orten in der Stadt verlegt. Deshalb wurde am Samstag zum Beispiel die Ecke Südwall / Orkstraße für einen Stein gewählt.

Mit dieser Form des Gedenkens hat Demnig 1992 begonnen. Seitdem seien europaweit schon mehr als 96.000 Stolpersteine in 31 Ländern verlegt worden, berichtete der Künstler. Im Laufe des nächsten Jahres werde wahrscheinlich die Marke von 100.000 überschritten. Anfangs hätten ihm Menschen von diesem Gedenken abgeraten, weil es viele angeblich nicht mehr hören wollten. Aber es kämen auch heute noch so viele Anfragen, dass er an 270 Tagen im Jahr unterwegs sei, um Stolpersteine zu verlegen. Am Samstag fuhr er dafür noch in eine weitere Stadt.

In Geschichtsbüchern könne nachgelesen werden, dass neben vielen anderen Menschen etwa sechs Millionen Juden von den Nationalsozialisten und ihren Helfern ermordet worden seien, sagte Demnig. Aber das sei eine abstrakte Zahl. Durch die Stolpersteine würden die Menschen dagegen von den einzelnen Schicksalen erfahren. Die Opfer erhielten einen Namen. Junge Leute stünden vor den Messingtafeln, rechneten nach und stellten fast, dass es um Menschen gehe, die genauso alt wie sie gewesen waren, als sie flüchten mussten oder ermordet wurden. Oder dass sie so alt wie ihre Großeltern heute waren. Er bekomme auch Nachrichten von Angehörigen der NS-Opfer, die zu den Stolpersteinen führen. Er habe auch schon Familientreffen vor Ort erlebt. Er sei sehr emotional gewesen. Viele Tränen seien geflossen.

 An der Marsstraße 65 wurden vier der zehn Stolpersteine verlegt.

An der Marsstraße 65 wurden vier der zehn Stolpersteine verlegt.

Foto: Armin Fischer (arfi)

In Xanten sind 2006 und 2007 schon Stolpersteine verlegt worden. Seitdem hätten sich neue Erkenntnisse ergeben, berichtete Wolfgang Schneider von der Eine-Welt-Gruppe Xanten. Durch die Recherchen der Autorin von Christiane E. Müller über den jüdischen Friedhof in Xanten lägen neue Informationen über NS-Opfer in der Stadt vor, sodass weitere zehn Stolpersteine verlegt würden. Im nächsten Sommer sollen noch einmal zwei hinzukommen. Dann werden insgesamt 46 Messingtafeln in Bürgersteigen an Xantener NS-Opfer erinnern. Die Eine-Welt-Gruppe hat die Schirmherrschaft der Initiative Stolpersteine in Xanten übernommen.

Ein Schwerpunkt des Gedenkens am Samstag war die Marsstraße, wo bis in die 1930er Jahre die jüdischen Familien Seldies und Oster wohnten. Was sie damals erlebten, berichteten Schülerinnen und Schüler des Stiftsgymnasiums und der Marienschule. Die Jugendlichen hatten dafür in Aufzeichnungen und Augenzeugenberichten recherchiert, die zu den beiden Familien vorliegen. Es sind bedrückende und erschütternde Berichte.

So schrieb Carl Oster zum Beispiel in einem Brief an Willi Fährmann im Jahr 1965, dass die Familie zu den Nachbarn ein gutes Verhältnis gehabt habe. Nach der Machtübernahme der Nazis 1933 hätten sich zwei Nachbarn dagegen „sehr schnell“ distanziert. 1936 habe die Familie nach Palästina ausreisen wollen, sei aber von der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) der Nazis festgehalten und erpresst worden, und erst als sie 48.000 Mark gezahlt habe, seien sie aus dem Land gelassen worden. Angehörige von ihnen starben im Konzentrationslager Theresienstadt.

(wer)
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