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St.-Anna-Schützen Sonsbeck-Balberg denken nach Jubiläum über Fusion nach

St.-Anna-Schützenbruderschaft Sonsbeck-Balberg : Nach 400 Jahren im Aufbruch

Die Corona-Pandemie hat der St.-Anna-Schützenbruderschaft Sonsbeck-Balberg einen Strich durch die Pläne zum Jubiläum gezogen. Doch der Traditionsverein sieht sich mit einer weit größeren Herausforderung konfrontiert. Der fehlende Nachwuchs zwinge zum Umdenken, sagt Brudermeister Lothar Willemsen. Ein externer Berater soll helfen. Auch eine Fusion ist nicht ausgeschlossen.

Mit gütigen Augen blickt die Heilige Anna auf ihre jugendliche Tochter Maria nieder. Auf dem Schoß der Großmutter Jesu liegt ein aufgeschlagenes Buch, ein Zeichen der Offenheit, des Wissensdurstes und der Weisheit. Die neue Fahne der St.-Anna-Schützenbruderschaft Sonsbeck-Balberg, die anlässlich des 400-jährigen Bestehens des Vereins entstanden ist, versinnbildlicht, wie viel die Jugend von den Alten lernen kann. Das Jubiläum stand eigentlich schon im vorigen Jahr an, doch die Corona-Pandemie erlaubte keine Feste. Die geplante Rom-Wallfahrt musste abgesagt werden, ebenso der Jubiläumsball wie überhaupt das ganze Schützenfest mit Kirmes im Juli. Jetzt zumindest wurde die Fahnenweihe bei einem Festgottesdienst vor der Gerebernus-Kapelle nachgeholt.

Doch weit mehr als die Pandemie belastet die Schützengemeinschaft, dass ihnen die Jugend wegbleibt, an die sie wie ihre Patronin Wissen weiter vermitteln könnte. Der Brudermeister Lothar Willemsen sieht dafür mehrere Gründe: die abnehmende Bereitschaft, ehrenamtlich tätig zu werden, zum Beispiel. Aber auch festgefahrene Strukturen. Und da nimmt er die Bruderschaft selbst in die Pflicht.

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„In vielen Städten wiederholt sich einmal jährlich das Bild: Der Brudermeister empfängt die Majestäten der verschiedenen Schützenbruderschaften. Man feiert zusammen und befindet, wie toll das Fest war“, sagt Willemsen, um im gleichen Atemzug zu ergänzen: „Aber von Jahr zu Jahr wiederholt sich die Klage, dass immer weniger jüngere Menschen für Glaube, Sitte, Heimat im Schützenverein Verantwortung übernehmen möchten.“

In der Sonsbecker Bruderschaft sind 61 Prozent der Mitglieder älter als 60 Jahre. Ehrungen für 40-, 50-, oder gar 60-jährige Mitgliedschaft sind keine Seltenheit mehr. Im Gegenzug komme von unten nichts mehr nach, wie Willemsen sagt. Man sei froh, wenn sich überhaupt noch jemand finde, der Schützenkönig werden möchte. Gleiches gelte für die Vorstandsarbeit. „Man beklagt, aber man reagiert nicht oder nicht rechtzeitig genug“, gibt der Brudermeister zu bedenken.

Er betont, dass es wichtig sei, an Traditionen festzuhalten. „Wir müssen aber immer beachten, nicht aus der Zeit zu fallen“, relativiert Willemsen. Die Satzung der St.-Anna-Schützen sei bewusst offen gehalten und erlaube jedem, Mitglied zu werden sowie die Königswürde zu erringen, gleich welchen Geschlechts, welcher Konfession, Herkunft oder sexueller Orientierung, solange die Person sich den christlichen Werten verpflichtet fühlt. Die Realität sieht allerdings anders aus: Unter den 55 St.-Anna-Mitgliedern ist keine einzige Frau. Noch nie in der 400-jährigen Geschichte des Vereins hat es ein weibliches Mitglied, noch eine Schützenkönigin gegeben. Bis in die Neuzeit auch nicht gewollt, wie Willemsen sagt. Die Mitgliedschaft sei im Schützenverein doch immer noch weitverbreitet eine Männerdomäne. Der Brudermeister findet das überdenkenswert, zumal viele Ehefrauen der Mitglieder sehr engagiert seien und etwa die Aufbauarbeiten vor Festen mitstemmten. „Der Verein hat schon immer von der Mithilfe der Frauen gelebt“, sagt Willemsen. „Aber es läuft ein bisschen nach dem Motto: Die Frauen machen die Arbeit, die Männer haben das Vergnügen.“

Nach Ansicht des Brudermeisters müsse auch bei dem Leitspruch „Glaube, Sitte, Heimat“ die gesellschaftliche Entwicklung stärker berücksichtigt werden. Wenn rund ein Viertel der Bundesbürger einen Migrationshintergrund haben, „dann gewinnt die Vokal ‚Heimat’ eine neue Bedeutung“, so Willemsen. Viele Vereine täten sich aber schwer damit, wenn etwa ein türkischstämmiges Mitglied Schützenkönig wird. Als Hürde gelte der muslimische Glauben. Willemsen plädiert hingegen dafür, Glauben vielmehr als Wertegemeinschaft zu interpretieren. Und die Werte seien sich nicht unähnlich.

Bedauerlich findet es der Brudermeister, wenn Schützenvereine von Außenstehenden als „Saufgemeinschaften“ wahrgenommen werden oder – noch schlimmer – mit Attentaten wie in Winnenden verbunden werden. Willemsen hebt die hohen Sicherheitsauflagen an den Schießständen sowie bei der Aufbewahrung der Gewehre hervor. Für ihn bedeutet das Wirken in einem Schützenverein, Menschen zusammenzubringen, die Gemeinschaft zu genießen, aber auch, sich der Nächstenliebe durch soziales Engagement zu widmen. So richtete die Bruderschaft beispielsweise das Gerebernus-Fest aus, was sie mit anderen Vereinen gerne wiederbeleben will. Bei Dorf­aktionstagen hilft sie ebenfalls mit und bietet bei Heimatabenden ein buntes Bühnenprogramm. Der Begriff Sitte bedeute zudem, die Erinnerung an das Althergebrachte zu bewahren. „Dazu zählt es unter anderem auch, aus den Torheiten von damals zu lernen und sich an die Opfer zu erinnern“, so Willemsen, damit sich sowas nicht wiederholt.

Ihm sei bewusst, dass es nicht einfach werde, die älteren und jüngeren Generationen unter einen Hut zu bekommen, sagt der 58-Jährige. „Ich bin auch nicht Brudermeister geworden, um den Verein in eine andere Richtung zu lenken“, betont er. Aber die Entwicklung zwinge eben zum Umdenken. Und zu den Gedankenspielen gehört auch die Fusion mit anderen Vereinen. Nicht nur mit Schützenbruderschaften, wie Willemsen erklärt. Denkbar sei auch „ein Zusammenschluss mit der Katholischen Frauengemeinschaft, der Landjugend und weiteren unter einer Dachorganisation“. Ein Thema, das im Verein kontrovers beurteilt wird, weiß Willemsen.

Unterstützung wollen sich die St.-Anna-Schützen von einem externen Berater holen, der beispielsweise Möglichkeiten aufzeigt, die Jugend anzusprechen, der jedoch auch mit etwas Distanz auf die Vereinsstrukturen blickt. Willemsen ist eines allerdings jetzt schon bewusst: „Es muss gelingen, die Begriffe Glaube, Sitte und Heimat ins Hier und Jetzt zu transformieren. Dazu braucht es Mut, die Dinge anders zu machen.“

Hier geht es zur Bilderstrecke: Blick in die Historie der St.-Anna-Schützen

(beaw)